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Ost und West · 1912-03-01 · Heft 3 (März 1912) · p. Seite 221 - 222

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 3 (März 1912)
Article
Zum 11. März
Date
1912-03-01
Page
Seite 221 - 222 (sequence 1)
Language
German
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221 Revue der Ereignisse. 222 Zum 11. März. Am 11. März 1812 gab König Friedrich Wilhelm III. von Preussen den Juden seines Landes die staatsbürgerlichen Rechte. In den nächsten Tagen werden es hundert Jahre, seitdem diese grosse Tat geschah, und die Juden Preussens, Deutschlands, ja der ganzen Welt haben allen Anlass, ihrer mit Erkenntlichkeit und Freude zu gedenken. Es liegt ein Stück Zukunftsgarantie in jeder Entwicklung, der das deutsche Volk sich angeschlossen hat. Allein, gestehen wir es nur offen: Unsere Freude ist nicht ohne Schatten der Wehmut und der Trauer. Die Entwicklung geht auch dort, wo sie schon vor hundert und mehr Jahren eingesetzt hat, ein wenig zu langweilig und langwierig vor sich. Und noch gibt es Länder und Völker, die in bezug auf die Emanzipation der Juden nicht einmal noch die ersten Schritte getan haben. Ueber drei Viertel der Judenheit leben noch unter mittelalterlichen Bedingungen. Und das ist noch nicht alles, was unsere Freude zu dämpfen geeignet ist. Leider haben wir auch allen Grund, mit uns selber unzufrieden zu sein. Nicht in der Richtung nach aussen, — da taten wir alles, was man billigerweise von uns verlangen konnte. Und wer das Gegenteil sagt, verleumdet bewusst oder unbewusst. Nein, unsere Sünden richten sich nach innen. An uns selber versündigen wir uns, an unserer grossen, geistigen Erbschaft, an unserer Eigenart, an unserem starken Leben. Die Emanzipation ist uns zu Kopfe gestiegen und im Rausche geben wir unser Bestes preis, vernachlässigen es, lockern es, werfen es gelegentlich auch von uns ab: Unser Judentum, unsere Ewigkeit, unsere Grösse. . . . Es sind ja einige Anzeichen der Selbstbesinnung da. Nur sind sie noch zu schwach, um über die schweren Gefühle hinwegzuhelfen, die die Freude an der Emanzipation verdüstern. Vielleicht sind unsere Urenkel nach hundert Jahren glücklicher. Vielleicht werden sie schon in einem Judentum stehen, das die Kinderkrankheiten der Emanzipation überwunden und eingesehen hat, dass jüdische Art der Welt erhalten bleiben müsse. Vielleicht. . . Es wäre auch gar zu lächerlich, wenn der ewig junge, ewig sich verjüngende Greis, der da Jude heisst, schliesslich an einer Kinderkrankheit zugrunde ginge. ILLUSTRATIONEN ZU RUSSLANDS JUDENPOLITIK IM LETZTEN MONAT. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. (Fortsetzung aus Heft X, XI und XII, Jahrg. XI und Heft I und II, Jahrg. XII.) Auf Grund Petersburger Weisungen wird die vollständig halt- und inhaltlose Anklage gegen den Kiewer Juden ßeilis wegen E r m o r - dung des Knaben Juszczinski erhoben. Die „echten Russen" beeinflussen das Gericht. Die sensationellen Entdeckungen des Journalisten Brasul-Bruschkowski, die die wahren Mörder genau bezeichnen, werden nicht beachtet. Die Mörder laufen frei herum. Die Anklage des Mordes an. nimmt r i t u a 1 e M o t i v e Bei der Beratung des neuen Militärgesetzes stellte der Vorsitzende der Gerichtskommission den Antrag, dass das Gesetz, vermöge dessen die Angehörigen eines jüdischen Militärflüchtlings mit 300 Rbl. zu bestrafen seien, abgeschafft werde, da es einem Hauptprinzip des Strafrechts widerspreche. — Die Duma hat diesen Antrag, gegen den sich auch die Regierung aussprach, abgelehnt! In der Presse wurden in der letzten Zeit belobende Zeugnisse, die ausgedienten jüdischen Soldaten von ihren Rotten-Kommandanten herausgegeben worden waren, mitgeteilt. Daraufhin verbot die Wilnaer Militär-Verwaltung den Offizieren, solche Atteste auszustellen. Das Recht soll fortan nur den Kommandeuren ganzer Militärabteilungen zustellen. Der Justiz minister Sc h t s c h c g 1 o - w i t o w plant die Einführung einer Prozentnorm für jüdische Advokatengehilfen in ganz Russland. Der Warschauer Inspektor für Kleinkredit bekam eine Beschwerdeschrift, dass die jüdischen Leih- und Sparkassen mehr Prozente zahlen als die nicht jüdischen, und dadurch, entgegen den Gesetzen, christliches Kapital anziehen. Diese Beschwerde nahm der Inspektor ernst (!) und ordnete eine ,,Verstärkung der Kontrolle" der jüdischen Leih- und Sparkassen an. Der Perejaslawer Friedensrichter verurteilte einen jüdischen Schlosser, M. Binder, wegen Verfertigung eines Kreuzes, das ein Geistlicher bei ihm bestellt hatte. Die Nischner Gouvernements Verwaltung hat der Messeleitung von Nischni-Nowgorod mitgeteilt, dass sie — so lange der Senat keinen Beschluss wegen des Rechtes von Juden, auf dem. Messplatz unbewegliche Güter zu kaufen, gefasst habe — den jüdischen Kaufleuten nur die Reparatur, aber nicht den Umbau oder Neubau von Häusern gestatten könne. Das Kursker Gericht hat drei Juden zur Ausweisung aus Kursk verurteilt und die Vermögenskonfiskation ausgesprochen, Einer der verurteilten

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