Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Article
- Sonderbarer Geschmack
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 219 - 220 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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219 Revue der Ereignisse. 220 tücken. Und dann: wenn nicht höhere Ideen, — die eigentlichen Bürgschaften einer friedlicheren Entwicklung, wenigstens für später, — verletzt werden. Und eigentlich sind beide Bedingungen eine. Gewiss, es ist sehr schön, wenn England und Russland sich nähertreten. Aber es muss eine Befreundung sein, nicht eine Anfreundung. Und sie darf nicht damit erkauft sein, dass die höhere Idee, die höhere Lebens- und Staatsform, die Gesittung, vor dem Fanatismus, dem Despotismus und der Barbarei kapitulieren. Sie darf nicht damit beginnen, dass man gemeinsam auf Raub ausgeht — siehe Persien — und darf nicht damit schliessen, dass man eine Deputation englischer Parlamentarier und Mutabilitäten nach der Kosakei schickt, um. dort der Nagaika zu huldigen. Es ist noch eine Ehre für England, dass diese Deputation nur unter den lebhaftesten Protesten derjenigen Engländer zustande kommen konnte, die das Schämen noch nicht verlernt haben. Aber es ist traurig, dass sie schliesslich doch zustande kam und hinüberging*, um dort, dem persischen Abenteuer und fetten Geschäften zuliebe, jenen Russen in den Rücken zu fallen, die für englische Zustände in Bussland kämpfen. Und nur eine kleine Genugtuung bleibt dabei, dass sie von den angeschmeichelten russischen Machthabers recht schnöde behandelt wurde. Wie tief das englische Würdegefühl gesunken ist, zeigt übrigens auch ein Artikel William. Steads in der ,,Review of Reviews". Man kennt ja den Mann eigentlich und nicht von der vorteilhaftesten Seite: Einer der ältesten internationalen Stänkerer und immer im Namen des Friedens! Und immer in Russland verliebt! Mit diesem, sonderbaren Geschmack begabt, ist er nun natürlich dahin gekommen, die J uden der Vereinigten Staaten und Englands als Friedensfeinde und unpatriotisch anzugreifen, weil sie hier angeblich—übrigens gar nicht wahr—an der perserfreundlichen Bewegung teilnehmen, und dort die Pässekampagne eingeleitet haben. Wir möchten sehen, was der ruchlose Hetzer und Schwätzer, — der sich übrigens schon oft genug für Opfer der Tyrannei eingesetzt hat, wo es ihm passte, — sagen würde, wenn irgendwo in der Welt Engländer so behandelt würden wie die Juden in Russland: ob er dann auch den Engländern allerorten es verübeln würde, dass sie zugunsten ihrer Stammesgenossen in die Politik eingreifen. Und als ob die Juden, die sich an ihre gepeinigten Stammesgenossen erinnern und ihre eigenen Rechte im Auslande wahren, zugleich mit dieser ihrer jüdischen Haltung nicht auch eine patriotische dartun würden, indem sie das Vaterland vor russischer Freundschaft bewahren. Denn dass das mächtige England und die mächtige Union und der Weltfriede die russische Fein d s c h a f t zu fürchten haben, — das können nur Steades, „Times"-Männer und die Interessenten für Pogromssehenswürdigkeiten zu glauben vorgaukeln. * * * Mit der Walze über das Judentum. Unter der Aegide des Professors Sombart ist soeben ein Büchlein erschienen, das sich „Judent a u f e n" betitelt und eine Sammlung von Antworten darstellt, die Dr. A. Landsberger anlässlich einer von ihm veranstalteten Enquete über das jüdische Problem erhielt. Die Fragen selbst waren gerade nicht sehr glücklich zusammengestellt, indem sie die Antwortenden in das Prokrustesbett der mechanischen Phantasie des Fragestellers zwangen, statt ihnen die Möglichkeit zu belassen, ihren Geist und ihre Einbildungskraft frei zu recken und zu strecken. Immerhin genügten sie aber, um aus einer ganzen Reihe von Leuten, die für das Deutschtum repräsentativ sind oder sein sollen, herauszubringen, was sie über Juden, Judentum und jüdische Zukunft denken. Und insofern ist die kleine Schrift ein Ereignis geworden. Allerdings ein trauriges! Es macht einen geradezu niederschmetternden Eindruck, zu sehen, mit wie wenig Tiefe und, was noch schlimmer ist, mit wie wenig Billigkeit auch die Besten auskommen, wenn es sich um Kulturgestaltungen und Kulturkreise handelt, die gerade nicht die ihrigen sind. Unter den Antwortenden sind im ganzen vielleicht drei oder vier, die nicht an der Oberfläche blieben, und ungefähr eben so viele, die den Juden am Leben lassen wollen. Man sollte es nicht glauben: Männer, deren geistige und sittliche Qualitäten unanzweifelbar sind, sind einfach wild darüber, dass die jüdische Kultlirindividualität, deren Stärke und grandiosen Hintergrund sie selber zugeben, noch Lebenszeichen von sich gibt. Da schreibt z. B. Hanns Heinz Ewers, dem man, nach seinen Werken zu schliessen, eine ganz andere geistige Resonanz zugemutet hätte, einen Artikel speziell gegen die jüdische Religion nieder, den man impertinent nennen müsste, wenn er nicht, auch in seinem, allgemeinen Teile, eine anödende Dürre verriete, die alles erklärt und entschuldigt. Und auch Richard Dehme! enthüllt sie Ii uns in seinem denkenden Privatleben als Berserker, der gerne mit einer Strassenwalze über das Judentum dahinrasen möchte. Wobei er die Berechtigung zu diesem Verlangen aus seinen zwei glücklichen Ehen mit Jüdinnen abzuleiten scheint. Aber die Gemässigten und Ruhigen — z. B. Professor Kohler, Professor Gurlitt, Fritz Mauthner — sind nicht einsichtiger und gerechter als die Radikalen und Wilden. Immer und immer wieder dieselbe leichtsinnige und einseitige Methode, dieselbe grausame Selbstverständlichkeit, dass das Judentum nicht gefragt wird. Und immer und immer wieder auch dasselbe alberne Chauvinistengetue, als ob die deutsche Kultur in Gefahr sei, solange das Judentum lebt. So ist dieses Buch wirklich danach angetan, unsere Herzen mit Kümmernis und Sorge zu erfüllen. Es bleibt nur eine Hoffnung und ein Entschluss: die Hoffnung, dass diejenigen, die dem Lebensverlangen der Juden mit tieferem und gerechterem Verständnis gegenüberstehen, allmählich von seltenen Ausnahmen zur Regel werden; der Entschluss, die anderen nicht viel zu fragen, sondern kühn und aufrecht den Weg unserer Art, den Weg unseres Lebens zu gelien. * * *