Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1909)
- Article
- Amsterdamer Judengasse [Illustration]
- Date
- 1909-07-01
- Page
- Seite 453 - 454 (sequence 1)
- Language
- German
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453 454 M. Liebcrmann: Amsterdamer Judengasse. LITERARISCHE RUNDSCHAU. Nachdruck verboten. Uriel Acosta. Dreihundert Jahre bedeuten im Fortschritte der Menschheit eine unermeßliche Spanne Zeit, können in sich Aufbau, Zerstörung und Wiederbelebung bergen, können verwischen oder mächtig aufs neue erstehen lassen die Werke dahingegangener Generationen. Drei Jahrhunderte sind verflossen, seit Uriel Acosta in der Mitte derer stand, die der Welt eine neue Lehre, •'ine glücklichere Weltanschauung schenken wollten, die im Kampfe gegen Dogmatik und Finsternis sich selbst zum Opfer brachten, um kommenden Geschlechtern vorauszugehen mit dem leuchtenden Beispiel der Selbstverleugnung und Aufopferung im Dienste des Ideals und mit dem Freiheitsgefühl, das sich zur befreienden Tat wandelt. In mannigfacher Art hat sich die Literatur des holländisch-jüdischen Milieus jener Zeit bemächtigt, die Figur D'Acostas in vielfacher Verschiedenheit vorgeführt. Am nachhaltigsten wirkte und wirkt weiter Gutzkows so bühnensicher-geschicktes Schauspiel, dem die breiteren Massen ihre Kenntnis von der Person Uriel Acostas verdanken. In der Spinozaromanliteratur begegnen wir der Gestalt in voneinander abweichender Wiedergabe, und erst jüngst hat ihn der Jungwiener E. G. Kolbenheyer in seinem Buche „Amor Dei" in einer durch keinerlei historische Bedenken getrübten dichterischen Freiheit erstehen lassen. Wir wussten etwas vom Leben und Sterben D*Acostas; fremdaber waren uns die Ereignisse dieses Menschenlebens, fremd dieses geheimnisvolle Innenleben, diese ganze Tragödie eines dazumal ruhmlosen Helden; unbekannt auch die Wirkung, die sein Dasein und seine Tat ausgeübt auf seine Zeit, auf spätere Geschlechter von Denkern und Dichtern. ,,Uriel Acosta, Leben und Bekenntnis eines Freidenkers vor 300 Jahren."*) So nennt sich ein Buch, das uns die Geschichte und die geschichtliche Bedeutung des Amsterdamer Märtyrers vermittelt. Alfred K 1 a a r hat es geschrieben, und dieser Name ist die beste Bürgschaft für den Ernst und Wert dieses Buches, das die Tragik eines Menschenleben entrollt, organische Zusammenhänge aufdeckt und in dem Bestreben des Autors, die Persönlichkeit D'Acostas aus den Strömungen und dem Geiste seiner Zeit zu erklären, zu einem kulturgeschichtlichen Grundriss *) Verlegt bei Georg Reimer. Berlin 1909.