Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Article
- Beilis
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 211 - 212 (sequence 2)
- Language
- German
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211 Beilis. 212 J)ervortritt}t, von allen bemerkt, dafc alle Deinen Damen kennen unb nennen..... Die Juden finö gewöhnt, 3ufammen 3U leiben. Brennt ein ruffifd)=jüöifd)es Stäötcfyen, fo brennt es bis 3um legten ßäusdjen nieber. 3iel}t eine f5eimfud)ung herauf, fo ergreift fie alle. Unb bie 6e[amt!)eit bleibt fo 3iemlid) gefafet. Sie wirb ein bifccfyen gebeugt, aber fie weife, bie Hot wirb wieber vorübergeben. Das Stäbtcfyen wirb wieber aufgebaut werben. Dod) kaum wirb einer aus \\)v herausgegriffen, wäd)ft ih>r 5d)rech ins Riefen* grofce. 6ie füt)lt: fie felber ift unbefiegbar, il)r kann man nid)t beihommen, aber ben 6in3elnen — ityn kann man bod) vernichten. Unb wie foll bas enben, wenn man beginnen wirb, bie ein3elnen 3U greifen unb 3U vernichten? Das jübifd)e Volk in Rufc lanb, bem man alle Red)te geraubt l)at, will jet5t wenigftens bas Privilegium haben, blofe als Gefamtheit angegriffen 3U werben. Unb 3um Schreck gefeilt fid} nod) ein anberes fchmerjlid^es Gefühl, eine peinigenbe Srage: Warum gerabe Beilis unb nicht id), warum nid)t irgenb ein anberer blaffer Jube, ber am peffad)fefte 0Da33OS ifot? Warum mufete gerabe ben blaffen Beilis bie furchtbare Anklage treffen, bafe er rotes Chriftenblut trinkt . . .? Die Verhandlung im Pro3effe Beilis wirb balb ftattfinben. 6s wirb ein Rampf 3wifd)en Cid)t unb Sinfternis fein. Wer als Sieger hervorgehen wirb, weife man nicht. Aber eins ift klar: Das 6rgebnis hängt in Y)o\)em (Dafee von ber flufmerkfamkeit ber Gefellfchaft, b. I). bavon ab, wieviel Sympathien für ben unglücklichen Juben, ber in biefem Augenblick bas gan3e jübifcfye Volk vertritt, aufgerüttelt werben. PhYfifd) ift Beilis angeklagt, moralifch bas Judentum. Wir alle finb angeklagt unb verantwortlich. Wir alle finb beleibigt. Die Juben Wefteuropas ebenfo wie bie Juben bes ruffifchen flnfieblungsrayons. €s gibt keinen Juben, unb fei es auch auf bem giücklicbften Siech ber Crbkugel, ber fagen könnte: Id) bin nid)t mitbefchulbigt, id) bin nid)t mitbeleibigt. CO i d) kümmert bas nid)t. Jeber ift Sd)ulbner biefes einen Beilis, ber, ein Gütiger, bie Caft eines gan3es Volkes trägt. Unb wenn heute Canbesgren3en bie Gleid)bered)tigten von ben nid)tgleid)bered)tigten trennen, fo kann alles anbers werben, wenn Beilis verurteilt wirb. €in fold)es Urteil wirb wie glutenbe Cava über bie Gren3en brechen unb aud) biejenigen erfaffen, bie fid) gar fo fel)r in ber Sicherheit ihrer weftlid)en Crrungenfd)aften wiegen. DER RUMMEL UM SOMBART. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. Als Sombarts Buch „Die Juden und das Wirtschaftsleben" erschien, war man mit der ersten Hälfte auch dort zufrieden, wo diezweite auf entschiedenen Widerstand stiess. Man sah sich eben nicht tingerne in den Mittelpunkt der neueren Geschichte gerückt. „Wie die Sonne geht Israel über Europa: wo es hinkommt, spriesst neues Leben empor, von wo es wegzieht, da modert alles, was bisher geblüht hatte." Solche und ähnliche Worte schmeckten eben nur zu gut. Aber es waren auch Leute da, die diesen anscheinend so schmeichelhaften Teil des Buches gar nicht so schmeichelhaft fanden. So erging es z. B. auch uns. Ohne dass es uns je eingefallen wäre, die zivilisatorische Funktion des Kapitalismus zu leugnen, hatten wir doch das Empfinden, als ob die Juden denn doch nicht gar zu stolz darauf zu sein brauchten, gerade das auserwählte Volk des Kapitalismus zu sein. Und dieses Empfinden erhielt eine leise gegen Sombart gerichtete Spitze dadurch, dass wir es auch in ihm leben fühlten. Wozu dann aber die Komplimente? — fragten wir uns. Nun war der zweite Teil des Buches wirklich nicht darnach angetan, uns diese Frage so zu beantworten, dass wir uns über Sombart hätten beruhigen können. Es sei ganz davon abgesehen, dass er oft Worte wählte, die wie aus einem antisemitischen Zitatenschatz genommen schienen. Der Inhalt an sich, auch dort, wo der wissenschaftliche Ton gewahrt war, musste jeden Juden, der etwas auf sein Judentum gibt, empfindlich verletzen: Das jüdische Volk seit den ältesten Zeiten — denn Sombarts Nachweise schonten auch das biblische Zeitalter nicht — rechenmässig veranlagt. Die jüdische Religion ein Geschäft mit Gott und eine Art Anleitung zum Reichwerden. Der Kapitalismus sozusagen ihr Zwillingsbruder, beide von denselben Grundideen erfüllt. . . . Schlimmer hat's ja nicht einmal Chamberlain getrieben. Und doch konnten wir uns nicht entschliessen, Sombart Chamberlain gleichzustellen, ihn wie diesen als Antisemiten zu werten. Ja, wir gestehen es offen, — trotzdem uns sein Buch im ersten Teile verstimmte, im zweiten sogar empörte, hatten wir doch etwas für ihn übrig. Wir glaubten nämlich zu erkennen, was in seiner Seele vorging oder besser, dass zwei Seelen in seiner Brust waren, die miteinander stritten. Wir sahen, wie das ererbte Artvorurteil an ihm zerrte, wie es oft nicht nach-