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Ost und West · 1912-04-01 · Heft 4 (April 1912) · p. Seite 313 - 314

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 4 (April 1912)
Article
Kanada als Wetterwinkel
Date
1912-04-01
Page
Seite 313 - 314 (sequence 2)
Language
German
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313 Revue der Ereignisse. 314 Jüdin Sarah Bernhard in den Strassen der Hauptstadt Montreal mit Steinen beworfen. .Aber auch die Engländer lassen sich nicht spotten. So sind Zustände geschaffen worden, die oft sehr bedenklich an Kussland erinnern. Dies tritt sehr deutlich gerade jetzt hervor, da die Verstaatlichung der früher unter der Aegide der presbyterianischen Kirche gestandenen Queens - Universität in Kingstone auf der Tagesordnung steht. Der bezügliche, im Parlamente eingebrachte Gesetzesvorschlag reserviert nämlich die Professoren- und Beamtenstellen der Universität ausdrücklich den Christen, schliesst also die Juden aus. Die Juden haben sich erst etwas spät erinnert, gegen diese beabsichtigte Negierung ihres gleichen Staatsbürgerrechtes Front zu machen, so dass die Lage recht fraglich geworden ist. Man kann es noch erleben, dass die kanadische Kammer einen Duma-Beschluss fasst. immerhin ist noch einige Hoffnung vorhanden, dass die Bill schliesslich doch durchfällt, da auch eine Reihe konservativer und nicht sehr juden freund lieh er Politiker sie perhorresziert. Aber auch dann wird wohl Ivanada ein Wetterwinkel bleiben, der uns noch viel Sorge machen wird. * * * Amerikanische.. Wolken. Gewiss ist der Einfluss der Juden in den Vereinigten Staaten von Nordamerika gross und vielleicht noch immer im Wachsen begriffen. Aber ebendeshalb werden auch die judenfeindlichen Elemente des Landes immer aktiver. Es ist über den in den Vereinigten Staaten, sowohl in den oberen Gesellschaftskreisen als in den Volksschichten herrschenden Antisemitismus schon viel gesprochen worden. Was aber neuestens zutage tritt, übertrifft alle bisherigen Erscheinungen und ist geeignet, die grössten Sorgen hervorzurufen. Da ist vor allem der Fall Brandt-Schiff: Falk Brandt, ein Schwede, der im Hause Mortimer Schiffs, des Sohnes des bekannten Bankiers Jakob Schiff, Diener war und dann entlassen wurde, wurde vor fünf Jahren wegen ,,Einbruchsdiebstahls erster Klasse'6 und Mordversuch an seinem früheren Herrn — nach der in Amerika für solche Fälle bestehenden strengen Strafpraxis — von einem Richter, der zufällig Jude ist, zu 30 Jahren Kerker verurteilt. Nun ist plötzlich von dem bekannten König der gelben Presse, dem Oberkorruptionisten Hurst und zwei Richtern der Fall ausgegraben worden. Die öffentliche Meinung wurde mit der Enthüllung aufgeregt, dass Falk Brandt das Opfer eines jüdischen Komplottes und unschuldig sei, dass er vor fünf Jahren den Raub und Mordversuch nur deshalb zugegeben habe, um die Ehre der Gattin des jungen Schiff zu retten. Man brachte es mit Hilfe der merkwürdigen amerikanischen richterlichen Kompetenzbestimmungen soweit, dass das erste Urteil aufgehoben, Brandt freigelassen wurde und nun eine neue Untersuchung geführt wird. Bisher hat der Gang der Angelegenheit zur Evidenz erwiesen, dass Falk Brand einfach ein im höchsten Grade gefährlicher verbrecherischer Strolch von allerdunkelster Vergangenheit ist und nicht eine Verschwörung gegen ihn bestand, sondern eine solche gegen die Familie des Bankiers Schiff, überhaupt eine raffinierte und infame Aktion gegen die Juden vorliegt. Das ist auch die Meinung der Besten im Lande. Seltsam ist, dass sich diese .Aktion gerade gegen die Familie des Bankiers Schiff richtet, also gegen den, der mit Anstrengung aller seiner Kräfte in erster Linie für die Kündigung des amerikanisch-russischen Handelsvertrages wirkte. Seltsam auch, dass dieser tückische Kampf gegen die Juden gerade jetzt einsetzt, wo der neue Handelsvertrag mit Russland in Verhandlung steht..... Im übrigen hat die Aktion gegen Russland und dann die Brandt-Affäre die nordamerikanischen Juden so sehr in Atem gehalten, dass sie fast eine Wolke übersahen, die von einer anderen Seite heraufzog. i\un sind sie aber aufmerksam geworden und rüsten sich in aller Eile. Es ist nämlich ein neues Einwanderungsgesetz eingebracht worden, das, in aller Stille, durch geschickte Bestimmungen nichts weniger als die Hafensperre für jüdische Einwanderer anstrebt. Besonders interessante Punkte dieses Gesetzentwurfes beziehen sich auf die Einführung eines regelrechten Passwesens für Einwanderer — eine unerhörte Neuerung in Amerika — und auf eine Rildungsprobe. Für diese schreibt ein Amendementsvorschlag die Kenntnis der englischen oder der Sprache oder des Dialektes eines anderen Landes vor. Da fast alle einwandernden östlichen Juden nur jiddisch, das eben nirgends ,,Landessprache" ist, verstehen, ist es klar, worauf das Amendement abzielt. — Vielleicht gelingt es unseren amerikanischen Brüdern noch, das drohende Unheil abzuwenden. Wir müssen wohl trachten, selbsttätig die. Emigration zu regulieren und zu starke Stauungen an einzelnen Punkten zu verhindern. Aber wir müssen uns mit allen Kräften dagegen wehren, dass den aus Russland und überhaupt Osteuropa flüchtenden Juden ihr derzeit wichtigstes Einwanderungsgebiet verschlossen werde. * * * Zur Pässefrage. Der amerikanische Botschafter in St. Petersburg, Courtis-Hild, trat bereits mit dem Minister desAeusseren Sassonow in Verbandlungen wegen Abschlusses eines neuen Handelsvertrages ein. Andererseits teilte der russische Botschafter in Washington, Bachmatiew, seinem Chef mit, er habe aus einer Unterredung mit Präsident Taft den Eindruck gewonnen, dass Amerika in der Frage der ungehinderten Zulassung amerikanischer Juden in Russland nicht nachgeben werde. Trotzdem spricht man davon, dass auf beiden Seiten Geneigtheit bestehe, zu einem befriedigenden Resultate zu gelangen. Gerade zur rechten Zeit haben sich nun auch die englischen Juden gemeldet. In einem Protest, der von L. Alexandrow, Präsidenten der ,, Jewish Boards of Deputies" und Claude Montefiore, Präsidenten der ,,Anglo Jewish Association", gefertigt ist, wird in sehr energischer Weise auf die Verletzung des englisch-russischen Handelsvertrages durch Russland hingewiesen. Die für dieses Blatt charakteristische Aeusserung der „Times", dass der amerikanisch-

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