Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1909)
- Article
- Das Newyorker Ghetto
- Date
- 1909-07-01
- Page
- Seite 463 - 464 (sequence 2)
- Language
- German
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463 Spectator: Das Newyorker Ghetto. 464 zu kommen. Hier findet er, was ihm in weiteren Fernen in dieser Gestaltung versagt bleiben muss: die grosse jüdische Masse. Brüder, verstehende Menschen, Gleichgesinnte und Gefährten gleichen Leides. Menschen, die sein Leid begreifen, noch ehe er es ihnen klagt, denen es vor Jahren oder Monden so gegangen wie heute ihm. So ist sich hier keiner fremd; die Ankömmlinge verbindet gleiches Leid und gleiches Hoffen. Gefühlsimponderabilien, die nicht auszuschalten sind, und die jeder Bemühung spotten, den Hauptstrom der jüdischen Emigration von Newyork abzulenken. Denn in Newyork haben sie sich eine eigene Welt geschaffen: die Eastsicle ist ihr Reich, und dort regieren sie mit einer Selbstständigkeit, dass man fast von einer ,,autonomen Basis" sprechen könnte. Das Ghetto in Newyork in seiner Vielfältigkeit zu schildern, dazu bedarf es eines grösseren Raumes. Denn nicht das äussere Bild allein, vielmehr die sozialen und gesellschaftlichen Erscheinungen, das religiöse Leben, die politische Betätigung müssten erörtert werden. Die Zahl der Eastsidebewolmer wird verschieden angegeben. Nimmt man jedoch an, dass die wachsende Auswanderung ein Steigen der. Ziffer mit sich bringt, so gelangt man zu der Zahl von 800 000 Seelen, die dieser Teil Newyorks allein beherbergt. In den prächtigen Avenuen und auf die übrige Stadt verteilt, dürften noch 200 000 Juden vorhanden sein, so dass man von einer Million Newyorker Juden sprechen kann. Die Angaben der statistischen Jahrbücher geben darüber nur mangelhaften und einander widersprechenden Aufschluss. Immerhin, die Zahl und die wirtschaftliche Beweglichkeit des Newyorker Judentums ist so bedeutend, dass es für das ganze kommunale und politische Leben zu einem mitbestimmenden Faktor wird. Denn selbst im „freien Amerika" mag es verwunderlich erscheinen, dass die Bewohner der Eastside sich so vieler, der Eigenart ihres mitübernommenen Lebens entsprechenden Freiheiten erfreuen dürfen. Allerdings, es ist das Proletariat, das sich hier auf der Ostseite zusammendrängt; es sind die Vertriebenen, die hier den ruhigen Platz suchen und mit dem bescheidensten Lebensminimum zufrieden sind, wenn nur das Weib und die Kinder gesund sind. Für seine Familie und ihre Erhaltung scheut der Zugewanderte keine Arbeit, und hier zeigt sich die tendenziöse Fabel widerlegt, dass der Jude schwere körperliche Arbeit scheue. Betätigen sich nun die Juden der Eastside auch auf allen Gebieten, so ist es vornehmlich doch der Handel, dem sie obliegen. Das imponierendste Bild gibt der Strassenhandel im Ghetto. Da ist die lange, lange H est er-Street, der Grand-Street parallel laufend, eine der Hauptstrassen der Ostseite. Vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht wird hier verkauft und gekauft; jeder Artikel ist erhältlich, jeder Preis diskütierbar. Denn bei der grossen Konkurrenz muss hart um das bisschen Leben gerungen werden. Die Gesichter der Händler lassen unschwer den ostjüdischen Typus erkennen, und der Jargon, das Jiddisch, ist hier Umgangs- Aus dem Newyorker JudenvierteL Hester Street. spräche. Wahrend am Kontinent noch immer über die Zweckmässigkeit der Jargonumgangssprache debattiert wird, hat diese Sprache hier ihre gesetzliche Anerkennung erzwungen, einfach durch die Macht der Majorität. Die Firmenschilder sind in Jargonsprache abgefasst; so auch die öffentlichen Wegweiser, die Ankündigungen und Feuermelder; der Policeman im Ghetto erteilt die gewünschte Auskunft im Jargon. Der Privat- und Geschäftsverkehr wird in Jiddisch gepflogen. In ihrem ganzen Leben kommt zum Ausdruck, dass sie an den Gepflogenheiten ihres heimatlichen Lebens festhalten, festhalten an dem Glauben ihrer Väter, an der Tradition.