Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Date
- 1912-02-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
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Herausgegeben und redigiert von LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. lieft 2. Februar 1012. XII. Jahrs. DAS JUENGSTE BILI Von Rabbiner Dr. Max Es II. Im 17. Jahrhundert konnte man etwas Merkwürdiges erleben. Ueberall, wohin Kalvinisten kamen, gewannen sie rasch die Führung im wirtschaftlichen Leben, Kalvinisten waren bald überall die reichsten Leute. Die Spanier prägten damals das Wort: „Der Teufel hält's mit den Ketzern." Erscheinungen ähnlicher Art begegnen uns aber auch anderwärts, es zeigt sich bisweilen, dass durchgängig die Angehörigen bestimmter Konfessionen sich im Daseinskampfe als besonders tüchtig erweisen oder umgekehrt, dass sie hinter den Söhnen anderer Bekenntnisse regelmässig zurückbleiben. Derartige Beobachtungen haben auf praktische und theoretische Politiker schon lange einen hohen Reiz ausgeübt, nach verborgenen Beziehungen zwischen Glauben und Wirtschaft zu suchen. In seinen bahnbrechenden Untersuchungen ,,Der Geist des Kapitalismus und die Ethik des Protestantismus" ist namentlich der Heidelberger Nationalökonom Max Weber dem Problem nachgegangen. Mit eindringender Sachkenntnis und einem tiefen Verständnis für die Mächte des religiösen Lebens, nicht nur für die Erfordernisse der Wirtschaft, hat er dort den Kalvinismus, seine Glaubenslehre, wie seine Ethik, seine Forderungen für die Gestaltung des täglichen Lebens als die Quelle der modernen kapitalistischen Wirtschaftsgesinnung nachweisen wollen. Auf einem Umweg sind seine Forschungen auch für uns wichtig geworden. Denn sie haben Werner Sombart die Anregung gegeben, die gleiche Untersuchung auch für die jüdische Religion anzustellen. Schade nur, dass er seinem grösseren Vorgänger in diesem Punkt nicht nahe kommt, das tiefe Verständnis für religiöses Empfinden und Leben, das sorgsame und gerechte *) Siehe „Ost und West" Jahrg. XI, Heft XII. ) VOM JUDENTUM. h elb ach er -Freiburg i. B. Nachdruck verboten. Abwägen, das Weber auszeichnet, geht Sombart ab. Welch grosse Probleme sich hier auftun, hat Weber gezeigt. Die Diskussion, die er entfacht hat, ist noch im Fluss. Wir erkennen ausdrücklich an, dass hier grosse Rätsel und ungelöste Fragen in Menge des Lösers harren, und möchten nur vom Standpunkt des Judentums aus gegen seine Fragestellung einen Einwand erheben. Es liegt mit Notwendigkeit im Wesen der Religion begründet, dass sie Gott, das Vertrauen zu ihm und die Liebe zu ihm als das höchste Gut ansieht, vor dem alle anderen Werte zurück treten. Geld und Gut, so hoch sie der einzelne sonst werten mag, erscheinen der religiösen Betrachtung überall nur als Mittel, nicht als Zweck, und auch in übertragener Bedeutung gilt von ihnen das biblische Wort „Du darfst keine anderen Götter haben vor meinem Angesichte." Das kommt im Judentum oft wie eine selbstverständliche Wahrheit zum Ausdruck, wird aber nicht selten auch ausdrücklich ausgesprochen. Wo die Erfüllung einer religiösen Pflicht Vermögensschaden bringen muss, kommt z. B. der Grundsatz zur Anwendung ,,auf Geld kann man verzichten." Eines der obersten Gebote des Judentums, das Wort ,,Du sollst den Ewigen, Deinen Gott, lieben mit Deinem ganzen Herzen, mit Deiner ganzen Seele und mit Deinem ganzen Vermögen" hat Rabbi Elieser, ein Lehrer der Mischnah, in diesem Sinne erläutert „mit Deinem ganzen Herzen", das richtet sich an die Menschen, denen ihr Leben lieber ist als ihr Geld, „mit Deinem ganzen Vermögen", das geht auf die, denen ihr Vermögen lieber ist, als ihr Leben." Also wem Hab und Gut sonst als das Höchste und Grösste erscheinen, der muss es doch der Liebe zu Gott und dem Gehorsam gegen seine Gebote unterordnen. Und demgemäss bestimmt