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Ost und West · 1912-03-01 · Heft 3 (März 1912) · p. Seite 273 - 274

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 3 (März 1912)
Article
Schulwerk
Date
1912-03-01
Page
Seite 273 - 274 (sequence 2)
Language
German
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273 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Schulwerk. 274 entwickelte sich die Stadt Hanekin und die Bedeutung der jüdischen Gemeinde wuchs mit dem Ansehen der Stadt. Die ersten Israeliten, die sich hier niederliessen, stammten aus Zahab, einem zurzeit persischen Dorf, das fünf Stunden von Serpol auf dem Weg von Hanekin nach Kirmanschah liegt. Unter ottomanischer Herrschaft ist Zahab eine ziemlich grosse Stadt gewesen, die nach dem Bericht des von dort stammenden Rabbiners von Hanekin früher 700 jüdische Familien beherbergt hatte. Nach der Zerstörung von Zahab hat seine jüdische Bevölkerung sich über ganz Kurdistan verstreut. Eine kleine Gruppe kam nach Hanekin und bildete hier den Kern der Gemeinde, der sich langsam durch den Zuzug von Familien aus Suleymanin, aus Karadagh, aus Kerkuk, aus Kirmanschah und aus Bagdad vergrösserte. Jetzt wohnen 200 jüdische Familien in der Stadt selbst und ungefähr 30 Familien in den umliegenden Dörfern, im ganzen 950 bis 1000 Seelen, deren Mehrzahl kurdischen Ursprungs ist. Die in den Häusern übliche Sprache ist das „Dschebeli" (Dschebel heisst ,,der Berg"), ein Dialekt, der aus dem Targum entstanden und stark mit der Ortssprache vermischt worden ist, die bei allen unseren Glaubensgenossen m Kurdistan, zu beiden Seiten der Grenze, gebräuchlich ist. Für ihre Geschäfte aber bedienen die Juden von Hanekin sich der kurdischen, arabischen, türkischen oder persischen Sprache, die sie alle fliessend-sprechen. In seinem Aeussern und auch in seinen Sitten unterscheidet der kurdische Jude sich vielfach von seinem Glaubensbruder in Bagdad; in seiner Körperkonstitution ist er dem letzten bedeutend überlegen. Seine Gesundheit wird durch die frische Luft seiner bergigen Heimat gekräftigt, ein guter Landwein verbessert sein Blut. Kerkuk ist in der ganzen Gegend wegen seines guten Gewächses berühmt. In Hanekin selbst ist der Unterschied zwischen den kurdischen Frauen und den aus Bagdad stammenden sehr auffallend. Diese sind schmächtig, blutarm und nicht schön gewachsen; jene wohlgebaut und kräftig, mit der Farbe der Gesundheit auf den Wangen. Da ich seit sieben Jahren in Bagdad wohne, habe ich mich an das körperliche Elend der israelitischen Frauen gewöhnt, deren blutleeres Gesicht oft noch von Gesichtspickeln entstellt ist und deren abgemagerte Gestalt das traurige Abbild einer körperlich vollständig heruntergekommenen Rasse bietet. Wie gross war meine Ueberraschung, als ich zwei Tagereisen von Bagdad entfernt in Hanekin kräftige und gesunde jüdische Frauen und Mädchen sah, die nicht von schlechtem Teint entstellt, sondern oft von bemerkenswerter Schönheit waren. Auch zwischen den Sitten der kurdischen und der Bagdader Israeliten herrscht ein bedeutender Unterschied. Während die Juden in Bagdad unter arabischem Einfluss in ihren Häusern die Gewohnheiten des Harems erst angenommen, dann noch übertrieben und damit die Frau und besonders das junge Mädchen zur strengsten Abschliessung verurteilt haben, wird bei den Juden in Kurdistan ebenfalls unter dem Einfluss des Milieus dem schwachen Geschlecht eine verhältnismässig grosse Freiheit gelassen. Die Kurden gehören zu den Mohammedanern, die am wenigsten fanatisch und religiös sind. Diese Bergbewohner sind grausam und räuberisch, kümmern sich aber nur wenig um die Vorschriften Mahomets. Ihre meist sehr schönen Frauen gehen unverschleiert; sie tanzen gemeinsam mit Männern den Nationaltanz „Tschepi", eine nach den Klängen der Flöte und Trommel ausgeführte Farandole, die dem bei Bulgaren und Griechen üblichen Tanz ,,Horo" ähnlich ist. Dieselbe Freiheit der Sitten finden wir bei den Juden. Ihre Häuser sind nicht so ängstlich verschlossen wie in Bagdad. Die Frauen weichen den männlichen Blicken nicht aus, sie wandeln unverschleiert im Umkreis ihres Stadtteiles und verstecken sich kaum vor den Mohammedanern. An Feiertagen und bei Hochzeiten nehmen sie gemeinschaftlich mit den Männern an den Festlichkeiten teil, tanzen mit ihnen den „Tschepi", und man kann junge -Mädchen beobachten, die die jungen Tänzer frisch zur Farandole heranziehen. Diese Emanzipation bildet einen merkwürdigen Gegensatz zu der eingeschlossenen und zurückgesetzten Lebensweise der Bagdader Jüdinnen. Die wirtschaftliche Lage unserer Glaubensgenossen in Hanekin ist nicht glänzend, aber auch nicht schlecht. Ihre Unbildung verhindert sie, aus ihrer Unterhändlerstellung zwischen den Grosshändlern in .Persien und Irak ausreichenden Gewinn zu ziehen. Der Mehrzahl nach sind sie kleine Ladeninhaber oder Wirtshausbesitzer, handeln mit Leinwand, Spezereien und allerhand Kleinkram oder sind herumziehende Geldwechsler. Handfertigkeit wird noch wenig geübt. Ich habe nur 5 Goldarbeiter, 2 Schuhmacher, einen Tischler und zwei Klempner gezählt. Aber jeder einzelne arbeitet. Es gibt sogar in der Gemeinde einige recht wohlhabende Leute, man hat mir sieben oder acht Kaufleute genannt, die zwischen 2000 und 4000 türkische Pfund im Vermögen haben. Ungefähr' hundert Bewohner des Judenviertels leben in ihren eigenen Häusern, und in den „Suks" gehören zahlreiche Läden den jüdischen Notablen. Wenn man nach dem äusseren Anschein und besonders nach ihrem persönlichen Jammern urteilen sollte, müsste

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