Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Article
- Der Chassidismus [Rezension]
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 261 - 262 (sequence 2)
- Language
- German
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261 Literarische Rundschau. 262 der Stilistik und Grammatik hinwegsetzen durften. Von den armen Maskilim konnte man das allerdings nicht verlangen. — Alles in allem ist das vorliegende Werk interessant, lehrreich, vielfach auch unterhaltend — malgre lui. Lector. * * * Georg Hecht: Der neue Jude. Verlag Gustav Engel. Leipzig 1911. Wenn mir nur der Verfasser den Gefallen getan hätte, die Teile seines Buches ungeschrieben zu lassen, die sieh mit den „Persönlichkeiten"' und mit der „Jüdischen Kunnt und Wissenschaft" beschäftigen! Was soll clie.je systemlose Durcheinanderwürfejung von hunderten ganz disparaten Namen, was sollen diese nichtssagenden und oft so greulich verfehlten Epitheta, die er für jeden von den Erwähnten übrig hat? Soll das „neue Judentum" wirklich dieses gedruckte Pantheon nötig haben, um vor dem „alten Judentum" und vor der nichtjüdischen Welt in Ehren zu bestehen? Denn nur auf solche Repräsentationsabsicht kann ich diese fürchterliche Entgleisung des sonst lesenswerten Buches zurückführen. Allerdings die Absicht selbst und dann die vielen, vielen Irrtümer bei dieser Massenvorstellung, die ja ungewollt sind, weisen auf einen organischen Fehler hin, dessen Wesen sich im ersten Teil der Schrift ja auch enthüllt. Es ist das Nichtzuhausesein fast aller dieser „neuen Juden" im Judentum. Es ist, da:;s sie über allerlei Forderungen und Sehnsuchten kommend, so fürchterlich naiv sind. Und vielleicht ist nichts in dem Buche Hechts für diese naive Fremdheit charakteristischer, als die Worte „Zitiert nach Sokolow", die er einer Midrasch-Stelle in Klammern nachsetzt. Selbstverständlich ist es dann erst Sorge eines solchen Hineingeschneiten, seine verschiedenen ausserjüdischen Ideen mit dem Judentum in Uebcreinstimmung 7ai setzen oder das Judentum so zu modeln, dass es in seine Weltanschauung passt. Das soll keine Anklage sein, nur eine Feststellung, und es soll damit nicht gesagt sein, dass nicht .schliesslich doch eine wirkliche Heimkehr möglich ist. Freilich jedermanns Sache ist es nicht. Man muss feste Zähne haben und immer härtere Nüsse knacken lernen. Vielleicht kann das der Verfasser des „Neuen Juden". Dann wird er es auch einmal lernen, mit seiner Individualreligion abzurechnen, die übrigens in der neureligiösen Bewegung der europäischen Völker jetzt auch nicht mehr zu hoch im Kurse steht. Im ganzen sind seine Aussichten nicht allzu schlecht. Denn er fasst sein neues Judentum wenigstens nicht trocken politisch, sondern kulturell politisch auf. Und damit ist ihm ein Weg gegeben. Sympathisch berührt auch sein Verständnis und sein Eifer für den Gedanken eines alljüdischen Arbeits- Zusammenschlusses und Kongresses. pa. * * * U n g e r , Dr. J o a c h i m Jacob, Rabbiner der isr. Kultusgemeinde zu Iglau (Mähren): Hebräische Dichtungen. Jubelausgabe, veranstaltet von dankbaren Schülern und Verehrern des Meisters aus Anlass der Vollendung seines 50. Amtsjahres. Wien. 1911, in Kommission bei K. Löwitz I. Einem warmen Herzen entsprungen, werden diese wahrhaft klassisch geschriebenen hebräischen Dichtungen dem Kenner und Freunde unsrer altehrwürdigen, heiligen Sprache und Literatur bestens willkommen sein und mit wachsendem Interesse gelesen werden. Der Verfasser, zu den Intimen des unvergesslichen Michael Sachs und Professor Lazarus in Berlin gehörend, hat durch mehr als 60 Jahre an diesen Poesien gearbeitet, deren erstere im hebräischen Parnass, den „Kochbe Jizchak" erschienen und schon damals viel gelesen wurden. Ausser dem herrlichen Drama ,,Gan Eden" und dem über 00 Jahre alten „Purimlied", öffentlich neinerzeit in Frankfurt a. M. gesungen, heben wir als Pointe de resistance die vielen Sonette hervor — weit über ein halbes Hundert —. die in wenigen aber meisterhaft geschriebenen Versen das Bild der Persönlichkeit, der sie gewidmet sind — wir finden viele gute Bekannte darunter — mit fast photographischer Treue wiedergeben. Ein wolilgetroffenes Titelbild des Dichters ziert das besonders schön ausgestattete Werk, dessen Erscheinen von sehr vielen mit Freude begrüsst werden wird. Mtz. A. DER TAUBE. Von David Bergelsohn. IV. In einer Frostnacht war's. Der Taube träumte, dass er aus dem höchsten Mühlfenster herausschaue und sehe, wie unten im Mühlhof Mendel der Bäuerin, die im Kontor aufräumt, nachjagt. Sie läuft erschreckt davon, schleift über das Eis und hat Angst, dass Mendel sie packen wird. (nd nicht weit steht Schulz, der Müller, hält sich den Bauch vor Lachen und schreit : Pack sie! . . . Pack sie! . . . Und plötzlich sieht er, dass es nicht die Bäuerin ist, der Mendel nachjagt, sondern seine Tochter Esther. Ein Schauer fasst ihn. Esther entläuft, streckt die Hände aus und schreit vor Angst. Wäre er nicht taub, er müsste den herzzerreissenden Schrei hören. Des Morgens fluchte die .niederträchtige Trödlerin. Fluchte unaufhörlich* Ja, sie zerrte ihn sogar am Aermel. Aus dem Jüdisch-Deutschen übersetzt von X. (Fortsetzung.) Nachdruck verboten. Warum er eigentlich des Nachts so geschrien habe? Er wunderte sich, zuckte die Achseln: Wie? Er geschrien? Er habe nicht geschrien. Er hatte den Traum schon vergessen, dachte weder an Mendel noch an die Bäuerin. Die alten Stiefel heraufziehend, betrachtete er sie und es fiel ihm ein, dass man sie schon einfetten müsste. Dann gin^ er in die Klaus. Dort sass er lange am heissen Ofen und es fiel ihm ein, dass er Wärme liebe, auch den Kopf vom Fische, und heisses, frisches Weissbrot 'und ein Stück fettes Fleisch. Dasselbe Fleisch, das Byk einmal in seiner Gegenwart ass. Ja, Byk weiss, was gut ist. Mittlerweile haben sich viel Menschen in der Klaus versammelt. Man geht herum und spricht. Merkwürdigerweise wird nicht gebetet. Es kommen immer neue Leute. Sonderbar geschwind kommen sie herein