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Ost und West · 1909-06-01 · Heft 6 (Juni 1909) · p. Seite 405 - 406

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 6 (Juni 1909)
Article
Die Zustände in Persien
Date
1909-06-01
Page
Seite 405 - 406 (sequence 2)
Language
German
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405 Mitteilungen der Allianee Israelite Universelle: Die Zustände in Persien. 406 verweigert. Gegen Morgen ging ich, begleitet von meinem Gehilfen Herrn Abi, zu dem Schelk Adi mit der Bitte, er möchte doch die Menge beruhigen. Er antwortete mir, dass er dem Gouverneur geschrieben habe, und dass dieser unfraglichMassregeln ergreifen würde. „Uebrigens ", fügte er hinzu, „ist der Mörder ein Armenier und die Juden haben mit der ganzen Sache nichts zu tun." — Diese unbestimmten Worte Hessen uns keine Hoffnung. Nachdem wir den Priester verlassen hatten, durchschritten wir das israelitische Viei tel. Die Plünderer waren in so grosser Zahl berbeigeeilt, dass die Bedienten des Scheik, die unsere Person beschützen sollten, Mühe hatten, uns den Durchgang zu ermöglichen. Man verfolgte uns mit Spottrufen, aber man wagte nicht uns anzugreifen. Wir sahen nicht einen einzigen Juden. Die Unglücklichen hatten sich alle seit vielen Stunden zu Hause eingeschlossen. Kaum war ich in die Schule eingetreten, so hörte ich Rennen von allen Seiten. Das Signal war gegeben worden, die Bewegung hatte begonnen. Ich will hinaus, um zu sehen, was geschieht, aber man hält mich zurück. Ganz dicht bei der Schule krachen die benachbarten Türen. Ein Schuss ertönt. Ich erfuhr später, dass die Kugel einen jungen Mann mitten in die Brust traf, so dass er drei Stunden später starb. Als die Bewegung sich ausdehnte, wurde von seiten des Vornehmsten der Stadt nach mir geschickt. Er empfing mich, umgeben von seiner Dienerschaft, in seinem eignen Hause, machte mir zum Vorwurf, dass ich nicht früher seinen Schutz angerufen hätte, da es doch sehr leicht hätte kommen können, dass man mir ans Leben ginge. Der Zustrom draussen nimmt zu. Geraune und Lärmen erhebt sich, verzweifelte Schreie durchschneiden die Luft; es ist, als ob man alle Welt umbrächte. In der Nachbarschaft brennt ein Haus. Verzweiflungsrufe dringen an mein Ohr. Die Bevölkerung heult und wird immer wütender, das Gedränge wird allgemein. Die Soldaten haben die Kasernen verlassen, um sich mit den Plünderern zu vereinigen. Die Lage wird so schwierig, dass der Gouverneur mit seinem Gefolge sich auf den Platz begibt. Man wirft Steine auf sie. Der Sohn des Gouverneurs, der seinen Vater begleitet, erhält auf den Arm einen heftigen Säbelhieb. Allmählich kommen die Imans, die Scheiks zur Stelle. Diese, die die Anstifter der Unruhen gewesen, wollen jetzt wieder beruhigend wirken, aber ihre Anwesenheit reizt die Menge nur aufs neue. Inzwischen hat man den Beschuldigten auf dem Meidanplatz hingerichtet. Das Volk hat nun seine Rache, setzt aber nichtsdestoweniger die Plünderung fort. Binnen zwei Stunden war das ganze Viertel ausgeraubt. Gegen Abend schickte mir der englische Konsul 100 Francs, dass ich Speisen zur Nacht verteilen könne. Jetzt übersehe ich erst das ganze Unheil. Es gab nichts zu essen. Ich suchte den Schulrabbiner auf, um ihm das Geld zu geben, die erste Hilfeleistung zu organisieren. Ich ging durch das ganze Quartier, Unmöglich, das schreckliche und traurige Schauspiel zu schildern, das sich mir zeigte. Frauen, die auf der Schwelle ihrer Wohnung gesessen hatten, warfen sich vor mir nieder, küssten mir die Füsse, andere zeigten mir die Wunden an ihren Händen und Füssen; iu allen ausgeplünderten Zimmern seufzen schwerverwundete Männer. An einer Strassenecke hat sich eine Gruppe gebildet. Ein Kind war an der Brust seiner Mutter ermordet worden. Bleiche, entkräftete Gestalten irren geisterhaft durch die Strassen, ohne ein Wort zu sprechen. Ich traf den Rabbiner nicht und kehrte zur Schule zurück. Endlich kam er an, bedeckt mit Staub, das Brustkleid zum Zeichen der Trauer zerrissen. Das Opfer des Aufstandes war sein Schwager. Er wollte über den Verlust keinen Trost annehmen und schwur, den Toten nicht zu verlassen, ehe er ihn nicht gerächt habe . . . Das Unheil war in der Tat schrecklich. Man hat in Persien oft Plünderungen gekannt, aber die jetzige überstieg alle voraufgegangenen. Mehr als 1200 Personen sind auf dem Pflaster und ermangeln der Nahrung. Der Gesamtverlust an Geld und Wertgegenständen wird auf über 500000 Tomans angegeben. Diese ungeheure Summe repräsentiert den Arbeitsertrag einer Reihe von Jahren. Ich habe nicht den Mut, Ihnen alle die einzelnen schreckensvollen Szenen zu erzählen, deren Zeuge ich jeden Augenblick bin. Der Kargusar (Vorsteher des jüdischen Viertels) nahm es auf sich, den Gouverneur von der Gefahr zu benachrichtigen. Dieser behauptete, dass er nicht beizeiten informiert worden sei, und dass er überdies keine Bewaffneten zur Verfügung gehabt hätte. Alle Konsuln sind über diese Antwort entrüstet und erkennen, dass der Gouverneur sich von einer Unfähigkeit gezeigt habe, die seine Abberufung notwendig mache. Der englische Konsul hat erklärt, dass er seinen Abschied nehmen würde, wenn man nicht vollständig zurückgäbe, was irgend einem seiner Schutzbefohlenen geraubt worden sei. In allem Unglück ist die Wahrnehmung tröstlich gewesen, dass bei den Persern selbst lebhaftes Mitgefühl und grosse Teilnahme sich zeigten. Sie haben nicht wenige der beraubten Israeliten bei sich aufgenommen. Muselmanen schickten in das jüdische Quartier Brot. Nachts lieh man unseren Glaubensgenossen Decken und Matratzen. Der Gouverneur beauftragte seinen Sohn und seine Leute, die gestohlenen Gegenstände aufzusuchen. Es ist aber wenig Hoffnung vorhanden, dass den Beraubten auch nur der hundertste Teil des Raubes zurückgestellt werden wird. Es sind 130 Häuser, jedes die Wohnstatt von 5 Familien, vollständig ausgeraubt worden . . . Man hat alles fortgetragen, selbst das Geflügel aus dem Hühnerhof. Die Plünderer haben zur Erleichterung ihres Vorhabens Maultiere mitgebracht, die nach getaner Arbeit die Beute auf die benachbarten Dörfer hinaustrugen. Die Agenten der Regierung haben zahlreiche geraubte Gegenstände aufgefunden, aber nur die Lumpen und alten Möbelstücke. Was aus den schönen Teppichen, den Weit gegenständen geworden ist, weiss man nicht. Man hat das Gouvernement in Verdacht, sie an sich genommen zu haben, was nicht unwahrscheinlich ist in einem Lande, in dem der Starke sich kein Gewissen daraus macht, den Schwachen zu berauben. Der englische Konsul und der Zolldirektor haben jeder 100 Francs gespendet. Ich habe den bescheidenen Beitrag von 50 Francs geleistet. g# Cohen. Die Allianee Israelite Universelle hat sofort nach Eingang dieses Briefes auf telegraphischem Wege 6000 Francs nach Kirmanschah geschickt, um den dringendsten Bedarf der unglücklichen Bevölkerung zu decken. In Hamadan wurde zugunsten der Heimgesuchten eine Sammlung veranstaltet, die binnen wenigen Stunden 1000 Francs ergab. Ausserdem hat das Central-Comite angesichts der allgemeinen Notlage den bedürftigen Familien in den anderen Gemeinden Persiens, namentlich in Schiras und Ispahan, Unterstützungen geschickt.

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