Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Article
- Auf demVolksliederabend von "Ost und West"
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 23 - 24 (sequence 4)
- Language
- German
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23 Mathias Acher; Auf dem Yulksliederabend von .,Ost und West". 24 verwandelt, wie sie alle das Lachen der Winkelchen hören, wie sie alle hineingeraten in diese reine, herzliche Freudigkeit, wie sie mitlieben, mitvergnügt und Mitkönige sind. Wieder einmal ist der Schatz in ihrem Innern, aus Urgrossväter- und Urgrossmütterzeit, für eine Weile gehoben. .-. . Für eine Weile. . . . Und drum gilt's zu eilen, wenn man ihnen noch die letzte, die grosse „Belastungsprobe" mit einiger Aussicht auf Erfolg zumuten will. Es ist zwar ein sehr derbes „Simchas-thora"-Lied, das ihnen noch zum Schlüsse geboten wird. Aber gerade diese Derbheit verrät die Kraft und erhellt den Hintergrund. Allerdings weiss ich nicht recht, ob sie ihn genugsam sehen. Ob sie eine Ahnung der ostjüdischen Welt samt ihrem chassidischen Einschlag bekommen, ob ihnen der Gestaltenreichtutn, die volkstümliche Basis, der heisse schöpferische Atem dieses Lebens von acht oder neun Millionen Brüdern auch auffallen. Aber soviel sehe ich jedenfalls, dass die köstliche, urwüchsige Lustigkeit des Liedes sie ansteckt, dass sie selbst gegenüber dem derben jüdischen Fluch, der dabei mitläuft, nicht die gewohnte städtische und „gebildete" Zimperlichkeit hervorkehren, sondern ihn mit erlöstem und erlösendem Lachen quittieren. . . . Und das ist auch schon viel, sehr viel. . . . Der letzte Liedton ist verklungen. Ich sehe es den Leuten an, sie hätten gern noch mehr gehört. Und ich höre, wie sie sich bemühen, ihre Eindrücke einander mitzuteilen. Ich fühle, dass etwas in ihnen rumort. Nur wissen sie selbst noch nicht, was. . . . Und ich denke mir, vielleicht weist dieser Abend einen Weg, um unter deutschen Juden den Sinn für ewigere jüdische Werte, für ein kompakteres und .innigeres Judentum zu wecken. . . . Sinnend verlasse ich das Konzerthaus, um in das Menschen- und Kulturmeer Berlin unterzutauchen. Anmerkung der Redaktion. Der Erfolg des Volksliederabends, den wir am 10. Dezember 1911 veranstalteten, übertraf alle unsere Erwartungen. Das Interesse für den Abend war ein sehr grosses und wir dürfen mit Stolz darauf hinweisen, dass gerade die vornehmsten und intellektuellsten Kreise des jüdischen Berlin vertreten waren. Mit noch grösserer Genugtuung aber können wir feststellen, dass die Erschienenen mit den besten Eindrücken schieden und Veranlassung nahmen, uns persönlich und brieflich ihre Anerkennung auszusprechen. Auch die Tages- und die jüdische Presse sparte mit ihrem Lobe nicht. Die Mitwirkenden leisteten ihr Bestes und fanden den Beifall des Publikums. Herr Leo Gollanin sang meisterhaft, wia immer. Und in der Konzertsängerin Fräulein Bella Falk hatten wir das Glück, eine neue bedeutende Kraft auf dem Gebiete des jüdischen Liedes zu entdecken und als solche anerkannt zu sehen. Wir danken den geehrten Besuchern des Liederabends auf das herzlichste für das Interesse, das sie unserem künstlerischen Unternehmen entgegenbrachten und sehen in diesem Interesse einen Ansporn, auch weiter auf diesem Gebiete tätig zu sein. REVUE DER Achtung auf die Polen! Die Juden haben den Polen den Mittelstand ersetzt, sie haben den Handel und die Industrie im Lande geschaffen, und so eigentlich erst die polnischen Städte gegründet. Nun bekommen sie den Dank dafür. Sie sollen, obwohl sie fast die Hälfte aller Städtebewohner, ja in manchen Städten sogar 85 % ausmachen, in der neu einzuführenden städtischen Selbstverwaltung fast ganz nullifiziert werden. 3n Städten, wo sie die Mehrheit haben, sollen sie 20 °0, sonst nur 10% Stadtverordnete erhalten. Die Niedertracht und zugleich Komik dieser Entrechtung erhellt am besten an dem Beispiel des Städtchens Szarki im Suwalker Gouvernement. Von den 107 dortigen Wählern sind 1)2 jüdische und 15 christliche. Die!)2 jüdischen Wähler werden also, wenn das neue Gesetz in Kraft tritt, 6, und die 15 christlichen Wähler 21 Stadtverordnete zu wählen haben. Man sieht, das übrigens abgelehnte Amendement des Herrn Grabski, wonach die Wühler aus EREIC3NISSE. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. einer Kurie auch Stadtverordnete aus dem Bestände einer anderen Kurie sollten wählen dürfen, hatte einen gewissen Sinn. Leider meinten's die polnischen Herren aber anders. Wahrscheinlich sollten auf diesem Wege jene Juden belohnt werden, die trotz der ganz unqualifizierbaren Haltung der Polen gegen die Juden mit jenen gegen diese geben. Und man hätte dann noch versucht, diese bequemen Quasi-Juden von der ohnehin so karg zubemessenen Anzahl jüdischer Vertreter ab zuziehen. Wer kann alle Möglichkeiten polnischer Gedankengänge durchdenken? Jetzt, wo das neue Gesetzesprojekt in der Duma zur Verhandlung steht, haben sich die Polen in ihrer ganzen Herrlichkeit gezeigt. Der Vertreter der polnischen Nationalisten erklärte ganz offiziell, dass die Polen für die Begrenzung der jüdischen Mandatezahl stimmen müssten, da sonst die Judenfrage noch akuter und unerträglicher werden würde. Und er erntete dafür das volle Lob der russischen Pogromleute. Dabei ist seine relative Aufrichtigkeit noch zu loben. Demi was