Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Article
- Herr Sasonow - der Diplomat
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 27 - 28 (sequence 2)
- Language
- German
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27 Revue der Ereignisse. 28 Staaten ausgewandert. Die Forderung der Rückkehr dieser Elemente von der russischen Regierung zu erwarten, ist natürlich unmöglich/' Fürwahr, Herr Sasonow ist das, was er sein soll — ein Diplomat. Er erzählt uns, dass amerikanische Kaufleute jüdischer Konfession in Russland keiner Schwierigkeit begegnen. Gewiss, — und das gilt ja auch von jüdischen Kaufleuten anderer Länder, — insofern sie Vertreter protokollierter Firmen sind, sich mit einem viertel- oder halbjährigen Aufenthalt in Russland begnügen und gewisse Annehmlichkeiten, wi:1 z. B. in Kiew die Beschränkung auf das jüdische Ghetto, schlucken wollten. Aber es gibt doch auch eine ganze Menge geschäftlicher Interessen zu wahren, wozu man gerade nicht von einer protokollierten Firma autorisiert wird. Und es gibt doch auch künstlerische, wissenschaftliche und rein menschliche Interessen. Soll nur mal so ein reisender jüdischer Kaufmann in Russland schwer erkranken, und wir wollen sehen, ob man seine Frau und Kinder hinüberlässt, um ihn zu betreuen oder gar von ihm Abschied zu nehmen. Russland will die jüdischen Revolutionäre nicht zurückhaben. Gut. Aber wir fragen Herrn Sasonow: Ist der gewesene amerikanische Botschafter bei der Pforte, Strauss, den man nicht nach Russland einlassen wollte, ein Anarchist? Ist Oberst Kotler in der Unionsarmee ein Revolutionär? Ist der Oberrabbiner Levy von San Franzisko ein Sozialist? Oder: Der Herausgeber eines New Yorker jüdischen konservativen Tageblattes will nach Russland reisen. Der russische Konsul in New York verweigert das Passvisum. Die Bemühungen eines amerikanischen Ministers bei der russischen Botschaft in New York bleiben erfolglos. Das amerikanische Ministerium des Innern wendet sich direkt an die russische Botschaft. Umsonst. Der Präsident Taft ersucht den Botschafter selbst, in diesem Falle eine Ausnahme zu machen. Der Botschafter bedauert, — er würde seine Stellung gefährden, wenn er die Bitte des Präsidenten erfüllte........ Was sagt Herr Sasonowr dazu? Was sagt Herr Sasonow zu allen diesen Fällen, die übrigens nur Beispiele sind? Will er fortfahren, die Welt anzudiplomatisiern? * * * Die Rettung Frankreichs. Frankreich macht sich immer mehr. Was tut man nicht alles seinem russischen Verbündeten zu Liebe? Nach einem ganz artigen Pogromchen in Lyon, bei dem es mehrere misshandelte Juden und eine verwüstete Synagoge gab, wird in Paris gegen die jüdischen Einwanderer aus dem Osten gehetzt. Kopfsteuer sollen sie zahlen, eine besondere Meldung soll für sie eingeführt werden. Man denkt auch schon an ein Fremdengesetz, mittelst dessen man sie überhaupt von den Grenzen Frankreichs fernehalten will. Natürlich ist diese ganze Bewegung, wie überall, so auch hier, in der Angst des Kleinbürgers vor Konkurrenz und in dem Vorurteil des eingebildeten „Autocht honen" gegen den fremden Zuzügling begründet. Aber sie könnte bei der verhältnismässigen Geringfügigkeit der ostjüdischen Kolonie in Paris — gar kein Vergleich mit den Londoner oder gar New- Yorker Ziffern! — nicht zum Ausdruck kommen, wenn es nicht seit den glorreichen Tagen des Prozesses Dreyfus einen französischen Radau-Antisemitismus gäbe und wenn den französischen Nationalisten nicht jedes Mittel recht wäre, — um das Vaterland zu retten. Und darum ist die Sache nicht ganz unbedenklich. Man hat sich nachgerade schon daran gewöhnt, von Frankreich ebenso mit neuen als mit erneuten Moden überrascht zu werden. Und in einer Zeit obendrein, wo es auch den deutschen Kellnern an den Kragen geht, können wir uns für die zugewanderten Juden aus dem Osten gewiss so mancher solcher UeberrascIningen versehen. * * * Der Emigrationskongress. Wir hören, dass aus Russland eine Deputation jüdischer Männer nach Amerika geht, um dort den Widerstand einzelner hervorragender Faktoren gegen die Idee eines jüdischen Emigrationskongresses zu überwinden. Diese Fahrt steht in l Übereinstimmung mit den Beschlüssen der im November stattgehabten Generalversammlung der jüdischen Emigrationsgesellschaft in Russland, wonach ein allgemeiner jüdischer Emigrationskongress für notwendig erachtet wird. Wir brauchen wohl nicht erst zu betonen, dass wir diesen Beschlüssen durchaus sympathisch gegenüberstehen. Sie decken sich dem Geiste nach vollständig mit dem, wras wir über die Idee eines alljüdischen Kongresses vorbrachten. Für uns ist es klar: Wird der alljüdische Kongress zuerst als Kongress zur Besprechung der Emigrationsfrage einberufen, so wird er dann schon von selbst auch die anderen Notwendigkeiten der jüdischen Gesamtheit erkennen. Und umgekehrt, sollte er sich gleich von vornherein weitere Aufgaben stellen, dann wird er in der ersten Zeit jedenfalls der Emigration einen Hauptteil seiner Aufmerksamkeit zuwenden müssen. Wie wichtig speziell eine zentrale Regelung der Emigration wäre, das kann doch wohl niemandem entgehen. Alle diese zum Teil ja ganz rationellen Massregeln, die jetzt von einzelnen Bureaus und Korporationen ergriffen werden, leiden unter dem Mangel der Einheitlichkeit, gegenseitigen Kontrolle und Geschlossenheit des Vorgehens. Wenn man aber glaubt, dass dazu der Zusammenschluss dieser verschiedenartigen Institutionen genügt, so vergisst man, dass die jüdische Allgemeinheit schon lange auch eine gewisse Demokratisierung ihrer öffentlichen Wohlfahrtspflege dringend nötig hat. Man hat die Früchte der restlosen Notabeln-Politik ausgekostet, sehnt sich nach etwas weniger Vormundschaft und etwas mehr Selbständigkeit, und hofft, dass es dann vielleicht doch etwas besser werden wird in Israel. Man braucht deshalb noch lange nicht den Boden realer Möglichkeiten zu verlassen, sondern kann ganz ruhig und überlegt einen Schritt immer erst dann tun, wenn er bereits wirklich einen Schritt nach vorwärts bedeutet. Und man braucht deswegen auch nicht auf die geistige und materielle Mithilfe ausgezeichneter Einzelner zu verzichten. Das alles ist so klar, und weil es so klar ist, wird der geringe Widerspruch, der gegendie Ideen eines all jüdischen, sowie eines Emigrationskongresses noch hier und da erhoben wird, wohl bald ganz zum Schweigen kommen.