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Ost und West · 1912-03-01 · Heft 3 (März 1912) · p. Seite 259 - 260

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 3 (März 1912)
Article
Frau Sophie und ihre Kinder [Rezension]
Date
1912-03-01
Page
Seite 259 - 260 (sequence 1)
Language
German
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259 260 LITERARISCHE RUNDSCHAU. Franziska Mann: Frau Sophie und ihre Kinder. Kütten u. Loening. Frankfurt a. M. 1912. Heutzutage ist jeder, auch der Widerstrebende, mit einem Tropfen Frauenhass a la Strindberg und Weininger gesalbt. Wer sicli nun etwa sehnt, selbst diesen Tropfen fortzubringen, — auch solche Sehnsucht soll vorkommen — dem rate ich obiges Buch zu lesen. Kein Zweifel, es ist ein durchaus weibliches Buch. Das Leben, die Welt, die Menschen sind mit weiblichen Augen gesehen, mit weiblichen Sinnen erfasst, weiblich empfunden. Das merkt man am besten an dem einzigen Jungen in der Kinderschaar, die neben der Grossmutter fast den ganzen Menschenbedarf des Buches deckt. Oder besser nicht an ihm, sondern an den zaghaften, verwunderten weiblichen Blicken, die ringsum auf ihn gerichtet sind. Die Grossmutter selbst ist — zumindest bei Beginn der Geschichte — noch jung, genug jung, um spät winkendes Glück auszuschlagen. Sie entscheidet sich für die Pflicht, widmet sich den früh verwaisten Enkelkindern. Und wie sie sich widmet, wie sie dabei selbst als Mensch vorwärts und aufwärts kommt, wie sich das Kindervolk an ihr hinaufrankt, — das ist der ganze, der reiche Tnhalt des Buches. Ja, auch der reiche. Man sollte es nicht glauben, wie diese stille Geschichte fesselt und spannt. Wie wohl die milde Klarheit tut, die sie durchzieht und die man auf jedem neuen Blatte neu zu erfahren sich sehnt. Und wie tief wehe die leise Melancholie des Erkennens: Auch das tiefste und reichste Leben lebt dem Tode zu. b. Arthur S c h n i t z 1 e r : Das weite Land. Tragikomödie. S. Fischer. Verlag, Berlin 1911. Vor allem ist mir unerfindlich, warum eigentlich Schnitzler sein Stück als Tragikomödie bezeichnet hat. Bei diesem schrecklich traurigen Ende hätte er schon das Wort Komotragödie verbrechen können. Aber im Grunde finde ich auch in der Mitte nichts Komisches, nicht von der „Komödie der Liebe", weder wie sie I b.sen noch wie sie irgend ein Franzose meint. Ich habe die Zahl der Ehebrüche in dem Stücke nicht nachgezählt, aber ich versichere, es sind ziemlich genug, und kein einziger von ihnen ist komisch. Im Gegenteil, alle sind sie ernst, für die Beteiligten sowohl, als für die Anderen, die sie wittern. So launegeboren und zufällig sie auch kommen und gehen, sind sie doch ohne jeden Anreiz zum Lachen. Denn der Dichter steht gar nicht lustig, sondern todernst hinter ihnen. Freilich, ohne ihnen auch tragische Kraft geben zu können. Weil ja sein Ernst selbst nicht tragisch ist. nicht tragisch zu nehmen ist. Das ist ja schon seine Geschicklichkeit, die Leute im Duell und durch Selbstmord zu töten — mehr als nötig und tragisch ist. — Ganz ausgezeichnet ist wie immer das Wienerische Timbre seiner Gestalten. Nur ist das wirklich wahr, dass in der letzten Zeit auch dort unten so eine Art anglo-amerikanisierender Spekulationen-Nietzsches grassiert? Das täte mir wirklich leid. a. * * * Vems (A. Marcus): Der Chassidismus eine kulturgs- SChichtliche Studie. Verlag von S. Marcus, Hamburg. Es dauert lange und erfordert viel guten Willen und Gelehrigkeit, bis man diesem umfangreichen und mit grossem Fleiss gearbeiteten Buche gegenüber den richtigen Standpunkt gewinnt. Es gibt sich als kulturgeschichtliche Studie, aber Nachdruck verboten. der Leser wird bald gewahr, dass er dem liebenswürdigen, guten Yerfasser bitter unrecht täte, wenn er an seine Ausführungen und Aufstellungen den Massstab strenger historischer Kritik und Wahrhaftigkeit legen würde. Wem wird es z. B. einfallen, die Behauptung ernst zu nehmen, dass unser Chassidismus in direkter Abfolge von den Chassidim zur Zeit der Makkabäer zu verstehen sei? Und wenn er uns versichert, die Chassidim seien in den polnischen Ländern „fest organisiert'', so gibt er diesem Wort offenbar eine so weitherzige Bedeutung, die nur sehr wenige geneigt sein werden zu akzeptieren. Aber wenn wir lesen, dass „zwei der grössten jüdischen Gelehrten ihrer Zeit, R. Moses Isserl > aus Krakau und R. Salomo Lurja aus Lublin von der Krakauer Universität zu Doktoren honoris causa ernannt worden waren", so reissen wir förmlich die Augen vor Staunen auf, und bedauern aufs tiefste, dass der Verfasser uns die Quelle nicht nennt, aus der er die verblüffende Kunde geschöpft hat. Es gibt hier noch viel ähnliche Nachrichten, die dem Leser ganz neue und höchst ungeahnte Erkenntnisse erschliessen. Am Ende wird man aber gewahr, dass man hier eine Bekenn tnissehrift vor sich hat, die auch zum Teil, sogar zu einem sehr grossen Teil Apologie sein will. Leider hat der Verfasser, wahrscheinlich mit Absicht, auf jeden Reiz der Darstellung, auf jede logische und organische Gliederung des Inhaltes verzichtet und zuversichtlich dem Stoff allein vertraut, dass er von selber wirken werde. Und er wirkt tatsächlich. Wenn der Leser sich mit Liebe und Geduld durch das Buch hindurchgearbeitet hat, verzichtet er gern darauf, historisch belegte Urteile über Ursprung und Entwicklungsgang des Chassidismus, oder begründete Ansichten über dessen kulturhistorischen Wert und dessen Bedeutung für das religiöse und soziale Leben der Juden zu finden. Er wird reichlich entschädigt durch die treuherzigen und aufrichtigen Bekenntnisse dieses Chassicls, die ihn belehren, wie sich der Chassidismus in der Seele eines Mannes spiegelt, der am Ende doch durch die Schule der modernen Disziplinen gegangen und dem Chassidismus treu geblieben ist. Auch dem gründlichsten Kenner der chassidischen Originalliteratur wird sich viel Neue*, und Verwertbare; bieten. Er wird daher dem Verfasser nicht grollen, dass er viele sehr hervorragende und hochverdiente Männer, die in ihrer Jugend Chassidim gewesen, als ..Renegaten" schmäht. Am Ende besteht der weitaus grösste Teil der Juden in Osteuropa heutzutage in diesem Sinne aus Renegaten. Wenn es den Leser erheitert, dass der Verfasser die gesamten modernen Wissenschaften als höchst überflüssigen und nutzlosen Plunder beiseite schiebt, so wird er bedenken, dass z. B. Brunetiere etwas Aehnlich.es getan hat. Freilich unter ganz andern Umständen und Verhältnissen. Schliesslich hat selbst Brunetiere dem Fortschritt der Wissenschaften nicht geschadet. Viel ärgerlicher ist der unversöhnliche Hass, mit dem der Verfasser die „Neuhebräer" verfolgt. Darunter sind die gesamten Vertreter der modernen hebräischen Literatur gemeint. Was für Sünden diese auch begangen haben mögen, dafür, dass sie Hebräisch schrieben, werden sie doch gewiss nicht in der Hölle schmoren. Denn Hebräisch haben ja am Ende auch die allerheiligsten Zaddikim geschrieben. Der Unterschied ist nur. dass die Maskiiim ein gutes, reines, klassisches Hebräisch schrieben, mitunter sogar das schönste Althebräisch, während die Zaddikim kraft der ihnen innewohnenden Heiligkeit und überirdischen Macht sich über alle Regeln

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