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Ost und West · 1912-01-01 · Heft 1 (Januar 1912) · p. Seite 71 - 72

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 1 (Januar 1912)
Article
Jüdische Hochzeitsbräuche in alter und neuer Zeit
Date
1912-01-01
Page
Seite 71 - 72 (sequence 2)
Language
German
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71 Bar-Ami: Jüdische Hochzeitsbräuche in alter und neuer Zeit. 72 welches der Bräutigam ihr beim Bedecken" über das Haupt gehreitet hatte. In neuerer Zeit hat sich das moderne Brautkleid nebst dem, christlivhen Kreisen entstammenden, Brautschleier mit Myrtenkranz eingebürgert. Die Strengfrommon haben nur schwache Opposition dagegen gemacht. Es ist eine alte Sitte der deutschen Juden, dass der Bräutigam unter der Chuppah den weissen Kittel anhat. In manchen Gegenden auch den Tallitb, der im Momente der Trauung auch über das Haupt der Braut gebreitet wird. Bei der Rückkehr von der Trauung achten auch die Strengfrommen darauf, dass der Neuvermählte die junge Frau am Arm fünrt. Die Musik spielt eigne tröhlic leYVeisen, und aus dem Hause der Braut kommen den Neuvermählten in fröhlichem Tanz die Dienst boten und „Sarverinnen''' entgegen, auf den Annen das schöngeflochtene, grosse Weissbrot (kolacz Barehes), welches sonst mir zu Sabbaten und Feiertagen und nun auch für den Hochzeitsschmauss gebacken wird. Manche Rigoristen achten darauf, dass die Neuvermählten nach der Trauung wenigstens einige Minuten allein in einem geschlossenen Zimmer verweilen (Jichud). Es werden in diskreter Weise zwei Zeugen bestellt. Diesem Brauch wohnt eine symbolischjuristische Bedeutung inne. Alsdann werden die Neuvermählten in einem besonderen Gemach, im Kreise der allernächsten Verwandten- und Freunde zu Tische gesetzt, und sie verzehren aus einem Teller die „goldene Suppe", mit deren Zubereitung die Köchin sich besondere Mühe gegeben hat. Die Neuvermählten pflegen nur einige Löffel davon zu gemessen und den Rest bevorzugten Freundinnen zu überlassen. Junge Frauen, die von der „goldenen Suppe" kosten, gebären leicht Kinder. Junge Mädchen heiraten oder verloben sich noch in demselben Jahre. Letzteres Glück widerfährt auch jenen, die ein Stückchen von dem Handschuh erhaschen, den die Braut zur Trauung getragen. — Selbstverständlich herrscht auch unter den Juden der Aberglaube, dass, wrenn die Neuvermählte ihrem Gatten unter der Chuppah auf den Fuss tritt, oder bei der Heimkehr zuerst die Schwelle überschreitet, sie Herrin im Hause sein werde. Es beginnt das Festmahl, bei dem das Charakteristischste ist: der Freudengesang der Gäste, das Vorspiel zur Tischmusik, die Melodien und Lieder, die während der Tafel vorgetragen werden, unter denen das verbreitetste wohl Spielt mir a Fröhliches!'* ist. Darauf folgt die scherzhafte „Derascha" des Badchan und das Ausrufen der „Derascha-Geschenke" (beides soll später eingehend behandelt werden). Es folgen Tänze, unter denen der Mizwah-Tanz hervorgehoben sei. Er ist noch vom Talmud her nämlich eine Mizwali, mit der Neuvermählten zu tanzen, aber es ist zugleich eine Sünde (natürlich erst nach viel späteren Begriffen), eine fremde Frau mit der Hand zu berühren. Man hilft sich, dass die Braut und der Tänzer die beiden entgegengesetzten Enden eines Tuches anfassen und sich eine Weile umeinander bei den Klängen der Musik drehen. Am folgenden Morgen wird als symbolum inventae virginitatis in manchen Gegenden weisser Käse unter die Gäste verteilt. Jetzt folgt das „Beschleiern", d. h. der jungen Frau wird der übliche Kopfschmuck einer verheirateten Dame aufgesetzt, und sie wird dann unter Musikbegleitung in das Haus ihrer Schwiegermutter geleitet. Der jungen Frau werden noch heute in vielen Gegenden die Haare abgeschnitten. (Dieser etwa im 14. Jahrhundert entstandene Brauch, der wahrscheinlich nach ein paar Dezennien schon gänzlich verschwunden sein wird, soll später ausführlich behandelt werden.) Der Hut und der Schleier, womit die Braut „beschleiert'* oder „verschleiert''' wird, sind Geschenke der Schwiegermutter, Dazu gehört auch noch ein schön gebundenes Gebetbuch. Im Hause der Schwiegermutter wird die Braut von der Musik mit einem „Guten Morgen!" („Dobrydzien") begrüsst. Die „sieben Berachoth", die während der „sieben Festtage'' alltäglich im Hause der Neuvermählten gesprochen werden, gehören schon zum religiösen Ritus und sollen zusammen mit diesem des weiteren besprochen werden. Am ersten „Sabbat-Morgen" nach dem Hochzeitstage wird die junge Frau von den Honoratiorinnen der Gemeinde feierlich abgeholt und zur Synagoge geleitet. * * * So haben wir im engen Rahmen die jüdischen Hochzeitsfeierlichkeiten in ihrer populären Gestalt geschildert. Und wir richten hiermit an die geehrten Leser dieser Zeitschrift die Bitte, uns alle möglichen, diese Feierlichkeiten betreffenden Beobachtungen und Erinnerungen, die auf Bräuche und Sitten, Lieder, Melodien und dgl. Bezug haben, von der Werbung und Trauung angefangen, einzusenden. Auch Hinweise auf alte Schriften, Gemeindeverordnungen, Ueberlieferungen usw. sind erwünscht. JUEDISCHE HOCHZEITSMELODIEN. Aus der Sammlung: LEO WINZ. 2. Das Besingen der Braut.*) Nachdruck verboten. Bearbeitet von ARNO NADEL. PIANO, m Adagio. iA'v ■ —- >- «P«F^ ^=-rr # # * 4\V-L- Leise und , =p= — ... — . — düster j r r p —-1— \ ' 1 sy" : 5?§1 ♦ --—L z: a: w ~: •w w -m--«--L i: WZ.-.TT -: ♦ 5? -*--0--L =: a: z: a: ar #■=: ♦ -0i*=£=l *3 * i *) Die vorstehende Melodie, von der im vorigen Heft nur ein Teil erschien, gelangt hiermit in vollständiger Fassung zum Abdruck. Weitere jüdische Hochzeitsmelodien erscheinen der Reihe nach in den folgenden Heften von nOst und West". - Siehe Heft XII Jg. XI von „Ost und West".

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