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Ost und West · 1912-03-01 · Heft 3 (März 1912) · p. Seite 257 - 258

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 3 (März 1912)
Article
Theater
Date
1912-03-01
Page
Seite 257 - 258 (sequence 2)
Language
German
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257 Theater. Felix Stüssinger. 258 rend mimlich Schnitzler in jenem Trauerspiel ein verworrenes Gemälde der menschlichen Seele entwarf, hat er hier ihre Verlogenheit (wenn man so ein pathetisches Wort gebrauchen darf) mit der überlegenen Sicherheit des Weltmannes dargestellt. Es herrscht kein Bruch zwischen Werk und Dichter. Der selbstverständlichen Sicherheit dieser Aristokraten, deren Lieb- und Kundschaften so graziös mit der Gesellschaft und ihrer moralischen Norm Versteck spielen, entspricht die ironische Distanz des belustigten, niemals sittlich richtenden Dichters. So erklingt das Stück wie ein fröhliches Spiel mit der Gesellschaft, in dem der Dichter aus der Harmlosigkeit eines Vaters die ergiebigste Heiterkeit schöpft. Komtesse Mizzi ist 37 Jahre alt. Sie lebt auf dem Landschloss ihres Vaters und malt Stilleben. Der Vater ist alter Offizier, der Typ des gutmütigen, bischen sehr dummen, leicht gerührten österreichischen Kavaliers, dessen Herzlosigkeit aus Noblesse kaum je zum Ausbruch kommen kann. Kr ist Witwer, und da er das schon lange ist, hat er mit einer hübschen Theaterdame Beziehungen, die ihm fast ehelich vorkommen, so gut kann seine Lolo kochen. Eine Sorge trübt aber dieses idyllische Landleben. Mizzi will nicht heiraten und der Vater macht sich über die.:,e Extravaganzen seiner Tochter reichlich Sorgen. Vor IS Jahren hat sie einen Kavalier abgelehnt, — jetzt ist sie 37 — wie soll das nur enden . Aber die Komtesse ist keine vernachlässigte,Jungfrau geblieben. Ein Freund ihres Vaters, Fürst von Ravenstein, kommt auf das Landschloss und stellt dem überraschten Grafen Arpad seinen 17jährigen Sohn vor, der bis dahin im Verborgenen als Graf Philipp Radeiner geblüht hat. Und (lieser grosse Junge, ein richtiger Schlankl, ist der Sohn der Komtesse Mizzi! Ihr Vater hat noch nie gewagt, seine Freundin Lolo auf das Landschloss zu bringen, aus Furcht, die Tochter könnte merken, dass es so etwas gibt; und der gute Mann glaubt sogar, sie ahne nicht, wo er seine Abende verbringt. Und dieses Mädchen hat einen siebzehnjährigen Sohn. Es ist nun sehr taktvoll, dass Schnitzler den Vater nicht aufklärt. Die Ironie des Stückes ist ja gerade, zu zeigen, wie die Wirklichkeit hinter dem Rücken des Vaters aussieht. Und mit wieviel Delikatesse das gemacht wird, '-eigt ein Vergleich mit dem viel derberen, possenhaften, im Gründe moralistischen Schwank von Thoma „Lottchens Geburtstag". Aus dem ersten Wiedersehen der Mutter mit hrem Sohn — der ihr natürlich den Hof macht — sind reizende Situationen gewonnen Avorden. Zum Familientag wird das Beisammensein der vier aber erst dadurch, dass auch Lolo plötzlich erscheint und von der Komtesse Mizzi, die natürlich »lies weiss, sehr freundschaftlich, fast schwesterlich, auf- Gruppe schwarzer Juden in Cochin, genommen wird. Fürst Egon macht nun der Komtesse einen Heiratsantrag Sie lehnt ihn aber ab, denn sie liebt ihn ja längst — seit 17 Jahren — nicht mehr. Graf Arpad ist etwas ärgerlich, weil er glaubt, seine Tochter lehne aus Prüderie einen Mann ab, der einen unehelichen Sohn hat; trotzdem entschliessen sie sich, alle zusammen nach Ostende zu fahren. Und mit einer ironischen Schlusspointe schliesst das Stück. Vorher verabschiedet sich aber Komtesse Mizzi noch von ihrem Mallehrer, nicht nur der Abreise wegen, auch weil sie mit dieser — Liebschaft Schluss machen will. Dieses anmutige Stück ist von wahrhaft romanischer Formglätte. Romanisch ist der das Frotische umschreibende Witz und die leichte Grazie, die mit einem Silberstifte Pointen hinsetzt und ohne jeden Zwang die Sätze zu Pfeilen spitzt. Schnitzler ist also noch immer der Meister einer in Deutschland so seltenen Form und wird wohl als solcher — als Dichter des Reigen, Ana toi, der Lebendigen Stunden — am dauerhaftesten der deutschen Literatur angehören. Wenn er das Weltbild zu einem Roman wie dem „Weg ins Freien'' erweitern kann, dann gibt er das formal Höchste, was ihm erreichbar ist. Nur das grosse Drama, nach dem er sehntüchtig strebt, bleibt ihm verschlossen.

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