Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1909)
- Article
- Ewige Weisheit, Spruchpoesie des Talmud / Rezension
- Date
- 1909-07-01
- Page
- Seite 459 - 460 (sequence 2)
- Language
- German
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459 Literarische Kundschau. 460 umfassen das wirkliche Leben in allen seinen Lagen und Beziehungen und geben uns nicht nur ein Bild der Spruchweisheit des jüdischen Volksstammes der nachbiblischen Zeit, sondern schliessen gewissermassen eine Art Ethik des talmudischen Judentums in sich. Für des talmudischen Idioms unkundige Leser mag hier gleich bemerkt sein, dass die Sprüche im Urtext alle in ungebundener Kede geschrieben sind. Obwohl der Autor sich vollständig an den gegebenen Gedanken gehalten und es gemieden hat, an diesem irgend welche willkürliche Aendernngen vorzunehmen, so hat er doch auch jede steife Bachstabenübertragung, die dem Spruch seinen Reiz genommen haben würde, streng vermieden. Zum grossen Teil sind die übersetzten Sprüche wahre Meisterstücke der üebersetzungskunst. Treue des Inhalts und Schönheit der Form verschmelzen sich aufs innigste, sodass man durchweg beim Lesen des Buches den Eindruck bekommt, hier habe ein wirklich Berufener seines Amtes gewaltet. Da der Verfasser, wie er im Vorwort hervorhebt, nur Sprichwörter und Sentenzen ausgewählt hat, die allgemeine Giltigkeit haben, so darf behauptet werden, dass wenn nicht im Titel des Buches die Quelle angegeben wäre, ein Nichtkenner des Talmuds den Ursprung kaum erraten hätte. Alle die Vorzüge, die wir in vorstehendem der Spruchweisheit zuerkannt haben, sind in gleichem Masse dem zweiten Teil des Buches den Fabeln, Parabeln und Sagen nachzurühmen. Zweifellos wird ein grosser Teil der hier gehobenen Schätze in Anthologien und Lesebücher übergehen und zu deren bleibenden Bestände zählen. Wir wüssten kein Buch unserer jüngsten Literatur zu nennen, das mehr verdiente zum Gemeingut des jüdischen Hauses und für Jung und Alt zu Geschenkzwecken verwendet zu werden, als dieses prächtige Buch, das ganz besonders auch dem Beligionslehrer willkommen sein wird. „Orpheus", von Salomon Eeinach. (Verlag von Alcide Picard, Paris.) Das vor wenigen Wochen erschienene Büch des grossen französischen Gelehrten, dessen Auge tiefer und klarer als selbst das der Berufsgenossen in die Welt der Vergangenheit blickt, ist voller Ueberraschungen, äusserlich wie innerlich. Es hat die Gestalt und den scheinbaren Umfang eines Almanachs; aber seidendünnes Papier hat gestattet, über 600 Seiten in ein Bändchen von Frauenfingerstärke zusammenzudrängen, und deutlichste Perlschrift gibt der Seite kleinsten Oktavformats das Doppelte des vermuteten Inhalts. Die zierlich-elegante Ausstattung und der Titel lassen leichte, unterhaltsame Darlegungen voraussetzen, doch der Name des Verfassers bürgt dafür, dass den Leser „für starke Männer starke Speise" erwartet. Und das Büchlein hält, was der Ruf des Verfassers verspricht. Nicht Orpheus, der Sänger, hat dem Werk den Namen gegebeu, sondern Orpheus, der Altvater der Mystik, der transzendenten Menschheitsahnungen, der Grossmeister aller „ Gottsuchertt. Unter der Bezeichnung Orpheus gibt uns Reinach eine Geschichte der Religionen. Und wiederum haben wir es mit einem inneren Gegenspiel zu tun: Denn ein im landläufigem Sinne Ungläubiger erzählt uns von dem Ursprung und der Entwickelung alles Glaubens, ein unbestechlicher Diener der voraussetzungslosen Forschung entrollt vor uns das Bild alles dessen, was irgend und je auf dem Erdenrund von grösseren Menschheitsgruppen als Gottesanschauung und Gottesdienst sich entwickelt hat. Er zeigt uns innere Zusammenhänge zwischen zeitlich und räumlich weit von einander liegenden Bekenntnissen, sondert sie genau von den Zusammenhängen blos scheinbarer Art, die lediglichUebereinstimmungen von selbständigen Konzeptionen sind, und gibt uns eine Ahnung von der zuweilen wunderlichen, um nicht zu sagen wunderbaren Rückkehr der Menschheit zu Vorstellungen, die ihrem bewussten Erinnern längst entrückt gewesen. Der Freidenker Reinach nimmt die Priesterschaften in Schutz gegen die schwersten Vorwürfe Voltaires und seiner radikalen Anhänger, hält Mass auch im Verurteilen und bleibt voller Objektivität auf der Grundlage seiner bei aller wissenschaftlichen Begründung subjektiven Anschauung. Diese Objektivität, die der Niederschlag gerechten Sinnes und aufrichtiger Wissenschaftlichkeit ist, nimmt den Ausführungen des Verfassers alles Verletzende auch für die Empfindlichkeit derer, die an religiöse Fragen nur mit pietätvoller Scheu herantreten mögen. Es dürfte wenig gelehrte Bücher geben, die auch der Laie mit solcher Spannung lesen wird, wie den Reinachschen „Orpheus". Die Klarheit und Durchsichtigkeit in der Behandlung des Stoffes bewirkt, dass man sich der Sprödigkeit des Stoffes erst nachträglich und bewundernd bewusst wird. Man staunt naiv über die eigene Fähigkeit, solche Fülle fremdartiger, weitabliegender Vorstellungen in sich aufzunehmen und mit ihnen vertraut zu werden. Es bedarf der rekonstruierenden Ueberlegung, um festzustellen, dass die Kunst des Autors es ist, die uns solche Fähigkeit erst gegeben hat. Wir wandeln an der Hand des Verfassers durch die Schatzkammer seines Wissens, deren Reichtum uns zunächst nicht blendet, weil der Besitzer sß gar keinen Sinn für die wundervolle Vollständ!gk^f seines Besitzes zu haben scheint, weil ihm selbst die Fülle nicht imponiert, und weil die Fülle durch die Ordnung weniger augenfällig gemacht wird. Dabei verschmäht es Reinach, sich „mit Kleinigkeiten abzugeben". Erledigte Dinge erörtert er nicht aufs neue, er tut sie gleichsam mit einer Handbeweg$lng ab. Mit der „bewussten Mystik", wennn diper Ausdruck gestattet ist, lässt er sich in keinen Streit ein. Er hält es für seine Aufgabe, zu zeigen, was auf dem Gebiet des religiösen Denkens gewesen ist und ist, wie ein Gedanke aus dem anderen geboren worden, welche Verwandtschaften existieren, und wie die natürliche Entwicklungsgeschichte keine unmotivierten Sprünge kennt. So liefert er in seinem Orpheus nicht bloss eine Geschichte der Religionen