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Ost und West · 1909-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1909) · p. None

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1909)
Date
1909-08-01
Page
None (sequence 1)
Language
German
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OST^eSTT ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert von LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 8/9. August/September 1909. IX. Jahrg. JABNEH. Von Dr. Simon Berufeld. Nachdruck verboten. Die Freiheitsbewegung in Russland, auf welche die Juden so viele Hoffnungen gesetzt hatten, ist nunmehr für absehbare Zeit abgeschlossen. Sie hat den Juden in Russland gewiss nichts gutes gebracht, eher hat sich ihre Lage in der letzten Zeit verschlimmert, indem manche beschränkende Massregel, die früher nur als vorübergehend galt, jetzt zu einer dauernden Einrichtung geworden ist. Dazu kommt der giftige Judenhass, der dem Charakter des russischen Volkes durchaus fremd war, aber im Laufe der Jahre in ihm künstlich aufgezüchtet wurde. Das russische Volk ist systematisch zum Antisemitismus erzogen worden. In der menschlichen Natur liegt es leider, dass das Böse viel leichter Eingang findet als das Gute. Indessen will ich hier gar nicht von der traurigen politischen und wirtschaftlichen Lage der Juden in Russlaad sprechen. So wichtig auch die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse eines Volksstammes für seine geistige und sittliche Entwickelung sein mögen, so grosse Bedeutung auch der materiellen Lage der Juden zu allen Zeiten und an allen Orten beigelegt werden muss — für mich bleibt immer das Problem der Judenfrage ein Pröblem des Judentums. Ohne die Sorge um die Erhaltung und geschichtliche Portbildung des Judentums hätte die Judenfrage schon längst eine „befriedigende" endgültige Lösung gefanden. Ich beklage es daher sehr, dass die nationale Seite der Judenfrage in gewissen Kreisen so stark betont wird, dass dadurch die religiöse und kulturgeschichtliche Bedeutung des jüdischen Stammes, das Judentum, in den Hintergrund tritt. Ich denke mir die Daseinsberechtigung des jüdischen Stammes, seines Partikularismus, nur in der Erhaltung und in der Weiterbildung des Judentums. In erster Reihe ist die Kenntnis des Judentums in seiner Vielgestaltigkeit, in seinem Reichtum an Inhalt und an Formen, unsere Lebenskraft. Im europäischen Westen, wo einerseits noch das Judentum gekannt wurde und andererseits europäische ästhetische Bildung sich immer mehr ver breitete, konnte sich glücklich die Synthese des europäisch gebildeten Juden vollziehen. Adolf Jellinek hat vor Jahren von dieser Mischung die besten Früchte für den jüdischen Stamm und für das Judentum erwartet. Keine stumpfe Orthodoxie, kein Gewohnheitsjudentum, aber auch kein radikales Brechen mit der Vergangenheit. Das Judentum, hat Jellinek einst geistvoll ausgeführt, ist alt und bleibt ewig jung; in ihm vereinigt sich das hohe Alter mit der blühenden Jugend. Die Münze Abrahams, so deutete Jellinek dabei einen sinnvollen Spruch der Agadah, trug auf der Vorderseite das Bildnis eines Jünglings und einer Jungfrau, auf der Rückseite aber das Bildnis eines Greisenpaares. Nach Entwicklung strebend, darf das Judentum niemals den Boden seiner Geschichte verlassen. In den letzten Jahren, noch bevor in Russland die Freiheitsbewegung eingesetzt hatte, verbreitete sich unter den Juden die Ansicht, dass

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