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Ost und West · 1909-07-01 · Heft 7 (Juli 1909) · p. Seite 455 - 456

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 7 (Juli 1909)
Article
Uriel Acosta [Rezension]
Date
1909-07-01
Page
Seite 455 - 456 (sequence 2)
Language
German
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455 Literarische Rundschau. 456 wird. „Nicht etwa in den Notizen der Geschichtsschreiber", sagt Klaar, „sondern in dem Selbstporträt, das wir von seiner Hand besitzen, und das er uns als kostbares Testament hinterlassen hat______" So sind dem Buche Urtext und Uebersetzung des „Exemplar Humanae Vitae", der schmerzlich-anklagenden Selbstbiographie des Wahrheitsmärtyrers beigegeben, als „Urkunde und Beispiel menschlichen Lebens". Nicht zum ersten Male erscheint diese Selbstbiographie; schon Volkmann hat sie gebracht; aber auch er kommt nicht von der Anschauung los, die im Jahre 1687 über Acostas Leben und Wirken bestand, wenngleich er durch richtigere Würdigung die Gestalt dem Empfinden der Zeitgenossen näherbringt. Diese „Urkunde und Beispiel menschlichen Lebens" wird wohl schon für sich allein fesseln und ergreifen. Ich las sie zuerst, und dann erst das, was uns Klaar darüber zu sagen hat, und nun weiss ich, dass es vielen ergehen wird wie mir: dann erst erstand Leben und Schicksal des Wahrheitsmärtyrers vor mir. Dem Geiste jenes „document humain" hat hier der Autor den Stempel seines eigenen Wesens aufgedrückt, und so ist dieses Werk geadelt von einer hochherzigen Gesinnung und einer furchtlosen Wahrheitsliebe. Wie schon vorausgeschickt, ist die Gestalt des Uriel Acosta hier auf historisch-kulturellen Hintergrund gestellt und daraus die Psychologie seiner Entwicklung erklärt. Klaar zeigt, wie DfAcosta schon durch die Geburt in den Gegensatz zweier Welten gerät. Da war das siegreiche, allerkatholischeste Spanien, das den Juden von Portugal diktiert, das Christentum anzunehmen oder auszuwandern. Acosta war als Christ geboren, als Sohn reicher Eltern, die ehedem einem Geschlecht „adeligen jüdischen Ursprungs" angehörten. Dem Einfluss der Abstammung auf Acostas Psyche widmet Klaar eine interessante Betrachtung. Klaar versteht, indem er die Gestalt gleichsam in ihrer Alltagsprosa vorführt, alle Regungen und Wandlungen erklärlich zu machen, zu veranschaulichen, dass die Flucht nach Amsterdam und der Üebertritt zum Judentum die folgerichtige Notwendigkeit innerer Krisen und geistiger Revolutionen war. Und dann Acostas Ringen und Kämpfen in Amsterdam. Wie er zerfällt mit dieser Welt und dem Glauben, den er selbst gesucht, zerfallen m u s s , weil sein Drang nach Wahrheit und erlösender Freiheit ihn hinauswachsen lässt über dieses Chaos von Glauben, Intoleranz und religiösem Despotismus, weil er einer jener ist, die nicht leben können „ohne Uebereinstimmung zwischen Gefühl und Tat, zwischen Erkenntnis und Bekenntnis . . . und die im Kampfe mit den Fanatikern starrer Ueberlieferung und den Sklaven roherer Triebe leidend, und unterliegend die Menschheit vorwärts bringen . . ." Mancher Jude wird unterschreiben, was Klaar hier von der Starrheit und Lebensfremdheit der Orthodoxie zu sagen weiss, und wird wie er eine Dogmatik zurückweisen, deren Härte ein höheres, alles vereinendes Ideal nicht kennt. Dennoch dünkt mich, dass seine Liebe zur Freiheit des Glaubens und Fühlens ihn Einflüsse übersehen liess, die den inquisitorischen Glaubenseifer der Orthodoxie jener Zeit erklärlich machen. In Alt-Amsterdam haben sie eine Heimstätte gefunden, die Vertriebenen und Flüchtigen aus Spanien und Portugal, haben nichts gerettet als den Glauben, von dem Tausende und Abertausende ihres Stammes abfallen. Und sie beginnen sich festzuklammern an der Welt der Buchstaben, und steinigen den, der sie mit Leben erfüllen will. Eine Zeit der Busse und Kasteiung ist es, der Messias muss kommen, und die Brüder im Orient raunen sich schon den Namen Sabbathai Z'wi zu. Die Wüstensonne des religiösen Fanatismus, des wilden Sinnes Verzweifelnder, versengt die Menschen und die Gehirne. Uriel Acosta musste es erfahren. Und nach ihm Spinoza. .... In seinem Buche gibt sich Klaar wie ein einfacher Chroniqueur. Aber mit suggestiver Macht bannt er uns in den Ideenkreis Acostas, lässt uns seinen Kampf mitleben, das Leid mitfühlen, so dass wir am Schluss wie Gläubige auf dem Friedhofe in Ouderkerk erscheinen, auf dem Uriel Acosta ruht. Von Gehässigkeit und Unverstand wird Acosta zurückgedrängt, immer weiter ... bis an die äusserste Peripherie des Lebens, und stirbt von eigener Hand. Aber sein Streben wird zur Lehre, sein Wollen zum Bekenntnis; sein Wort wird verflucht, seine Schriften werden versteckt. . . . Aber Spinoza kommt, als der Erfüllende und Vollbringende und schenkt dieser Welt eine neue Welt, erfüllt sie mit seines Geistes Wehen, verkündet das Heil seiner Lehre. . . . Die Fülle der Literatur über Uriel Acosta und Spinoza hat noch immer nicht vermocht, uns das richtige Bild Acostas und die Ursachen seines tragischen Schicksales vorzustellen. Hier, in diesem Buch, in dem eigenes Urteil an fremdem gemessen und verglichen wird, in dem die Eigenmeinung der unbestechlichen Wahrheitsliebe weicht, offenbart sich uns dieses seltsame Heldenleben ganz, und es bleibt das sichere Gefühl, dass es die Liebe zum Gegenstande war, der wir dieses Werk verdanken. Solche Schöpfungen dauern. Und dass es Alfred Klaar gelingt, unser Gefühl für diese Welt verklungener Historien zu ergreifen, den Menschen im Denker uns so nahezubringen, ist sein und seines Werkes innerer Vorzug. Spricht er auch von Büchern und Historien, so gelingt es ihm doch, uns die Traurigkeit voll mitfühlen zu lassen, wie sie aus den Worten der Acostaschen Selbstbiographie leise erklingt: „Und wenn Ihr etwas finden solltet, das Euch zum Mitleid hinreisst, so erkennt und beklagt das traurige Los der Menschen, an dem Ihr ja selbst Euer Teil habt. . Max Schacherl. * , * * Dr. A. Kaminka, Hebräische Gedichte. Wien, B^pdruckerei Drohobycz. Während wir in den poetischen Erzeugnissen vieler neuhebräischen Dichter nichts weiter als .ein gekünsteltes Spiel der Sprache, ein Prunkenpnmd Glänzen mit biblischen Floskeln und Phrasen rphne wirklich dichterischen, aus den Tiefen des Gefühles geborenen Gedankeninhalt haben, können wir von der kleinen soeben erschienenen Sammlung neuhebräischer

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