Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1909)
- Article
- Einleitung in den Talmud [Rezension]
- Date
- 1909-10-01
- Page
- Seite 631 - 632 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583980-2583990-2600072--09749-2600139- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
631 Literarische Rundschau. 632 einen Begriff von der praktisch-juristischen Arbeit jener talmudischen Autoritäten, die gar nicht so weltfremd waren, wie man gewöhnlich annimmt, und durch wunderbaren Scharfsinn sich über manche Lücken realer Lebenserfahrung hinwegzuhelfen wussten. Wer Stracks Einleitung in den Talmud gelesen hat, wird den Glauben an das Märchen, dass allein Rom juristische Erb Weisheit besessen, nicht mehr festhalten. Aus dem reichen Inhalt sei hier nur folgendes hervorgehoben: Inhalt der 63 Mischnatraktate (33 Seiten); chronologisches Verzeichnis der Schriftgelehrten (32 Seiten); die sehr sorgfältigen Literaturangaben, auch über Uebersetzungen, Kommentare und Parlies (über 40 Seiten). Die Fülle der genannten Literatur ist eine besonders wirksame "Widerlegung des törichten Geredes, der Talmud sei ein geheimgehaltenes Buch. — Sei das Buch allen Bildungsfrohen dringend empfohlen. Der Preis ist billig, die Ausstattung gut. K. REVUE DER REVUEN. Eine Gruppe englischer und französischer Gelehrter, unter ihnen viele Historiker und genaue Kenner des internationalen Rechts, haben sich, zur Bildung einer Liga zum Schutze der unterdrückten Völker zusammengeschlossen. In Paris wurde zunächst ein provisorisches Komitee eingesetzt, das eine Deklaration, betreffend die Rechte der einzelnen Völker, publizieren wird, ähnlich jener, welche die französische Revolution seinerzeit über das Menschen- und Bürgerrecht erlassen hatte. „The Jewish Chronicle" erblickt in dieser Gründung ein bedeutendes Zeichen, insbesondere in dem Umstand, dass Parteipolitiker und Parlamentarier von der Mitgliedschaft ausgeschlossen sind, so dass die Betätigung persönlicher Tendenzen im Rahmen der Liga ausgeschlossen erscheint. * * * Aus dem neuen Buch, das Jules Huret, der espritreiche französische Schriftsteller, über Deutschland erscheinen lässt, wissen verschiedene Zeitungen bereits Stellen über den Antisemitismus in Deutschland zu zitieren. Huret spricht von „Deutschtum und Teutschtum", über die Verschiedenheiten antisemitischer Gesinnung und sagt von dem Typus der „Religionsantisemiten": „Die Religionsantisemiten sind schon zufrieden, wenn sie einen Juden sich taufen lassen sehen, trotzdem sie sehr gut wissen, dass die Bekehrung eines Juden zum Christentum nicht die Annahme eines neuen Glaubens bedeutet, sondern einfach die Verleugnung des alten. Sie wissen auch, dass ein solcher Abtrünniger nur ein schlechter Jude, der Typ dessen ist, was man mit Recht als „schmutziger Jude", Lumpenkerl, Feigling, Sklave, niedrig an Geist und Charakter bezeichnet. Aber man muss wohl glauben, dass der Stolz dieser Apostel und ihre Selbstschätzung sie annehmen lassen, dass das, was von einem schlechten Juden übrig bleibt, immer noch genug ist, um daraus einen guten Christen zu machen. . . . Die wahre Ursache des Antisemitismus ist, wie in allen Ländern, der Neid .*. ." * * * Die Lage der Juden in Rumänien wird in letzterer Zeit wieder auffallend stark diskutiert. In der „Revue du droit international" veröffentlicht der bekannte Strafrechtslehrer Professor von Bar einen Aufsatz über die Rechtlosigkeit der Juden in Rumänien. Professor von Bar gibt eingangs eine juristische Erläuterung der auf Rumänien zutreffenden staatsrechtlichen Gesetze: „. . . Während nun in den anderen Staaten die Juden — wenn auch vielfach beschränkte — Rechte des Staatsbürgers geniessen, hängen sie in Rumänien von dem Gutdünken der Regierung ab, Nachdruck verboten. die sie bald als Ausländer, bald als rumänische Staatsangehörige behandelt. . ." Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Rumänien das Völkerrecht verletze, und dass es Recht und Pflicht der Signaturmächte des Berliner Vertrages sei, Rumänien an der Einhaltung seiner Verpflichtungen zu erinnern, denn „die Lage der Juden ist durch das Schweigen der Mächte eine sehr traurige geworden ..." * * * Der rumänische Konsul in Newyork, Mr. Spencer, veröffentlicht in der „Newyork Times" einen Artikel über Rumänien und charakterisiert die Lage der rumänischen Juden folgendermassen: „Ein Löffel kostet 1*4 Pence, und eine ganze jüdische Familie muss sich mit einem Löffel begnügen, da sie nicht einen zweiten kaufen kann. Ein neugeborenes Kind wird in Papier gewickelt, weil Leinwandwindeln zu teuer sind. Die Lage der Juden in Russland ist besser, als die ihrer Brüder in Rumänien. In Russland bestellt die Hoffnung, dass die Progressiven und Gerechten zur Regierung gelangen; in Rumänien aber ist gar keine Hoffnung auf Besserung vorhanden, da die Konstitution dort das Unrecht sanktioniert und alle Parteien daran beteiligt sind. Aus Mangel an Mitteln zur Flucht aus der Knechtung ist jede Rettung unmöglich ..." Wenn schon ein offizieller Vertreter seines Vaterlandes so spricht — wie muss es dann in Wirklichkeit aussehen! * * * In Newyork fand vor kurzem die Gründung einer „A llianz rumänischer Judenvon Amerika" statt, zu derem Ehrenpräsidenten der Rektor des jüdischtheologischen Seminars in Newyork, Professor Dr. Salomon Schlechter, gewählt wurde, der in längerer Ansprache die Organisierung philanthropischer Anstalten für die rumänischen Juden in Amerika und die Unterstützung rumänischer Einwanderer als das Ziel der Allianz hinstellte, und deren Begründung die „Jewish Daily News" als eine Notwendigkeit ansehen. * * * Die von verschiedenen Zeitungen gebrachte Meldung, dass bei der Entrevue zwischen Zar Nikolaus und König Eduard auch die Judenfrage zur Sprache gebracht worden sei, gibt der „Oesterr. Wochenschrift" Anlass zu folgenden Bemerkungen: „Die Nachricht, dass bei der Entrevue zwischen Zar Nikolaus und König Eduard in Cowes auch die russische Judenfrage zur Sprache gekommen und russischerseits die Zusage gemacht worden sei, die Judenfrage in Russland demnächst einer wohlwollenden Behandlung zu unterziehen, ist nicht ernst zu nehmen.