Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1909)
- Article
- Cesare Lombroso
- Date
- 1909-12-01
- Page
- Seite 731 - 732 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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731 Cesare Lombroso. 732 ker auf den Gedanken der „vierten Dimension", deren Voraussetzung das innerhalb des Vorstellungskreises der drei Dimensionen Undenkbare erklärte. Die Hypothese Zoellners war der Irrtum eines feinen Kopfes. — Lombroso hat nicht das Glück gehabt, als das Opfer einer groben Täuschung auf einen feinen und witzigen Gedanken zu verfallen. Er nahm die „Materialisationen" als Tatsachen hin, weil er auf Grund seiner unbedingten Vorurteilslosigkeit nicht zugeben mochte, dass irgend etwas ohne Spezialnachweis der Betrüglichkeit als trüglich angesehen werden dürfe. Durch seine ehrliche Naivität wurde er eine Beute der allergewöhnlichsten Taschenspieler; durch seinen Eigensinn kam er dahin, „Geistererscheinungen" zu photographieren und zu modellieren. Dass er unbelehr bar in dem Irrtum verharrte, kann bei seinem Eigensinn nicht wundernehmen. Ibn bekräftigte der spät errungene Erfolg einer ursprünglich von ihm allein vertretenen Ansicht auf anderem Gebiet. Es ist bedauerlich, dass die spiritistische Verirrung über Lombroso gekommen ist, als er bereits ein grosses Ansehen zu verlieren hatte. Seine erbittertsten Feinde hätten nichts ersinnen können, was ihm mehr schadete. Dass er das wusste und gleichwohl so handelte, wie er getan, gereicht ihm zur Ehre; denn die aufrichtige Ehrlichkeit seiner Ueberzeugung wird damit bewiesen. Ein älterer Irrtum Lombrosos fand bedauerlichen Ausdruck in seiner aus dem Jahre 1894 stammenden Schrift über den Antisemitismus und die Juden. Die teilnahmslose Nüchternheit, die für Objektivität gelten sollte, war unrühmlicher Art. Etwas mehr Herzlichkeit wäre hier besser am Platz gewesen und hätte die Wahrheit weniger beleidigt. Nie hat ein Wahrheitseiferer so falsch gesehen und geurteilt. Fast scheint es, als ob die Furcht vor der Bezichtigung der Parteilichkeit ihn parteilich gemacht hätte zuungunsten der eigenen Glaubensgenossen. Ihn beirrte in bedenklicher Weise Unbekanntschaft mit Wesen und Geschichte des Judentums. Denn dieser Spross aus angesehenem jüdischen Haus wusste vom Judentum sehr wenig. Die engsten, allerpersönlichsten Erfahrungen bildeten die einzige Grundlage seines allgemeinen und verallgemeinernden Urteils, das jeder psychologischen Erfassung der Dinge verschlossen war. Beinahe drängt sich die Vermutung auf, dass Freude an der Seltsamkeit und Sonderbarkeit, die Hinneigung zum Auffallenden Lombroso hier — unbewusst — beeinflusst hat. Unbewusst, das sei nochmals betont. Lombroso selbst war ein Schulbeispiel seiner eigenen Theorie von der Ein., Wirkung der Erziehung, der Umgebung, der Gewöhnung auf Denkart und Tun des einzelnen Menschen. Der energischste und konsequenteste Leugner des freien Willens und der Selbstbestimmungsfreiheit war für seine Person ganz gewiss nicht frei — der glühende Prediger der Vorurteilsfreiheit war in seinem Urteil ein Knecht seiner allerpersönlichsten Schicksale und Erfahrungen. Damit kommen wir auf Lombrosos verdienstvolles Lebenswerk und zugleich auf seine begrenzte Geltung. Lombroso übertrieb, indem er den Verbrecher durchaus zum Kranken machen, ihn dem Richter entziehen und gänzlich dem Arzt überweisen wollte. Er übertrieb aus Innigkeit der Ueberzeugung und um seine Ueberzeugung anderen mitzuteilen. Hätte er sich selbst vorurteilsfrei gegenüber gestanden, so würde er vielleicht weniger bestimmt und dafür etwas gründlicher gewesen sein. Ihm genügten Indizien, die für ihn beweisende Kraft hatten, und ihre wiederholte Betonung galt ihm als eine Vervielfachung des Beweismaterials. Das hat die Anerkennung seiner Idee aufgehalten, hier und da wohl auch mehr eingeengt als sachlich gerechtfertigt war. Dass die Eindringlichkeit seines Vortrags, sein glühender Eifer ihm in Laienkreisen Anhänger schaffte, stand seiner Anerkennung bei den Fachgelehrten im Wege. Seine Einfälle — die Parallelisierung von Verbrechen und Wahnsinn, die Vorstellung vom physischen Normalmenschen und der verbrechenerzeugenden Abweichung von der Norm, von der Ausschliessung von Schuld und Verantwortlichkeit — waren dazu angetan, Popularität zu gewinnen. Die Gelehrtenwelt verhielt sich den Einfällen gegenüber spröde und ablehnend. Den Einfällen fehlten eben die Beweise. Lombroso hat das Glück gehabt, dass fleissige Jünger das von ihm Versäumte nachholten und dem Meister die verdiente Geltung werben halfen. Nicht alles blieb bestehen, was Lombroso verkündet hatte, bei weitem nicht alles. Aber der Rest wird Dauer haben, wird eine Unterlage abgeben für die Wissenschaft vom Menschen, die erst in der Bildung begriffen ist. Das ist eine Leistung, die echten Ruhm begründet und manche Mängel und Irrungen überstrahlt. Wir, die Zeitgenossen, können uns der Wahrnehmung dieser Mängel und Irrungen nicht entziehen; wir stehen noch unter ihrem Bann, sodass wir nicht umhin können, sie zu registrieren. Aber freudigen Herzens blicken wir auf die Leistungen des ungewöhnlichen Mannes, die den Tag und uns überleben werden, ihm zum Ruhm und der Gemeinschaft zur Ehre, die er nicht gekannt und falsch beurteilt, der er aber doch angehört hat. Unter dem Namen der bedeutenden Männer, die Israel der Welt geschenkt hat, wird der Name Cesare Lombrosos nicht fehlen. Sylvester.