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Ost und West · 1909-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1909) · p. Seite 533 - 534

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1909)
Article
Einiges über den Apikores
Date
1909-08-01
Page
Seite 533 - 534 (sequence 8)
Language
German
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533 Dr. Max* Steif: Einiges über den Apikores. 534 mehr auf der einen Seite alles in leichtfertig absprechender Weise als rabbinischer Aberwitz, Vorurteil und Aberglaube bezeichnet wurde, man um so zäher auf der anderen Seite an allem Überkommenen, selbst an dem geringsten Brauch, festhielt und in der kleinsten Übertretung ein schweres Vergehen erblickte, das dementsprechend auch geahndet wurde. So traf einen Ahnen der bekannten Familie Bleichröder deshalb, weil er beim Tragen eines deutschen Buches ertappt worden, die Strafe der Ausweisung aus Berlin. Und als ein Mann namens Abraham Posner das damals ganz Unerhörte beging, sich den Bart abzuscheren, fand man es nicht zu kleinlich, dieserhalb vom König selbst einen Befehl zu erwirken, daß jener sich wieder den Bart wachsen lassen müsse. Der König, Friedrich der Große, soll nach einer jüngst veröffentlichten Anekdote dabei das betreffende Gesuch mit der lakonischen Randbemerkung versehen haben: „Der Jude Posner soll mich und seinen Bart in Zukunft ungeschoren lassen!" — Übrigens ist schon früher einmal, wenn auch nicht von so ganz einwandfreier Seite, von dem Abenteurer Chajon sogar dem als Autorität anerkannten Rabbiner Juda Leon Brieli in Mantua (geb. um 1643) der Vorwurf gemacht worden, daß er keinen Bart trage, und was noch mehr gegen alle jüdische Sitte verstoße, daß er ledig geblieben. — Man muß eine solche Strenge aus der ganzen Richtung jener Zeit zu verstehen suchen, in der schließlich selbst eifrigste Anhänger des neuen Zeitgeistes zugeben mußten: Es haben sich Untugenden unter uns verbreitet, die unsere Väter nicht kannten und die für jeden Preis zu teuer erkauft worden. Irreligion, Üppigkeit und Weichlichkeit, dieses Unkraut, das aus dem Mißbrauch der Aufklärung und Kultur hervorkommt, hat leider auch unter uns Wurzel gefaßt. (Schreiben Friedländers, eines Schülers Mendelssohn.) Und komisch nimmt es sich in dem Munde eines von Judenhaß erfüllten Mannes dieser Zeit aus, dessen Namen, Grattenauer, sich nur durch seine Schmähschriften erhalten, wenn er diese ihr Judentum verleugnenden „jüdischen Modejünglinge und jüdische Schönen" unter anderem auch dahin charakterisiert: Von ihren orthodoxen Glaubensgenossen werden sie Quapecoires (soll wohl heißen Apikores) genannt, das sind Leute, die weder an Gott noch an das Gesetz Moses, noch an die Rabbiner und an den Talmud glauben. Von den Salons einer Henriette Herz und Rahel, woselbst sich jene „ungläubigen Gläubigen" zusammenzufinden pflegten, verbreitete sich dieser Geist der Verneinung und seichten Aufklärung wie eine ansteckende Krankheit, der selbst Mendelssohns eigene Töchter zum Opfer fielen, und nur ein starker Charakter wie Gabriel Riesser fand den Mut bezüglich solcher Art Aufklärung auszusprechen: „Ehrlos der Sohn, der sich seines Vaters, ehrlos das Geschlecht, das sich seiner Vorzeit schämt!" Und wenn auch gleichfalls ein Apikores in seiner Art, so bereitete es Heine, wie er einmal selbst gesteht, doch eine innere Freude, den Prediger Gotthold Salomon im Hamburger Tempel gegen diese Abgefallenen eifern zu hören. Andererseits erfuhren freilich gerade diese damaligen Prediger wegen ihres Eintretens für das von Israel Jacobsohn eingeführte Reformjudentum von den Altfrommen eine nicht minder kräftige Bekämpfung, wie ja sogar von einem auf ihrer Seite stehenden, von Moses Moser, dem Freunde Heines, das bekannte Witzwort herrührt: An einem ausgestopften Rabbi im Zoologischen Museum wäre noch mehr Judentum zu studieren, als an den lebenden Tempelpredigern. Aber mochten auch hier die Geister, wie in früherer Zeit, mitunter heftig aufeinander stoßen, mochten auch jetzt Männer wie Krochmal und Rappaport ihrer Forschungen wegen zum Apikores gestempelt und ein Vertreter von Reformideen, Aron Chorin, Rabbiner in Arad, nach seinen Anfangsbuchstaben als Acher hingestellt werden, es darf dies doch nicht als blinder Fanatismus, bloße Verketzerungssucht bezeichnet werden, noch weniger waren es niedrige Motive, wie Ehrgeiz und Eigenliebe, was jene Frommen dabei geleitet, es war vielmehr das instinktive Gefühl, es könnte durch Schweigen, geduldiges Zusehen und nachgiebiges Gewährenlassen der Abfall vom Judentum eine Förderung erfahren und immer mehr um sich greifen. Und wenn man bedenkt, wie andere Religionen ihre Halb- und Ungläubiger mit Feuer und Schwert, mit Kerker, Folter und Scheiterhaufen verfolgten, dann bleibt es schwer verständlich, wie von mancher andersgläubigen Seite (z. B. Marx: Die Tötung Ungläubiger nach talmud-rabbinischem Recht) dem Judentum in dieser Hinsicht die unerbittlichste Strenge und starrste Unduldsamkeit imputiert werden konnte. Wie das Judentum über Glaubensfragen denkt, das hat niemand präziser zum Ausdruck gebracht, als einer seiner besten Vertreter, Mendelssohn in seinem ,,Jerusalem". Während ein moderner, hervorragender Gelehrter, Harnack in seinem Wesen ,,des Christentums" es gestehen muß, daß „um einer Nuance willen — ob Gott der Sohn, Gott dem Vater wesensgleich oder nur ähnlich sei — die brüderliche Gemeinschaft gekündigt, Tausende geschmäht, verworfen, in Ketten gelegt und hingerichtet worden", darf die diesbezügliche jüdische Anschauung in folgenden Worten Mendelssohns gefunden werden: Die erste Vorschrift des Judentums lautet nicht: Du sollst glauben oder nicht glauben, sondern du sollst tun oder nicht tun. Das uralte, echte Judentum schreibt nicht Glauben vor, sondern Wissen, Erkennen; es ermahnt zur Beherzigung der Lehren. Innerhalb dieser so verachteten Religionssphäre darf jeder denken, meinen und irren, wie ihm beliebe, ohne der Ketzerei zu verfallen."

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