Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 11 (November 1909)
- Date
- 1909-11-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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0SF«esr: ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT v FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert von LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. lieft 11. November 1909. IX. Jahrg. EIN WECKRUF. Von M. A. Klausner. Nachdruck verboten. Sie haben sich rechts zusammengeschlossen — eine kleine Zahl. Sie haben sich links zusammengeschlossen — wiederum eine kleine Zahl. Die grosse Menge aber, die nicht radikal ist und nicht radikal sein will, weder radikal-liberal, noch radikal-orthodox, steht in der Mitte, ohne Führung uud ohne Gliederung und ohne Programm. Die auf der Rechten bilden einen Heerbann, der mit dem Anspruch auftritt, ganz allein im Besitz der Heilswahrheiten und der Wahrheit zu sein, einzig zur Lösung der Aufgabe befähigt: Wache zu halten an dem Heiligtum der Tradition und sie ungeschmälert kommenden Geschlechtern zu überliefern. Wer nicht denkt wie sie, wer nicht urteilt wie sie, wer nicht lebt wie sie, es sei in bedeutenden oder in unwichtigen Dingen, dem drohen sie mit dem grossen Bann, mit Acht und Aberacht, und ihre wortschnellen Franktireurs sind ohne Zaudern bereit, die Zugehörigkeit zum Judentum dem abzuerkennen, der sieht, was sie nicht sehen wollen. — Ferne von uns, ihre Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit anzuzweifeln. Fast möchten wir sie um die Sicherheit beneiden, mit der sie in ihrer TJeberzeugung stehen. Doch ihre Unduldsamkeit ist, gelinde gesagt, unbehaglich. Wir wollen ihnen nicht Gleiches mit Gleichem vergelten; wir wollen uns im Gegenteil bemühen, friedlich und verträglich mit ihnen auszukommen. Sie sind ja unsere Brüder und sollen es bleiben. In unseren Augen wenigstens werden sie es bleiben, auch wenn sie uns mit verminderter Brüderlichkeit behandeln. Nur dürfen sie nicht erwarten, dass wir auf uns selbst, auf unser eigenes Denken und Meinen verzichten. Das können wir einfach nicht. Die auf der Linken wiederum entfalten wider uns das Banner der Wissenschaft, als ob sie allein die Wissenschaft gepachtet hätten. Wäre es nur der Fall, so würden wir uns leicht mit ihnen verständigen. Doch sie sind im Dienst der Wissenschaft allzu eifrig. Sie sind die Orthodoxen des Unglaubens, die jeden Tagesflicken ihrer Herrin, jeden Zipfel ihres modischen Gewandes fast wie die Herrin selbst verehren. Jede Hypothese, die an der Tradition rüttelt und reisst, gilt ihnen schon deshalb als erwiesen. Für sie gibt es Bestätigungen nur für die Negation. — Auch hier setzen wir aufrichtige Ehrlichkeit als selbstverständlich voraus. Daran kann uns selbst der leise, zuweilen ganz unverhohlene Spott der „überlegenen Aufklärung" nicht irre machen. Nicht einmal die kalte Gleichgiltigkeit, die sichfür wissenschaftliche „Objektivität" hält, ist imstande, zwischen diesen Brüdern und uns eine trennende Scheidewand aufzurichten. Dafür ist der Kitt einer mehrtausendjährigen Geschichte doch zu fest, zu fest das immer erneute Band gemeinsamen Leides. Wir wollen nicht anders erscheinen als wir sind. Wir wollen nicht den Glauben erwecken, als wäre unmännliches Dulden und Ducken unser besehieden Teil. Nein, wir betonen unser gutes Recht auf eine eigene, selbständige Meinung, auf