Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Article
- Man markiert
- Date
- 1912-02-01
- Page
- Seite 125 - 126 (sequence 2)
- Language
- German
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125 Revue der Ereignisse. 126 besinnungslos dahinstürmenden Bande echter und unechter Fanatiker, stärker sogar als ein mit den stärksten Machtvollkommenheiten ausgestatteter „Wille". Traurig ist nur, dass die russische Regierung, sichtlich, um ihre Unabhängigkeit zu markieren, ihre innere Verfolgungspolitik neuerdings mit verstärktem Eifer fortsetzt. Der Minister des Innern, Makarow, will die jüdischen Kaufleute mit „Büchein" versehen — eine Einführung, die, abgesehen von der geschäftsschädigenden Wirkung, eine empörende Verletzung der jüdischen Menschenwürde bedeutet. Der Justizminister Schtschoglowitow patronisiert die unerhörten Rechtsbeugungen des Kiewer Ritualmordprozesses und regt einen geradezu nichtswürdigen Coup gegen die jüdischen Rechtsanwaltsgehilfen an. Der neue Stadthauptmann von Odessa, Sosnowski, der der Judenschaft dieser Stadt seinen Vorgänger, den Wüterich Tolmatschew, vergessen lassen wollte, zeigt über Winke aus Petersburg Zeichen der „Reue". Und das übrige beamtete Russland will auch nicht zurückbleiben. Auf tausend Wegen wandelt die Judenhetze. Wieder erinnern wir uns, dass Kokowzew nicht die Hilfe war. An dem Beispiele der zweimal in kurzer Zeit umfallenden „Rossija" lernen wir wieder, dass in diesem unglücklichen Lande vorläufig alle Anläufe zur Besserung, von wo sie auch ausgehen mögen, innrer wieder aufgehalten werden, weil sich ihnen e i n betrogener und missleiteter Wille" entgegenstellt. . . . Aber wir wissen jetzt alle auch deutlicher als früher, dass in dieser Schwierigkeit der Situation auch ihre Hoffnung liegt. Endlich muss ja doch der Augenblick kommen, wo auch dieser eine „Wille" zu begreifen beginnt. * * * Gouvernement England. Die russischen Emissäre, deren Wühlarbeit unseren Brüdern in England leider schon so viel K iiminer und Leiden eingebracht haben, werden immer kühner. Man geniert sich gar nicht mehr, man schickt die offiziellsten Persönlichkeiten in den Kampf. So liess man eben den russischen Generalkonsul in London, Baron Heyking, auftreten. In der bekannten „Fortnightely Review'' erschien ein Artikel aus der Feder dieses Vertreters Russlands, in welchem. England gewarnt wird, sich nicht von den Juden aufhetzen zu lassen. Der Artikel wimmelt von Angriffen gegen die russischen, also gegen die Juden des eigenen Landes, und enthält u. a. ein sehr charakteristisches Detail. Die russischen Juden, die sich bisher nach England gewendet hatten, würden dies ja in Zukunft kaum mehr tun. Denn sie hätten es doch nur getan, um sich vor den. Pogromen in Sicherheit zu bringen. Nun aber, wo auch schon in England Pogrome vorgekommen seien .... Wahrlich, weiter kann man die unbewusste Beleidigung des eigenen Vaterlandes und den bewussten Triumph über die gelungenen Machinationen in fremdem Lande nicht treiben..... Natürlich lassen sich die „Times", der russische Moniteur im. Gouvernement England, angelegen sein, nicht ins Hintertreffen zu geraten. Sie wollen nicht nur Pioniere gewesen sein. Und so haben sie sich da jüngst wieder ein nettes Stückchen geleistet. Sie Hessen einen englischen Geistlichen aufmarschieren, der die Gefahren der Judenansammhmgen in London für die englischen Arbeiter in den lebhaftesten Farben schilderte und schliesslich die Idee propagierte, die Juden gewaltsam daran zu hindern, sieh in gewissen Teilen der Stadt zu konzentrieren. Sie sollten zerstreut Wohnung nehmen müssen. Da aber der Antragsteller selbst einsieht, dass sein Antrag auf Schaffung eines umgekehrten Ansiedhmgsrayons keine Aussichten auf Annahme in den gesetzgebenden Körperschaften hat, schlägt er der Londoner Stadlverwaltung Massen-Hauserkäufe in Whitechaplo und die Entfernung der jüdischen Mieter vor. Die Anregungen Seiner Hochwürden sind sicher genial. Es fragt sich nur, ob die russische Regierung im Ernstfalle damit einverstanden sein wird, dass die Judenhetze in England nach gerade umgekehrter Methode betrieben werde, als im russischen Starr Inland e..... ILLUSTRATIONEN ZU RUSSLANDS JUDENPOLITIK IN DEN LETZTEN MONATEN. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. (Fortsetzung aus Heft X, XI und XII, Jahrg. XI und Heft I Jahrg. XIL U e 1) er Initiati v e cl es Just i z in i n i - s t e r s S e h t s c h e g 1 o \v i t o w hat das Kreisgericht Kiew beschlossen, alle jüdischen Rechtsanwaltsgehilfen, die bereits sieben Jahre Gehilfen sind, vom Gehilfenstande auszusehliessen. Der Beschluss stützt sich auf eine Bestimmung, wonach Rechtsanwaltsgehilfen, die nach einer siebenjährigen Praxis nicht in den Advokatenstand treten, ihre Rechte verlieren. Die Bestimmung wurde aber nie auf Juden angewendet, weil es nicht von ihrem AVillen abhängt, Advokaten zu werden» Die amovierten Gehilfen können zwar wieder um Aufnahme ansuchen. Aber solche Ersuchen haben gar keinen Wert, weil dasselbe Kreisgericht die Einführung einer Prozentnorm angeregt hat. Von dem Beschlüsse des Kreisgerichts sind ungefähr siebzig jüdische Rechtsanwaltsgehilfen betroffen. * * * Die Behörde hat die Juden von Proskurow, die der Stadtrat in das Diskont-Komitee der städtischen Bank entsendete, mit der Motivierung nicht bestätigt, dass Juden solche Stellen nicht bekleiden können. * * *