Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 4 (April 1912)
- Article
- Haham Dr. Moses Gaster
- Date
- 1912-04-01
- Page
- Seite 347 - 348 (sequence 2)
- Language
- German
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347 Dr. S. M. Melamed: Haham Dr. Moses Gaster. 34» sein nicht zu bändigender Tätigkeitsdrang und sein Temperament in das brodelnde, kämpfende Leben. Er versuchte auch zunächst seine doppelte Begabung in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen, er suchte sein Rabbinenamt mit einem Professorenamt an dem von Montefiore gegründeten Rabbinerseminar in .Ramsgate zu vereinigen. Aber da er Eabbiner nach kontinentalem Muster heranbilden wollte und die halb anglisierten, Juden sich dem entgegenstemmten, musste er sein Lehramt aufgeben. Durch nicht sehr einwandfreie und wenig saubere Mittel wurde die Hochschule in Bamsgate, der er längere Jahre hindurch als Rektor vorstand, ruiniert und er seiner natürlichen Wirkungsstätte als Gelehrter und Lehrer beraubt. Seit 1896 ist er nur noch Haham. Die englische Judenheifc, die bis heute keinen einzigen jüdischen Gelehrten hervorgebracht, keinen Sinn für die grossen Gelehrtentraditionen des Judentums hat und jeden Rabbiner von oben herab zu betrachten gewöhnt ist, konnte an einem Dr. Gaster keinen Gefallen finden. Dr. Gaster ist der letzte, der sich von Emporkömmlingen heritnterdrücken lässt, denn er ist selbst der Spross einer uralten grossen Familie. Und da die englischen Juden auch in Dr. Gaster nur einen Reverend, der sich schön verbeugen kann, sehen und ihn als solchen behandeln wollten, gab's Kämpfe, Konflikte und unaufhörliche Reibungen. Dr. Gaster, mit seinem klassischen Rabbinerideal, wollte führen und Wegweiser sein. In England ist man, »kht mehr daran gewöhnt. Der Reverend ist lediglich eine Art Synagogendiener. Und als «ich Dr. Gaster garerkühnte, sich an die Spitze des Zionismus in England zu stellen und in die allgemeine Judenpolitik einzugreifen i da war der Teufel los. Aber glücklicherweise ist Dr. Gast er kein aschkenasischer Reverend, sondern ein Haham der Sephardim. Die sephardisehe Gemeinde aber, mit Sir Francis Montefiore, an der Spitze hielt zu ihrem geistlichen Oberhaupt, denn diese Sephardim haben Tradition im LeiSe und wissen zwischen einem Haham ä la Gaster Lange habe ich mich gesträubt, die Essays und Erinnerungen von Theodor Gomperz zu lesen. Man erlebt häufig herbe Enttäuschungen, wenn man die grossen, bewunderten Männer im Schlafrock zu sehen l^ekommt. Nur wenige von ihnen gleichen den hohen Bergen, die immer grösser erscheinen, je näher man ihnen kommt, so dass man, ganz dicht bei ihnen stehend, sie gar nicht mehr überblicken kann, und voll dankbarer Demut und froher Bewunderung seine eigene Kleinheit an ihrer Grösse mi st. Zumeist sind die grossen Gelehrten leider viel kleiner als ihre Werke, und wir gemeinen Sterblichen tun gut daran, lieber diese zu gemessen, und auf den mehr oder weniger unmittelbaren Kontakt mit den. Persönlichkeiten ihrer Urheber zu verzichten, wenn wir nicht um eine Illusion oder gar um ein Ideal ärmer werden wollen. und einem Synagogendiener zu unterscheiden. Wenn heute die Führer der englischen JuÄfen sich zu besinnen anfangen, wenn sie heute zu erkennen beginnen, dassohne jüdische Bildung und Wissenschaft das Judentum zu gründe gehen muss, so ist dies lediglich Dr. Gasters Verdienst. Die offizielle englische- Judenpolitik mit ihrem Episcopalismus ist heute bankrott. Diesen Ruin hat Dr. Gaster den englischen Juden schon vor zwanzig Jahren vorausgesagt. Jetzt geben auch sie zu, dass er recht hatte. Fünfundzwanzig Jahre stand dieser geniale Gelehrte- und mächtige Tribun einsam auf der Warte, aber er ist heute in der glücklichen Lage, die Frucht seiner langjährigen Arbeit und Kämpfe zu erleben. Was Gaster im letzten Vierteljahrhundert als- Gelehrter geleistet hat, kann hier nicht einmal angedeutet werden. Die Zahl seiner kleineren und grösseren Abhandlungen, Werke und Publikationen auf dem Gebiete der rumänischen, slawischen und orientalischen Philologie,, Sagenkunde, Geschichte, Altertumskunde, Bibelwissenschaft und Literaturgeschichte ist Legion. Seine zweibändige rumänische Cbrestomatie ist noch heute das rumänische Lehrbuch an den rumänischen Universitäten. Seine englische Machsorübersetzung zeugt von der Sprachmeisterschaft und dem dichterischem Gemüt des Hahams und wegen seiner Gelehrsamkeit auf dem Gebiete der Sagenkunde ist er von der englisch-nationalen Gesellschaft für vaterländische Sagenkunde zum lebenslänglichen Präsidenten ernannt worden. Trotz seiner Kämpfe und wissenschaftlichen Arbeitenbat er noch Zeit gefunden, sich an der Arbeit der grossen jüdischen Institutionen des Landes zu beteiligen. Er ist Vorsitzender unzähliger Vereine und Gesellschaften zur Hebung der ökonomischen, politischen und sozialen Verhältnisse der Juden in England, speziell im East End Londons und ist auch jüngst zum Präsidenten der Londoner B'nai-Brith- Loge gewählt worden. — Bis hundertundzwanzig! Dr. S. M. Melamedi £ verboten- Mir ist es leider nur wenige Male passiert, nach dem Zusammentreffen mit einem grossen Mann, dessen Werke mich erhoben und begeistert hatten, entzückt und bereichert von dannen zu gehen und mir sagen zu können: Der Mann besitzt mehr,, als er uns gab- Das war bei Georg Gizvcki der Fall, bei Lazarus, Jozef Israels, Steinthal, Max Gierymski. In vielen anderen Fällen ging ich mit dem furchtbar trübseligen Gefühl nach Haus, die Zerstörung irgend eines unsichtbaren Tempels erlebt zuhaben. Die grossen Männer erwiesen sich als kleine, armselige Organe einer geheimnisvollen Macht, als Gefässe voll köstlichen Inhalts, anderen Wänden jedoch von diesem köstlichen Inhalt kaum ein leiser Duft haftete. Nicht besser erging es mir beim Lesen der Lebenserinnerungen von Männern, deren Werke ich bewundert hatte. Auch in den Er- DIE LEBENSERINNERUNGEN EINES PHILOSOPHEN. Von Binjamin Segel, Lemberg. Nachdruck