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Ost und West · 1909-11-01 · Heft 11 (November 1909) · p. Seite 701 - 702

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 11 (November 1909)
Article
Der dritte Verbandstag der deutschen Juden
Date
1909-11-01
Page
Seite 701 - 702 (sequence 2)
Language
German
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70i [Der dritte Verbandstag der deutschen Juden.* 702 halb der letztvergangenen zwanzig Jahre 116 Städte 25 %, 54 Städte über 50 % ihrer jüdischen Bevölkerung verloren. Seine Darlegungen beruhten auf einer nach sorgfältiger Prüfung der in Betracht kommenden Verhältnisse angefertigten und sodann zur Verteilung gebrachten Denkschrift: „Die Abwanderung der Juden aus der Provinz Posen." Herr Justizrat Wolff-Lissa, Mitglied des Abgeordnetenhauses," behandelte sodann in geschichtlicher Beleuchtung, wie in einer Schilderung der gegenwärtig bestehnenden Verhältnisse die Frage: „Die Juden in den Ostmarken; was haben sie dem preussischen Staate und was\hat er innen geleistet."*' Die Darlegungen und Forderungen der beiden Redner wurden in der an ihre Vorträge sich anschliessenden Diskussion durch die Ausführungen der Herren Placzek- Posen und Berger-Königshütte, Rabb. Dr. Eppenstein- Briesen und Landtagsabgeordneten Geh. Justizrat Kassel- Berlin durch weitere sehr bemerkenswerte Ausführungen ergänzt und führten zur Annahme folgender Resolutionen: :,Der preussische Staat hat ein dringendes Interesse an der Erhaltung der stets vaterländisch gesinnten jüdischen Bevölkerung in den Ostmarken. Daher fordern wir 1. in politischer Beziehung: Gerade in den Ostmarken sollte die Regierung a) die gesetzliche Gleichberechtigung der Staatsbürger auf allen Gebieten den Staatslebens auch für die Juden verwirklichen und namentlich auch bei der Besetzung der öffentlichen Ämter die Juden niehi^zurücksetzen; b) bei Gestattung des Aufenthaltes und bei Verleihung der Staatsangehörigkeit an die vom Ausland'.^ zugezogenen Juden nicht nach anderen Grundsätzen verfahren, als gegenüber den einer anderen Religionsgemeinschaft zugehörenden Ausländern. 2. In gesellschaftlicher Beziehung: alle Beteiligten sollten darauf hinwirken, dass in den Ostmarken im geselligen Verkehr keine Absonderung nach dem Berufsstand oder nach der Zugehörigkeit zu bestimmten Religionsgemeinschaften stattfindet. 3. In wirtschaftlicher Beziehung: Die Behörden [und insbesondere ^die Ansiedeiungskommission^ sollten a) bei Vergebung von Arbeiten und Lieferungen in den Ostmarken ausnahmslos die Juden in gleichem Masse berücksichtigen wie die übrige Bevölkerung, b) öffentliche und^-private Anstalten, sowie Genossenschaften und Vereine in den Ostmarken nicht unterstützen oder empfehlen, wenn diese die Juden von der Verwaltung ausschliessen oder im Geschäftsverkehr zurücksetzen." Mit ihrer Annahme schloss die dritte Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden. Am Abend vereinigte der grosse Saal des Konzerthauses die Teilnehmer des Verbandstages und eine weitere Anzahl^der angesehensten Persönlichkeiten der Gemeinde Breslau, gegen sechshundert Personen, Damen und Herren, zu einem grossen Festmahl, das ebenso durch anregende Toaste wie durch eine Reihe ernster und humoristischer Tafellieder gewürzt war. Die jüdische Gemeinde Breslau hat hierbei, wie durch ihre übrigen Veranstaltungen nicht nur eine opulente Gastfreundschaft bewiesen, sondern auch durch die vorzüglichen Dispositionen ihres Festausschusses wesentlich dazu beigetragen, der ganzen Tagung einen wahrhaft imposanten Verlauf zu geben. Der folgende Tag brachte für einzelne Vereine und Kommissionen spezielle Beratungen; wer bei diesen nicht beschäftigt war, insbesondere die Damen unter den Teilnehmern des Verbandstages, folgten einer Einladung des Damenausschusses zur Besichtigung des herrlichen Rathauses, zu einem Streifzug durch Alt-Breslau, insbesondere aber zu einer Fahrt nach dem jüdischen Krankenhaus und anderen Wohltätigkeitsanstalten der jüdischen Gemeinde. Die Besichtigung der vielfach mustergültigen Einrichtungen war ein wahrhaft würdiger Abschluss der schönen Breslauer Tage, die allen Teilnehmern unvergesslich sein werden. * Ist es auch schwer, dieser Tagung positive Ergebnisse zu prophezeien, so bedeutet sie doch eine wohlzubeachtende Demonstration des deutschen Judentums, eine Demonstration seiner Einigkeit und seines Willens, für seine Überzeugung, seine Ehre und seine Rechte energisch einzutreten. Sie brachte ferner allen ihren Teilnehmern das starke Gefühl der Befriedigung über die;, Fülle hervorragender tüchtiger Kräfte, die aus den verschiedensten Gemeinden hier vereinigt waren und ein Bild geben konnten von der Arbeit, die selbstlos und freudig im Dienst des Judentums geleistet wird. Es war die Stimmung^eines schönen Familienfestes, die die Teilnehmer dieser Tagung erfüllte und sie von einander mit dem Wunsch scheiden liess: auf WiedersehrT beim nächsten Judentag!

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