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Ost und West · 1909-10-01 · Heft 10 (Oktober 1909) · p. Seite 633 - 634

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 10 (Oktober 1909)
Article
Revue der Revuen
Date
1909-10-01
Page
Seite 633 - 634 (sequence 2)
Language
German
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683 Revue der Revuen. 634 Der Zweck dieser in englischen Regierungsblättern aufgetauchten Nachricht ist augenscheinlich der, einerseits die Gemüter in England über die Entrevue zu beruhigen, andrerseits die Stimmung für eine eventuelle neue russische Anleihe in englischen und amerikanischen Finanz kreisen günstig zu gestalten. Tatsächlich bringen schon Moskauer Blätter die Nachricht, dass wegen Aufnahme einer Milliardenanleihe mit ausländischen Kapitalisten Vorverhandlungen im Zuge seien. Wir können nur die Hoffnung aussprechen, dass die jüdische Finanzwelt den Londoner Nachrichten nicht abermals aufsitzen und den Mut aufbringen wird, ihre Hilfe Russland nur unter der ausdrücklichen Bedingung angedeihen zu lassen, dass die russische Regierung vorher die Lösung der Judenfrage durchführt. Russische Versprechungen haben sich bisher noch stets als leeres Geschwätz erwiesen. Im Gegenteile, die Bedrückung der Juden in Russland wurde nach jeder Anleihe immer schärfer als je zuvor." * * * Einem Berichte des „American Israelite" zufolge, hat die amerikanische Regierung ihren Gesandten nach Sankt Petersburg delegiert, der mit der russischen Regierung diplomatische Unterhandlungen darüber führen soll, dass die amerikanischen Juden, die nach Russland zurückkehren, dieselben Rechte besitzen sollen, wie die amerikanischen Nichtjuden. * * * Die jüdische Gemeinde von Theodosia feierte jüngst das Jubiläum ihres tausendjährigen Bestehens. Wie „The American Hebrew" berichtet, hat man ziemlich sicheren Anhalt dafür, dass die dortige Synagoge bereits auf eine tausendjährige Vergangenheit zurückblicken kann. Sie ist auf einem Berge gelegen und war lange Zeit unbeachtet und unbenutzt geblieben. Zeitweise war sie durch einen Erdrutsch zu einem unterirdischen Dasein verdammt. „Erst" vor weingen Jahrhunderten haben pietätvolle Hände das ehrwürdige Bauwerk ausgegraben und seiner früheren Bestimmung zurückgegeben, der es seither ohne Unterbrechung gedient hat. * * Ueber diekorfiotischenJuden erzählt „Porzo" im „Neuen Pester Journal": „Die korfiotischen Juden Hessen es bei diesem einen Gotteshaus nicht bewenden. Sie besitzen ihrer drei. In dem einen ist die verbindende Ver3tändigungssprache die neugriechische, in den beiden anderen die spanische. Welch' rührende Treue, welche Liebe zu dem alten Vaterlande, aus dem sie vertrieben wurden, seine Sprache auch heute noch zu üben und zu pflegen. Im übrigen ist — wie sie uns erzählten — in dieser jüdischen Gemeinde alles präzisiert, eigentlich originalgriechisch: die Verwaltungssprache ebenso wie die Unterrichtssprache. Der Antisemitismus, der sich noch vor einigen Jahren so blutig betätigte, scheint — wie ja bei uns auch — nur mehr ein platonischer zu sein. Ist doch ein junger Jude — ich glaube gar, er hei3st Abarbanel — Lehrer der griechischen Sprache und Literatur an der städtischen Hauptschule. Immerhin ein Zeichen günstiger Wendung." * * Auf einer Reise durch die Vereinigten Staaten besuchte PrasidentTaftdie Synagogein Pittsburg und hielt daselbst eine Rede, die, wie „The American Hebrew" meint, als ein Manifest des Präsidenten anzusehen ist. Taft sagte u. a.: „Ich freue mich, in Ihrer Mitte zu sein, um Ihnen, wenn es möglich ist, zu beweisen, wie glücklich eine Regierung ist, die nur gleichberechtigte Bürger kennt, und wie weise das Volk, dessen Konstitution für keine Religion oder Nation irgendwelche Schranken bestimmt hat. Als Präsident der Vereinigten Staaten fühle ich mich in Ihrer Mitte so wohl wie bei mir zu Hause und so frei, wie in jeder anderen Kirche dieses Landes. In der Geschichte unseres Landes finden wir keinen Fall, dass die Juden jemals in bezug auf Patrotismus hinter den anderen Bürgern zurückgeblieben wären. Ich habe soeben Ihr Gebet gehört, dieses Gebet voll Menschenfreundlichkeit und Liebe; da muss ich nun voll Scham daran denken, dass es anderweitig noch fanatische Beschränkungen gibt." * * * Das amerikanische Ministerium des Aeusseren veröffentlichte jüngst eine Sammlung von Dokumenten betreffend den Anteil der amerikanischen Regierung an der denkwürdigen Marokkokonferenz. Wie der „Jewish Exponnent" hierzu mitteilt, hätten die Delegierten Amerikas auf der Konferenz auch die Forderung gestellt» eine Bestimmung zu treffen, wonach den Juden in Marokko alle Gleichberechtigung zugesichert wird. Von anderen Delegierten wurden die Vertreter Amerikas jedoch veranlasst, ihren Antrag fallen zu lassen; man sagte ihnen, dass die judenfeindlichen Gesetze in Marokko „mehr auf dem Papier, als in der Praxis bestünden". — „Wenn's nur wahr wäre!" — meint die amerikanische Presse. * # * Im Alter von vierundneunzig Jahren verschied am 16. August in Jerusalem Rabbi Samuel Salant, der sechzig Jahre hindurch das Amt eines Oberrabbiners der aschkenasischen Gemeinden versah. Sein Ableben erweckt die Erinnerung an die Ritualmordszenen und das Verbrechen in Damaskus. Damals beriet Salant mit Moses Montefiere, wie das Leben seiner Gemeindekinder vor der Wut des verhetzten Volkes zu retten wäre. — In Bialistok in Russland geboren, kam Salant schon in sehr jungen Jahren nach Palästina, wo er bald einen Wirkungskreis fand. Sein Interesse galt vornehmlich der sozialen Lage der palästinensischen Juden, die ihm, der viel Gutes stiftete, viel zu danken haben. * * * In Berlin verstarb am 17. September Alexander Strak o s c h , dem ein an Ehren und Erfolgen reiches Leben beschieden war. Als einer der vornehmsten Sprechkünstler deutscher Zunge war er der Lehrer manches, heute berühmten Schauspielers. Er selbst genoss grosse Popularität. Heinrich Laube, den mit Strakosch eine innige Freundschaft verband, brachte Strakosch auf das Gebiet des Schauspielpädagogen. Alexander Strakosch, dem Grosses gelang, wird in ehrender Erinnerung bleiben. * * * Die jüdische Presse aller Richtungen verzeichnet die Berufung des Geheimen Regierungsrat Prof. Dr. Ludwig Geiger an die „Allgemeine Zeitung des Judentums", deren Leitung Professor Geiger demnächst übernimmt. Damit ist für die durch das Hinscheiden des Dr. Gustav Karpeles erledigte Stelle ein Nachfolger gefunden worden, der sich als Gelehrter wie als hervorragender Literaturhistoriker allgemeiner Wertschätzung erfreut, und unter dessen Leitung die „A. Z. d. J." fernerer Blüte entgegengeht.

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