Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 11 (November 1909)
- Article
- Ein Weckruf
- Date
- 1909-11-01
- Page
- Seite 647 - 648 (sequence 2)
- Language
- German
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647 M. A. Klausner: Ein Weckruf. 648 die Ueberzeugung, dass auch auf religiösem Gebiet zwischen grundstürzender Reform und starrer Stetigkeit die gesunde und notwendige Entwicklung in der Mitte liegt. Uns imponiert kein Bannsprnch, ob er vom Kadikalismus rechts oder vom Radikalismus links wider uns geschleudert, ob er im Namen der Wahrheit oder im Namen der Wissenschaft uns angedroht wird. In aller Bescheidenheit sagen wir nach rechts, dass wir von der Wahrheit, nach link?, dass wir von der Wissenschaft nicht weniger erleuchtet sind, als die eifernden Brüder, dass wir die Tradition liebend verehren wie die einen und der Wissenschaft huldigen wie die andern. Den Bigotten beider Richtungen, den Bigotten der Orthodoxie wie den Bigotten der Aufklärung, stellen wir uns mit der gleichen Selbstsicherheit entgegen, die sie vor uns zu entfalten nicht müde werden. Auch wir haben unsere Kanten und Ecken und stossen wohl manchesmal an. Nur tun wir es nicht gern, und ganz gewiss sind wir nicht aus Prinzip unduldsam. Wir lassen die einen gelten und die andern und bitten nur, dass man uns gleichfalls gelten und gewähren lasse. Freilich hat unsere Duldsamkeit Grenzen. Wer uns von rechts mit seinem „Gewissen" kommen will, das ihm verbiete, uns als gleichberechtigt anzuerkennen, dem sagen wir: Unser Gewissen mag hier oder da anders empfinden als eures, aber es ist genau so fein empfindlich wie das eure. Und wenn man von links gegen uns marschiert mit der „voraussetzungslosen Forschung", so halten wir entgegen: Kein Ergebnis der Forschung kann uns schrecken und uns abgeneigt finden; doch ihr müsst uns gestatten, nicht jeden Einfall, er sei noch so geistreich, gleich als feststehendes Ergebnis und als unumstössliche Wahrheit hinzunehmen. Das mögen Fanatiker tun. Uns aber missfallt der Fanatismus in jeder Gestalt. Wir bewahren ihm gegenüber unsere ruhige, feste, sachliche Nüchternheit. Und zuweilen denken wir, wenn der Fanatismus im äusseren Gewände der Begeisterung vor uns tritt, an das Wort, das Voltaire von Jean Jacques Rousseau gesagt hat: „Er ist gar nicht begeistert — er ist besessen.u Die grosse Menge, die nicht radikal ist und nicht radikal sein will, weder radikal-liberal noch radikal-orthodox, ist in unserem jüdischen Gemeindeleben schon immer übel fortgekommen. Sie hat nach aussen nicht den Mut ihrer Meinung gehabt, sondern respektvoll sich nach rechts und links verbeugt. Die grosse Menge in der Mitte hat in anerkennender Sympathie den Radikal-Orthodoren in allen Nöten hilfreich beigestanden. Kindheitserinnerungen gaben dazu nicht selten den lebhaftesten Anstoss. In der Orthodoxie von heute sah man ein Bild der Vergangenheit, einen Abglanz aus der Väter Tagen. In leicht gerührter Romantik erschien als pietätheischend — und an unsere Pieiät hat man nie vergeblich appelliert — woran man doch keinen lebendigen Anteil mehr haben konnte. So huldigte man der Vergangenheit und merkte dabei nicht, dass man der eigenen Gegenwart Luft und Licht nahm, dass man einen bereits überwundenen Gegensatz erneute. Nicht Absicht herrschte hier vor, sondern duldsames Geschehenlassen. Männer der mittleren Richtung sind es gewesen, die den Bau der orthodoxen Sondergemeinden durch Darbietung materieller Mittel haben errichten helfen. Solange dies geschah, war das beiderseitige Verhältnis ganz erträglich. Erst später ist ein Umschwung nach der unerfreulichen Richtung eingetreten. — Den Radikal- Liberalen gegenüber hat die grosse Menge in der Mitte sich ähnlich verhalten. Zunächst bestach der Name des Liberalismus, denn liberal wollte schliesslich jeder sein. Sodann standen an der Spitze des Liberalismus die diplomierten Gebildeten, Man drängte sich förmlich, diesen den Steigbügel zu halten. Dabei blieb es, auch nachdem die Liberalen längst radikal geworden waren. Erst langsam kam das Erwachen. Es war beinahe zu spät. Und ganz munter ist man noch jetzt nicht. Nur allmählich kommt zum Bewusstsein der Vielen, dass alle Gewalt und alles Bestimmungsrecht auf die beiden kleinen äussersten Flügel übergegangen ist. Der Radikalismus hat die Gesetzgebung in den Gemeinden an sich genommen und will sie behalten, beansprucht sie als sein Sonderrecht. Er mag dabei die Absicht haben, mit gerechter Objektivität zu verfahren, den weiter nach rechts Stehenden Einräumungen zu machen. Ait diesem Willen soll gar nicht gezweifelt werden. Doch ist es selbstverständlich, dass der Radikale einen andern Masstab hat für seine Einräumungen, als der Mann der Mitte für seine Forderungen. Das gibt einen Zwiespalt, und dieser Zwiespalt wird als un« erträglich empfunden, sobald der Mann der Mitte zum Bewusstsein kommt, dass er die Mehrheit hat, dass er beanspruchen darf, selbst am Ruder zu sitzen und selbst das Mass der Einräumungen zu bestimmen, sogar das Mass der Einräumnngen nach der andern Seite. Es scheint, dass das Erwachen nahe ist. Wie gewöhnlich, sind es auch hier die Regierenden