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Ost und West · 1912-01-01 · Heft 1 (Januar 1912) · p. Seite 77 - 78

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 1 (Januar 1912)
Article
Theater
Date
1912-01-01
Page
Seite 77 - 78 (sequence 2)
Language
German
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77 Theater. 73 dass das heute nicht geht. Der Jude ist nämlich seit so langer Zeit nur auf dem Wege des Hohns zur Komödienfigur geworden, dass der Zuschauer sich von dem angestammten Gefühl der üeberhebung nicht schnell auf das liebevollen Humors umschalten kann. Man hat über den Juden gelacht, weil er Jude war. Plötzlich soll man über ihn lachen, weil ihm Lächerliches anhaftet, wie dem Böhmen, Neger, Kleinrussen. Das geht so einfach nicht. Darum hütet sich ein Künstler, das Komische des Juden zu zeigen und wenn es auf Juden noch so wenig verletzend wirken könnte, wie Riccaut de la Marliniere für Franzosen ist. Dafür hat sich der Fabrikant des niedrigsten Genres auf jüdische Sprachbrocken gestützt. Ob er nun neue Possen dichtet oder alte renoviert, das Wort „Meschugge" oder gar „Schmuss" wird seine zündende Wirkung nicht verfehlen. Der Trottel lacht eben über alles und ein geschickt eingestreutes Wortjüdischen (oder berlinischen) Ursprungs entscheidet unter Umständen mit über das Schicksal eines Aktes. Aber kehren wir zur ernsteren Kunst zurück. In der Literatur spielt heute der Jude zweifellos eine herrschende Rolle. Aber wieder werden Nichtjuden, wie Hauptmann, George, Rilke neben reinen Juden oder Judenstämmlingen wie Hofmannsthal, Schnitzler, Thomas und Heinrich Mann genannt, im Werturteil zu Recht über sie gestellt. Es ist also auch hier wieder die Relativität, die vergrößernd wirkt. Von Juden haben die letzten Berliner Theaterwochen unter anderem vier Werke von Dichtern gebracht, die auf literarische Geltung Anspruch erheben. Das Lessingtheater spielte Schnitzlers Tragikomödie „Das weite Land4', ,,Die Kassette" ist eine Komödie eines noch weniger bekannten Münchners Carl Sternheini, den die Kammerspiele zum zweiten Male innerhalb zweier Jahre dem Publikum vorstellten und im Kleinen Theater ergänzten zwei Einakter von Jacob Wassermann ein drittes kurz und kurzweiliges Stück. Das weite Land ist die Seele des Menschen, in der alles möglich ist. Wahrheit und Unwahrheit, Gut und Böse wohnen beieinander und der Widerspruch trennt nicht nur die Dinge, er verbindet sie auch. Schnitzler fühlte sich durch das Merkwürdige des Lebens seit je am liebsten und stärksten gefesselt. Er gab im \,Grünen Kakadu'', im „Einsamen Weg", im „Weg ins Freie" seltsam verbundene und sich trennende Schicksale wieder. Er zeigte das Spielerische, Alberne, Sinnlose des Lebens und wusste über des Lebens Chaos wie ein Dichter zu lächeln. Seine neue Arbeit ist leider völlig misslungen. Er gibt anstelle eines Epigrammes ein Drama und selbst seine feine Kunst ironischer Charakteristik hat ihn diesmal völlig im Stiche gelassen. Was wir an Menschlichem sahen, war die Heldin des Schauspiels in der Darstellung der Frau Triesch. Hier ging ein leidender Mensch mit vibrierender Stimme gedrückt über die Bühne, weinend in der Heiterkeit, verzweifelnd am Sinne der Welt und überaus beseelt im Klang einer Stimme, in der Leid und Elend vieler Getthogenerationen widerhallte. Technisch ist Sternheims Komödie ein kleines Meisterwerk gegen Schnitzlers Tragikomödie. Wie selten werden heute Dramen nicht nur beendigt, sondern auch nach einem fest vorgesteckten Plane ausgeführt. Aber soviel Sternheim kann und so sehr er sich bestrebt, Dichter zu sein, er ist prätentiöser, als ihm zukommt und so versucht er, sich genial zu gebärden, indem er einer guten kalligraphischen Linie einen Schnörkel anhängt. Den Inhalt seines Stückes, den die Zeitungen wiedergeben, kann ich als bekannt voraussetzen. Er will zeigen, dass Habsucht verdirbt, dass der Charakter zugrunde geht und selbst sinnliche Bedürfnisse verkommen können, — und was die Frau dann macht, kann sich jeder denken. In der Groteske ist soviel erlaubt und so erfindet Sternheim denn nicht nur gewagte, wenig wahrscheinliche, sondern auch originelle Situationen. Im Grunde ist er aber ein Moralist, der, selbst ein reicher Mann, vor Reichtum warnt und etwas lehren will, was wir teils wissen, teils nicht wissen wollen. Dem Zuschauer sind seine Sorgen, ob nicht der Reichtum den Charakter verdirbt, unbekannt und er möchte de wahrscheinlich lieber haben, als vor ihnen gewarnt werden. Wassermanns Akte sind recht skizzenhaft. Sie erschienen, wenn ich nicht irre, zuerst in Zeitungen und gehören wohl auch nur ins Buch. Für die Bühne fehlt ihnen Kraft und Atem. Felix Stössinger. LITERARISCHE Dr. Julius Reiner: Grundriss der Geschichte der Philosophie. Zweite, neubearbeitete Auflage. Leipzig. Verlag von Otto Jobies. 1910. Bei dem lebhaften Interesse, dessen sich die Philosophie wieder zu erfreuen beginnt, und angesichts der starken Differenzierung ihrer einzelnen Gebiete und der grossen Ausdehnung der philosophiegeschichtlichen Forschungen, wird eine zusammenfassende, klare und übersichtliche Darstellung immer dringenderes Bedürfnis, für den Studierenden der Philosophie sowohl, als auch für den Gebildeten im allgemeinen, der über die philosophischen Probleme und deren historische Entwicklung im Wandel der Zeiten orientiert sein will. Das vorliegende Buch kommt diesem Bedürfnis in dankenswerter Weise entgegen. In gedrängter und fasslicher Kürze bietet es einen Ueberblick über die Entwicklung der Systeme im Anschluss an den Charakter und Kulturgehalt der einzelnen Epochen und unter Hervorhebung der eminentesten Persönlichkeiten der Philosophen. Zu bedauern ist, dass die jüdischen Denker so wenig Berück- RUNDSCHAU. ) Nachdruck verboten, sichtigung gefunden haben. Schon Philo hätte sicherlich mehr verdient, als auf einer halben Seite behandelt zu werden. Die Philosophie des Mittelalters und der Renaissance vollends ist heutzutage ohne die jüdischen Denker, wie Saadia, Israeli. Cabirol, Josef iben Zaddik, Maimuni, Ihn Esra und sogar Albo gar nicht in ihrem Zusammenhange zu verstehen. Dass auf Spinoza die jüdische Mystik einerseits und Kreskas andererseits den tiefstgehenclen Einfluss geübt haben, bestreitet keiner. Es geschieht also nicht nur dem Judentum und seinen Trägern, sondern dem Leser ein Unrecht, wenn alle diese Männer in einem so brauchbaren Buch mit Stillschweigen übergangen werden. Zumal da heutzutage die gediegenen zusammenfas? enden Darstellungen von Joel, Horowitz und insbesondere J. Guttmann allen Fachmännern auf dem Gebiete der Philosophiegeschichte bekannt geworden sind. Wir sprechen die Erwartung au?, dass dieser Mangel in der nächsten Auflage nachgeholt werden wird. Da* nützliche und empfehlenswerte Buch kann dadurch, nur gewinnen. G. *) Wegen Raummangel fällt die Besprechung weiterer Bücher dieae-s Mal aus

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