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Ost und West · 1909-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1909) · p. Seite 491 - 492

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1909)
Article
Gustav Karpeles
Date
1909-08-01
Page
Seite 491 - 492 (sequence 1)
Language
German
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491 492 GUSTAV KARPELES. Bald nach seinem sechzigsten Geburtstag, an dem ihm viele Ehrungen zuteil wurden, ist Gustav Karpeles gestorben. Ein Herzleiden hat diesem an Arbeit und Erfolgen reichen Leben ein Ende gesetzt. Mit klingenden Tiraden von dem Verluste zu sprechen, den sein Hinscheiden einem grossen Kreis bedeutet, hiesse ganz gegen die Grundsätze des Mannes handeln, dem diese Worte des Gedenkens gelten. Es war kein lautes, kämpf frohes Leben, was da erlosch. Ein günstiges Schicksal hatte Karpeles in eine günstige Zeit versetzt, deren Geist auf den Rabbinersohn aus Eiwanowitz fördernd wirken musste. Es war die richtige Zeit, und er wurde für sie der richtige Mann. Der stud. theol. Gustav Karpeles, der vom Breslauer Seminar an die Breslauer Zeitung kam, musste grosse Anpassungsfähigkeit, beweglichen Geist besitzen. Er besass beides. Und wäre vielleicht ein ebenso guter Rabbiner, ein glänzender Kanzlerredner geworden, wie er ein fleissiger, bildsamer Literaturhistoriker wurde. Typisch für Gustav Karpeles erscheint mir eine gewisse Treue: der Zwanzigjährige schrieb sein erstes Büchlein über Heinrich Heine; des Sechzigjährigen letztes Werk war das Buch „Heinrich Heines Memoiren", auf das ich kürzlich an dieser Stelle hingewiesen. Was an aufklärender, ergänzender Literatur über Heine erschien, hat Karpeles geschaffen. Hier die Werke dieser Art: „Heinrich Heine" (1870), „Heinrich Heines Werke" (1884); „Heinrich Heine und seine Zeitgenossen" (1885); „Heinrich Heines Autobiographie" (1887); „Heinrich Heine und der Rabbi von Bacharach" (1895); „Neues aus dem Leben Heinrich Heines", und endlich das vorerwähnte Memoirenbuch. Dem „ungezogenen Liebling der Grazien" hatte Karpeles sein Herz geschenkt, und dieser Liebe blieb er treu. In unzähligen Zeitungsaufsätzen hat er Persönlichkeit und Schicksal des Dichters erläutert und hier, wo sein Herz mitsprach, waren seine Worte und Gedanken getragen von liebevollem Verständnis. Den Literaturantisemiten — Adolf Bartels und dessen gleichwertigem Kreis — hat er in ihrem Bemühen, das Andenken des „Juden Heine" zu besudeln, für alle Zeiten das Stigma der Lächerlichkeit aufgedrückt. Durch Neigung und Zeitlauf bestimmt, hatte sich Karpeles' Schaffenstendenz darauf gerichtet, vermittelnd zu wirken zwischen deutschem und jüdischem Geistesleben, den Einfluss jüdischen Geistes auf das deutsche Geistesleben zu zeigen und umgekehrt die mannigfachen Wechselwirkungen blosszulegen. Nachdruck verboten. Ein Produkt dieser Tendenz ist seine „Geschichte der jüdischen Literatur", ein W7erk feinen Verständnisses und strenger Objektivität. Mit diesem Werke, wie nicht minder mit vielen anderen Schriften literaturhistorischen Inhaltes und der klug gewählten Sammlung jüdischer Poesien „Zionsharfe", hat er jüdischen Geist und jüdisches W^ort dem allgemeinen Verständnis nähergebracht. Es war seine eigene Kunst, in den Geistesschächten der Grossen nach dem Golde zu suchen und das Edelmetall zu einer Volksmünze umzuprägen. Er war ein fleissiger Bergmann im Dienste des Judentums und er hat manches zutage gefördert, was als schimmernde Erkenntnis bleiben wird. . . . Sein Bleibendstes neben der Heineliteratur sind die von ihm begründeten Vereine für jüdische Geschichte und Literatur, deren einige wohl schon bestanden hatten, die aber erst durch Karpeles' rastloses Mühen zu frischem Leben erweckt wurden; er hat sie zu einem Verbände vereinigt, dem heute über zweihundert Vereine angehören. Eine Tat, die ihm nicht vergessen sein soll und die fortdauernd das Andenken an ihn festigen wird. Gustav Karpeles war keine Streiternatur, es war ein arbeitsreiches, stilles Gelehrtenleben, das er gelebt. An dem Kampf gegen den Antisemitismus hat er selbstverständlich teilgenommen. Freilich, sich ins Gewühl zu stürzen, war ihm nicht gegeben, und die ihm innewohnende Neigung, mit Bedacht über den Dingen zu stehen, kam auch in seiner politischen Haltung zum Aus^ druck. Sie zeigte sich in der von ihm geleiteten „Allgemeinen Zeitung des Judentums", deren vornehme Ruhe zu dem Kampflärm unserer Zeit eigentümlich kontrastierte. Er besass eine sensible, ästhetische Seele, die den hitzigen Kampf nicht vertrug und für das richtige Mass ein instinktives Ahnungsvermögen besass. Er war ein guter Mensch. W7enn diese knappen Worte sagen könnten, welch treuer Freund er seinen Freunden gewesen, welch vornehmer Gegner seinen Gegnern, dann solLs genügen. Er blieb sich immer treu, so konnte erfs andern gegenüber sein. Ihm war der Leidensweg des jungen Literaten erspart geblieben, sein Weg war frei von den Dornen, an denen tausend andere sich die Füsse wundtreten. Und so sei's doppelt vermerkt, dass er den Kampf der jungem Generation von der Feder begriff und sich immer um Strebende helfend bemühte. Ein guter Mensch, ein feiner Geist ist in Gustav Karpeles erloschen. Das Andenken an ihn wird dauern, weil seines Wirkens* Spuren lange bleiben werden. M. Sch.

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