Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1909)
- Article
- Eine türkische Deputation bei der Alliance Israélite Universelle
- Date
- 1909-08-01
- Page
- Seite 573 - 574 (sequence 2)
- Language
- German
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573 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Eine Türkische Deputation bei der Alliance Israelite usw. 574 könnten sie auch in Zukunft auf den Geist menschlicher Brüderlichkeit aller Mitbürger zählen, welcher konfessionellen oder Volksgruppe diese auch angehören. Eine Andeutung auf die zionistische. Bewegung beantwortete der Redner dahin, dass es geraten sei, diese Bewegung nicht zu unterstützen. Die Türkei habe im Sinne, ihre Türen allen Verfolgten offen zu halten, die zu ihr kommen, um ihre Kräfte zu brauchen oder ihre Kapitalien nutzbar zu machen. Sie würde eine Bewegung nicht dulden, die das Aufrollen einer in Wirklichkeit nicht existierenden jüdischen Frage bezwecke, einer Frage, die hervorzurufen nicht im Interesse der Israeliten liege. Herr Leven erklärte, dass diese Auffassung den Ansichten der Alliance voll entspräche. Die Alliance habe es bisher verstanden, dem Zionismus fernzubleiben, und habe vermieden, ihn in irgend einer Art zu ermutigen. Die Unterhaltung, die sich beinahe zwei Stunden hinzog, trug den Stempel grosser Herzlichkeit. DIE ZUSTAENDE IN PERSIEN. Von Herrn Natal", Direktor der Alliance- Schule in S c h i r a s , hat das Central-Comite nachstehende Berichte erhalten, die die Zustände in Persien schildern: Schiras, 23. April 1909. Die allgemeine Lage in der Provinz Fars ist fortdauernd ernst und gefahrvoll. Man fragt sich ängstlich, was das Ende eines so traurigen Zustandes sein wird. Auf den Wegen herrscht die grösste Unsicherheit. Posten, Karawanen, Reisende werden beraubt und ausgeplündert. Handel und Verkehr sind fast unmöglich geworden, das Geschäftsleben ist gehemmt, und in natürlicher^ Folge ist eine beträchtliche Verteuerung der Lebensmittel eingetreten. Der Preis des Zuckers, des Petroleums und aller von auswärts kommenden Waren hat sich fast verdreifacht. Das Brot, das vor zwei Monaten 0,60 Fr. kostete, muss man heute mit 0,80 Fr. selbst mit 1 Fr. bezahlen. Das bedeutet, dass Teuerung und Hungersnot bevorstehen. Ungeachtet des Ernstes der Krise fahren die Behörden fort, träge Gleichgültigkeit an den Tag zu legen. Der Generalgouverneur hält sich in seinem Palast eingeschlossen. Einer Delegation von Kaufleuten, die ihm die traurige Lage der Provinz darstellten und sich über die beträchtlichen Verluste beklagten, die sie infolge der Warendiebstähle auf ihren Reisen erlitten, antwortete er: Das beste Mittel, diase Unannehmlichkeiten zu vermeiden, wäre, keine Waren zu expedieren, unc1 keine Waren kommen zu lassen! Vor zehn Tagen wurden wii nachts durch' heftigen Lärm geweckt, der sich auf der Seite des Gouverneurpalastes erhoben hatte. Wir glaubten zuerst, der Aufruhr, den man so lange vorausgesagt hatte, wäre ausgebrochen. Am Morgen erfuhren wir, dass es nur eine Kundgebung der Gouverneurstruppen war, die seit sechs Monaten ohne Löhnung geblieben waren. Auf die inständige Bitte des englischen Konsuls, der aus solchen Kundgebungen, falls sie sich erneuern würden, die Entstehung von Unruhen fürchtete, zahlte man endlich jedem der Unzufriedenen einen Toman, d. s. 5 Fr., . . . und dankte sie ab. Der Gouverneur hat heute nur noch 250 Soldaten zu seiner Verfügung, um die Ruhe in einer ganzen Provinz aufrecht zu erhalten Ich muss Ihnen noch sagen, dass sicn seit 20 Tagen in Schiras ein „Medschles", ein Landesparlament, gebildet hat, von dessen 52 Mitgliedern die Mehrzahl Priester sind. Das Parlament aber, das keine Macht besitzt, ist nicht viel mehr als eine Schwätzerschule. Während der vier- bis fünfstündigen Sitzung diskutiert man die Ereignisse, die sich im Lande abspielen, man kritisiert die Regierung des Schahs, man plaudert über die Zukunft des Landes, und man trennt sich mit dem Zuruf „Auf Wiedersehen morgen!" Es scheint indessen, dass dieses „Medschles" wenigstens den berühmten Scheik Zacharias tatsächlich fernzuhalten weiss, der Schiras einzunehmen drohte, wenn man nicht die Verfassung proklamierte. Ist in Schiras die Situation ernst, so ist sie es noch viel mehr in den Dörfern im Jnnern des Landes, und unsere Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. unglücklichen; Glaubensgenossen sind dorttäglich Opfer von Erpressungen und Missbräuchen aller Art. In Nobendegun haben fanatische Priester mit Gewalt einen Hausierer festgehalten und ihn gezwungen, sich zum Islam zu bekehren. Die Gemeinde hat mich alsbald von der Tatsache unterrichtet und meine Intervention erbeten. Ich habe alsbald an einen Seyed, Moas-Ed-Dowlet, Mitglied des neuen Parlaments und Besitzer eines grossen Teiles des Dorfes Nobendegun, geschrieben und ihn gebeten, seinen Einfluss bei dem Gouverneur dieser Ortschaft geltend zu machen, dass dem Neubekehrten gestattet werde, nach Sohiras zu kommen. Einmal hier, wird es ihm leicht sein, zum mosaischen Glauben zurückzukehren. Moas-Ed-Dowlet wollte meinem Wunsch gern stattgeben, und ich hoffe, dass meine Bemühungen Erfolg haben werden. In Dscharum haben sich während der Osterfeiertage ernste Dinge abgespielt. Eine Bande exaltierter Muselmanen hatte das jüdische Viertel überfallen, beraubt, fünf Häuser zerstört und einen der Unseren getötet. Nachdem ich hiervon Kenntnis erhalten hatte, bat ich den Besitzer des Dorfes Dscharum, Cawam-El-Molk, er möge intervenieren. Er versprach, Genugtuung zu verschaffen. In Darab endlich ist die Lage unserer armen Glaubensgenossen fortgesetzt herzzerreissend und verzweifelt. Sie sind genötigt, sich von Kräutern und rohen YTurzeln zu nähren. S c h i r a s , 20. Mai 1909. Die Verhältnisse in" der Provinz^ Farsl haben sich se einigen Tagen verschlimmert. Ich habe Ihnen in einem früheren Briefe geschrieben, dass Nasr-ed-Dowlet, der reichste Mann in Schiras, vom Schah beauftragt worden war, gegen den Seyed Abdul-El-Hussein und den Scheik Zacharia, die mächtigen Häupter der revolutionären Partei im Süden von Persien, zu Felde zu ziehen. Letzten Samstag traf hier die Nachricht ein, dass es Nasr-ed-Dowlet gelungen sei, jenen zu töten und diesen gefangen zu nehmen. Die Nachricht rief in der Stadt die grösste Bewegung hervor; denn diese beiden Priester haben sehr viele Anhänger im ganzen Land und werden von dem kürzlich konstituierten „Medschles" oder Landesparlament unterstützt. Alsbald zeigten sich antinationalistische Kundgebungen in der Stadt, besonders vor dem englischen Konsulat. Man forderte den Tod Nasred-Dowlets und seines Bruders Cawam-el-Molk, die die Vertreter des absoluten Regimes sind. Die Basare blieben zum Zeichen der Trauer während der ganzen Woche geschlossen. Es versteht sich von selbst, dass unsere Glaubensgenossen in dieser Zeit schwer beängstigt waren. Sie fürchteten, dass die überreizte Menge ihre Wohnstätten überfallen und Ausschreitungen begehen würde. Einige beeilten sich sogar, um das, was sie an Kostbarkeiten hatten, in unterirdischen Verstecken zu vergraben. Jeden Augenblick kamen Gruppen von kopflosen Unglücklichen zur Schule, um sich zu erkundigen und mich zu fragen, ob ihre Existenz in Gefahr wäre. Ich tat mein Bestes, sie zu beruhigen, und