Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1909)
- Article
- Revue der Revuen
- Date
- 1909-07-01
- Page
- Seite 467 - 468 (sequence 1)
- Language
- German
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467 458 REVUE DER REVUEN. Die Neuordnung der Dinge in der Türkei bewirkt eine veränderte Gruppierung der verschiedenen Parteien. Von aussergewöhnlichem Interesse ist die Bildung einer Liga der ottomanischen Juden, deren Programm die in Saloniki erscheinende Revue „La Nacion", das Organ des Cercle des Intimes, in ihrer jüngsten Nummer veröffentlicht. Die Anregung zur Bildung dieser Liga geht von dem angesehenen und populären Präsidenten der Smyrnaer Gemeinde, Advokat Albert Tarikah, aus. In dem Programm heisst es: „Den türkischen Juden ist die Rolle, die sie zu spielen haben, von selbst gegeben; sie müssen liberal sein, liberal im wahren Sinne des Wortes. Das liegt in ihrem eminentesten Interesse. Der Jude muss immer Anhänger einer Partei sein, die in ihrem Programm das Wort „Freiheit" führt, die klare, offene, nicht versteckte, ehrliche Freiheit. Natürlich kann dieses Programm nicht soweit getrieben werden, um eine Art Teilung und die Autonomie der Rassen zu verlangen. Nein, die Freiheit bedeutet nicht die Scheidung der Rassen! Die Freiheit ist anwendbar nur durch die Einigung: durch die intime Einigung der verschiedenen Rassen, die dieses Land bewohnen. . . . Schliesslich müssen wir hierin auch den übrigen Konfessionen folgen, die alle ihre eigene politische Liga auf ottomanisch-nationaler Basis haben. . . . Auf diese Weise werden wir eine Macht bilden, auf die wir uns stützen können, die von anderen Gruppen aufgesucht und deren Bündnis angestrebt wird ..." Eine Durchsicht der jüdischen Blätter lehrt, dass die bevorstehende Gründung dieser Liga allseits freudig begrüsst wird. In der „Revue des deux Mondes" veröffentlicht Anatole Leroy Beaulieu die Eindrücke seiner Studienreise im Orient. Der gefeierte französische Schriftsteller spricht sich zu allererst über die jüdischen Schulen im Orient aus und nennt unter diesen die französischen Schulen als die besten. Besonderes Lob zollt Leroy Beaulieu den berühmten Schulen der Alliance Israeli te Universelle, preist ihre glänzende Organisation und widmet auch dem Alliance- Seminar in Auteuil Worte hoher Anerkennung. Er erwähnt die gegen die Alliance-Schulen erhobenen unbegründeten Vorwürfe und sagt schliesslich, dass den Alliance-Schulen eine hohe Bedeutung für die Zukunft der Juden im Orient beizumessen ist. * * * Mit seltener Einmütigkeit widmet die jüdische Presse aller Länder und Richtungen dem verstorbenen Dr. Theodor Barth Worte des Gedenkens, aus denen zu vernehmen ist, dass Barths Wirken für die jüdischen Bürger Verständnis gefunden hat. Es wird daran erinnert, dass er den ersten und tätigsten Mitgliedern des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus zuzuzählen ist, und dass er durch Wort und Tat gewirkt hat. Auch was er über Taufjudentum und Antisemitismus gesagt hat, wird unvergessen bleiben als das Bekenntnis eines ehrlichen und idealen Menschen, der soviel Charakter besass, dass seine Politik unfruchtbar blieb. * * * Ueber die seltene Ehrung eines jüdischen Journalisten berichtet eine Pariser Korrespondenz der „Jewish Chronicle". Präsident Loubet hat auf Vorschlag des französischen Kriegsministers den Redakteur des Pariser „Temps", Reginald Kann, zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Als besondere Rechtstitel für diese Auszeichnung werden im Amtsblatte angeführt: Herr Kann verfolgte die Operationen der englischen Armee in Transvaal, hatte als Korrespondent des „Temps" den Feldzug in der Mandschurei mitgemacht und die Operationen des „Corps de debarquement" in Casablanca verfolgt. Er lieferte über alle diese Operationen interessante Berichte, von denen mehrere sehr wichtige Anregungen enthielten, deren Ausführung der französischen Armee von dauerndem Nutzen sein wird." Nachdruck verboten. Die in Amerika lebenden Ostjuden verlieren durch den Tod Jacob Gordins ihre hervorragendste Individualität. Wie Abraham Goldfaden als Begründer der Jiddischbühne, so ist Gordin als der Schöpfer der Ghetto- Theaterliteratur anzusehen. Er ist in seinen Arbeiten, in der Technik seiner Dramen ein Antipode der jungrussischen Schule, ein Bekenner des Naturalismus. Vornehmlich ist es das jüdische Proletariat, sein Kampf und Leid, das er verarbeitet, zu Dichtungen geformt hat, die ihm die Liebe und Hingebung des ostjüdischen Volkes in Amerika eintrugen. Als Anhänger der Tolstoyschen ethischen Richtung musste Gordin im Jahr 1880 Russland verlassen. Als er nach Amerika kam, war er der Jargonsprache gänzlich unkundig; erst später widmete er sich den jüdischen Volksmassen und begann in ihrer Umgangssprache zu produzieren. Er hat nicht nur grosse moralische Erfolge erzielt, sondern auch — was Goldfaden oder Morris Rosenfeld versagt blieb — mit seiner Kunst viel Geld erworben. Er starb im 56. Lebensjahr; der Tod war ihm Erlösung von schwerem Leiden, das seit Jahren sein Schaffen lähmte. DAS DENKMAL FUER BERTHOLD AUERBACH. In Cannstatt, jenem Erdenneck, den der Dichter der „Schwarzwaldgeschichten" so geliebt, wurde jüngst sein Denkmal enthüllt. Die Feier gestaltete sich zu einem erhebenden Gedenken für den Poeten, dessen bleibende Bedeutung für die deutsche Literatur der Festredner Dr. Anton Bettelheim,der ausgezeichnete Biograph Auerbachs, in seiner Rede hervorhob. Der Jude Berthold Auerbach war ein deutscher Dichter, der sein Vaterland liebte und dessen letzte Lebensjahre vergällt waren durch die erwachende antisemitische Propaganda dieser Zeit. Und so gewinnt dieses Denkmal auf deutscher Erde erhöhte Bedeutung. Berthold Auerbach ^Denkmal.