Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Article
- Aus dem Nachlass von Samuel Hirszenberg
- Date
- 1912-02-01
- Page
- Seite 135 - 136 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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135 Erich Karl Borck: Aus dem Nachlass von Samuel Hirszenberg. 136 ausgesehen hat. Da sehen wir die alten, bekannten, verwitterten Judenköpfe, in mannigfachen Variationen, hier mit eingefallenen, tief gehöhlten Wangen, dort eine prächtig gerneisselte Stirn, hinter der vielleicht die alte Talmudfrage lange herumgewälzt wurde: kann Gott einen Stein erschaffen, der so schwer ist, dass er ihn nicht heben kann? Einige haben stille, Arergrämte Blicke, in denen etwas wie letzte Güte ist, andere schwärmerische, glühende, harte, verbitterte Augen. Alle diese Menschen hat nun Hirszenberg mit der gleichen Liebe gesehen und sie so wiedergegeben, wie er sie sah, ohne Verzerrungen, ohne sentimentale oder verzweifelte Posen, sondern so schlicht, wie z. B. besonders den alten Juden, der im Lehnstuhl sitzt wie ein Papst von Raffael. Merkwürdig sind auch seine Landschaften. Alles scheint Grabstein und Kirchhof zu sein. Die furchtbare Hitze ist trefflich wiedergegeben, man fühlt die Temperatur dieses Landes und seiner Luft beim blossen Anblick des Bildes. Gut ist auch, dass Hirszenberg keine besondere übertreibende Geste hineingelegt hat. Auch hier war er ein verlässlicher Maler des Wirklichen. Mit diesen Bildern aus dem Nachlass, die ja zum Teil unvollendet sind, hoffen wir allen Verehrern des Verstorbenen eine Freude gemacht zu haben. Vielleicht haben wir noch Gelegenheit, dies oder jenes zu veröffentlichen. Und vielleicht wird auch dieses oder jenes nachgelassene Blatt die Popularität bei Juden aller Länder finden, die den ersten Bildern Hirszenbergs beschieden war. AUS DEM LEBEN DER KARAITEN. (Schluss.) II. In der Karäer-Synagoge, Ich bin vor der Synagoge angelangt. Das Gebäude ist hoch und macht einen guten Eindruck. Es ist mit fünf Kuppeln und drei Dawid-Wappen geschmückt, und über den Fenstern befinden sich hebräische Aufschriften. Ich trete durch den Hof ins Vorhaus und bleibe überrascht an der Tür stehen. Der erste Eindruck ist ein mächtiger. Auf der Decke sind die zwölf Himmelskreise bildlich dargestellt, mit Zitaten aus den Von Rüben Fahn. Nachdruck verboten. Propheten. Die Wände sind mit Kapiteln aus dem Gebetbuch in hebräischer Quadratschrift überladen. Gegenüber der Tür steht die Bundeslade und darüber sind zwei Marmortafeln mit den zehn Geboten angebracht. Aus jedem Winkel des Bethauses strömt jüdischer Geist — nur grell und verzerrt. . Vor der Bundeslade betet der Chacham, in einen grossen Gebetmantcl gehüllt. Bald schreit er laut und bald ist seine Stimme leise und traurig, bald kniet er nieder und bald fällt er mit dem Gesichte zur Erde und schlägt sich mit der Faust in die Brust. M-.''" " Studienkopf. (Kohlezeichnung), Jerusalemer Jude. (Kohlezeichnung*) Aus dem Nachlass des Malers Hirszenberg.