Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Article
- David Bergelsohn
- Date
- 1912-02-01
- Page
- Seite 163 - 164 (sequence 2)
- Language
- German
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163 Sch. Gorelik: David ßergelsolm. 164 zu rühren. Ihm ist das Niclitausgesprochene vertraut, das Zagen der Seele, das schweigende Pathos, der innere Takt, der so sehr das Intime zu zertreten fürchtet. Das Leitmotiv von allem, was Bergelsohn bis jetzt schrieb, ist die Einsamkeit des Menschen. Der Ton ist im allgemeinen ein elegischer, nur manchmal klingt er stark und tragisch, wie gerade in der psychologischen Erzählung „der Taube". Der alte, taube Vater des Dienstmädchens steht allein in der grossen, weiten Welt mit seiner Angst und mit seinem Zorne. Auf der einen Seite das grosse Verbrechen, der Wille zur Rache, und auf der anderen Seite die Hilflosigkeit, die Einsamkeit und Verlassenheit des Alten, der, so sehr an König Lear gemahnend, mit seinen versteckten, einsamen Gedanken über die Felder irrt. Eine besonders starke Wirkung übt die Form, in der sich die Rache des Tauben ausdrückt. Er muss Wowe Byk's Kuh umbringen. So hat er sich's zugeschworen. Das soll die Busse sein für den Tod seiner Tochter. Und in einer Winternacht führt er die Tat aus, — allerdings an der Kuh einer Unbeteiligten, der armen Milchhändlerin. In der Erzählung „Der Taube" zeigt sich Bergelsohn als tiefer Psycholog, der in verborgene Winkel blicken und leuchten kann. Seine eigentliche Welt ist allerdings die Welt stiller Schönheit und Elegie. Und soweit darf die jüdische Literatur sicherlich noch vieles von ihm erhoffen. DER TAUBE. Von David Bergelsohn. — Aus dem Jüdisch-Deutschen übersetzt von X. Nachdruck verboten. I. Im Frühhorbst gab es wieder etwas zwischen Mendel, Wowe Byk's hochgewachsenem, hübschem Jungen und Esther, dem zweiundzwanzigj ährigen Mädel des Tauben, die bei Byks Köchin war. In der Stadt, in den Marktgeschäften und bei Wowe Byk in der grossen Beutelmühle, wo der Taube in Arbeit stand, sprach man viel darüber. Der Taube horchte mit seinen verstopften Ohren überall hin und musterte jeden Menschen, den er lächeln sah, mit misstrauischen Blicken. Aber es dauerte eine geraume Weile, bis er ein Wort auffing. Mendel plänkelte noch immer lustig mit den jungen Leuten vom Getreidegeschäft, die Weizen zur Mühle brachten. Man merkte ihm gar nichts an. Jüngst war er freilich mit neuen glänzenden Stiefeln aus der Kreisstadt gekommen, war dann im Mühlhof hin und hergegangen und nicht müde geworden, sie liebevoll zu betrachten. Dabei hatte er den jungen Müller, den Schulz, immer wieder gezwungen, ihm Rede und Antwort zu stehen: „Wie gefallen dir meine neuen Stiefel Und Schulz, der ernste Deutsche .hatte sich's nicht verdriessen lassen, immer wieder niederzuknien und die neuen Stiefel zu streicheln, ja sogar einen von ihnen Mendel vom Fuss zu ziehen und selber anzuprobieren. Das alles sah der Taube durchs Fenster aus dem letzten;Stockwerk der Mühle, wo er am Aufzuge arbeitete. Heimlich sah er hin, immer besorgt, dass es ein Arbeiter merken könnte. Esther brachte dem Mendel täglich das Essen aus der Stadt. Und wenn sie wegging, folgten ihr die Blicke Mendels und Schulzens. Mendel lächelte dabei still und nachdenklich, Schulz aber wies auf sie und neckte Mendel. Kaum sah das nun ein Arbeiter in der Mühle, waren bald alle Fenster besetzt. Das tat ihm weh, dem breitknochigen Tauben mit dem erschreckten, angestrengten Gesichte, und er hätte gerne gewusst, warum sie so lachen. Aber er war ja so schrecklich taub und schämte sich vor den Leuten und vor sich selbst. Er konnte niemandem ins Auge sehen, musste immer an die Sünde denken, die einmal Mendel und Schulz gemeinsam an einem Bauernmädol aus dorn Nachbardorfe begangen hatten. Sie hatten es ja auch damals für eine Zeit irgendwohin geschickt, das Bauernmädel. Dann traf er einmal den Jossele Babtsches, den dürren, zusammengeknickten Mühlen-„Neemon",*) der ihm lange in sein taubes Ohr hineinschrie. Von zehn Worten verstand er kaum eines, schüttelte aber immer den Kopf, als hörte er alles. Das war so seine verschämte Art, wenn Leute zu ihm sprachen. Zwei Wochen lang trug er die Brocken aus Josseies Rede im Kopfe herum. Dann begann er sich erst diu Sache zusammenzureimen: Zwei Mühlarbeiter entlassen, weil sie Mendel hatten ohrfeigen wollen und an finsteren Abenden in der Nähe von Wowe Byks Wohnung herumgelungert waren ... So mussten sie etwas bemerkt haben . . . Ja, aber was? Das wusste er doch noch nicht. Und darum hielt er Jossele neben der Mühle an und fragte ihn: „Also, was ist denn da eigentlich los zwischen Mendel und Esther?a Dabei klopfte ihm das Herz so stark unter der breiten Brust, und er tat lange, schwere Atemzüge. Es war ihm so peinlich vor Jossele. „Sie hat ihn lieb", schrie ihm Jossele ins taube Ohr. „Sie, die Esther, ihn, den jungen Byk." „Sie hat ihn lieb?" wiederholte er fragend, ganz leise. Es kam ihm vor, dass sich der dürre, zusammengeknickte Jossele einen Spass mache. Und er lachte. Eigentlich war es gar kein Lachen, das da aus seinem verzerrten Munde kam, sondern ein seltsam wilder Ton. Und seine bleifarbenen Augen blickten dabei so spöttisch und sonderbar. Und er sagte nichts. Erst als er merkte, dass Jossele im Ernste sprach, begann er mit einem rund eingebogenen Arm ungelenke Bewegungen auszuführen und zu reden. Wie mit Gewalt stiess er die einzelnen Worte aus der breiten, kräftigen Brust hervor. Sie sollte nur ihn fragen, ihn, den Tauben. Er kenne sie doch beide durch und durch, den alten Byk und sein Früchtchen, den jungen. Er arbeite doch schon zwanzig Jahre in ihrer Mühle. Und Jossele selbst wisse ja auch. Nicht wahr? Jossele schüttelte den boshaften Kopf. *) Vertrauensmann für rituelle Ueberwachung.