Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 11 (November 1909)
- Article
- Ein Weckruf
- Date
- 1909-11-01
- Page
- Seite 651 - 652 (sequence 4)
- Language
- German
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Gol M. A. Klausner: Ein Weckruf. 652 selbst gewesen, die den Anstoss gegeben haben. Es gab Radikale, denen der regierende Radikalismus noch nicht radikal genug war. Sie wollten ihn ausbauen und ihm Dauer verschaffen. Sie wollten seine Anschauungen zum Gesetz in Jsrael machen. Am liebsten hätten sie eine Art moderner siuaitischer Gesetzgebung zur feierlichen Abrogierung der alten inszeniert. — Die GegenwirkuDg blieb nicht aus. Die radikale Orthodoxie musste gegen dieses Unternehmen protestieren, musste zu dem Gedanken an ein Schisma sich angeregt fühlen. Freilich erschrak man vor diesem Gedanken. Den Orthodoxen gereicht zur Ehre, dass sie selbst nicht am wenigsten erschraken. So trat eine gewisse Pause ein, eine Art unverabredeten Waffenstillstands. Nicht auf lange. Denn der Waffenstillstand wurde mit Rüstungen ausgefüllt. Man organisierte sich links, wie man sich rechts organisiert hatte. Und selbstverständlich trat eine Verschärfung der Gegensätze ein. Nur in der Mitte, so breit sie war, rührte sich nichts, blieb alles still. Wenigstens an der Obei fläche. Es fehlte an der Führung. Endlich hat sie sich gefunden. Fünfundfünfzig deutsche Rabbiner — nicht wenige der Besten sind darunter — haben sich zusammeDgetan, um die Männer der Mitte zum Bewusstsein ihrer Pflicht und ihres Könnens aufzurufen. Der Aufruf gilt einem Friedenswerk. Er ist nicht ein Kampfruf, er ist ein Weckruf. Der Beunruhigung, die von anderer Seite gekommen, soll ein Ende gemacht, die Entwicklung, die unaufhaltsam ist — unaufhaltsam selbst auf der äussersten Rechten — in stille, sanfte Bahnen geleitet werden. Ausgestalten gilt es, nicht umgestalten. In der breiten Mitte der jüdischen Gemeinden lebt das jüdische Gefühl, das unmöglich ist ohne liebevolle Pflege der Tradition, ohne verehrende Anlehnung an der Väter Erbteil und Eigenart. In unseres Vaters Hause ist Raum für alle Brüder. Wir möchten nicht Einen missen und ganz gewiss keinen fortschicken. Aber wir selbst wollen auch nicht fortgeschickt werden in die Wüste. Wir geben ohne weiteres zu, dass gerade in religiösen Dingen das Uebergewicht der Zahl allein nicht entscheidend sein soll. Aber dass wir in der Mehrheit sind, macht unser Recht jedenfalls nicht schlechter, da man auf der anderen Seite eine irgendwie geartete sonstige Ueberlegenheit nicht geltend machen kann. Eine Partei der Versöhnung will die neue Mittelpartei sein. Das ist keine blosse Redewendung, darauf berechnet, das Wohlwollen Unbefangener oder Uneingeweihter zu gewinnen. Die Versöhnung, die Vermittelung, der Ausgleich liegt in ihrer Natur. Sie kann gar nicht anders als der Verständigung dienen. Und ihr Ziel kann sie erreichen, wenn sie bloss ernstlich will, wenn sie ihrer Zahl und der darin liegenden Macht sich bewusst wird. Zeigt sie erst ihren Willen und ihre Kraft, so wird sofort die wunderbarste Wirkung eintreten: die allgemeine Zufriedenheit. Die Orthodoxie wird von schwerer Bedrohung sich befreit fühlen und der Radikalismus links von der Last einer Verantwortung, die er auf die Dauer gar nicht tragen kann. Kein Zwang wird herrschen, nicht nach rechts und nicht nach links, sondern Freiheit und liebevoller Wetteifer in der Verträglichkeit. Niemand unter uns, der dieses Ziel nicht ersehnte, niemand, der sich ihm widersetzen möchte. Gleichwohl ist das Beginnen nicht leicht. Die Gemüter müssen aufgerüttelt, zumu Bewusstsein erweckt, zum Wollen gebracht werden. Das ist schwer nach langer Gewöhnung an Lässigkeit. Ausdauernde Arbeit ist nötig. Aber gross ist auch der Lohn. Er besteht in der Befriedigung aller, selbst derer, gegen die die Partei der Mitte sich wenden muss. Und nun, Ihr fünfundfünfzig Rabbinen — zeigt, dass Ihr Eurer Gemeinden Führer seid!