Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1909)
- Article
- Impressionen
- Date
- 1909-06-01
- Page
- Seite 375 - 376 (sequence 2)
- Language
- German
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375 Josef Lin: Impressionen. 376 Man muss konsequent sein: Will man das Golus negieren, so kann man an der Sprache desselben nicht positiv festhalten. * * * IL Achad ha-Am. Er gehört zu denen, die früher kommen als ihre Zeit. Als er sprach, da hörte man auf ihn nicht, und jetzt, da er schweigt, sucht man ihn. Nicht dass das Geschlecht inzwischen grösser geworden wäre; aber klüger ist es geworden, klüger durch bittere Erfahrung. Der Weise ist, nach einem talmudischen Spruch, besser denn der Prophet. Er sieht die Erfahrung voraus und möchte sie dem ihm teueren Volke ersparen. Er kündet sie im voraus — und wird als ein „Friedensstörer" verschrien, der die Begeisterung dämpfe und abschwäche, die Arbeit aufhalte und den ganzen Bau in Gefahr bringe. Und es fällt das Vernichtungsurteil: Unpraktischer Pessimist. Man geht dann über diesen beruhigten Herzens zur Tagesordnung über und setzt die „Arbeit", die praktische natürlich, fort. Mit grosser Begeisterung und rastloser Mühe. Selbstverständlich auch mit fortwährenden Erfolgen. Man glaubt es selbst und lässt es auch die anderen glauben. Gewiss, mit voller Wahrhaftigkeit und den reinsten Intentionen. Nur mit ein klein wenig Kurzsichtigkeit. Denn nach einiger Zeit, wenn man das Fazit der Leistungen ziehen will, sieht man: von allen „Erfolgen" ist nur wenig mehr als gar nichts geblieben, und am grossen Bau ist noch immer kaum das Fundament fertig, oder richtiger — kaum begonnen. Und dann repräsentiert sich der Begriff „praktisch" in ganz neuem Lichte, und man gewinnt die furchtbare Klarheit, dass das, was nicht dauerhaft und vom konsequenten Entwickelungsgange der psychischen und historischen Faktoren bestimmt ist, das durch berauschende Hinreissung sprunghaft und plötzlich Hervorgebrachte, eben ganz unpraktisch, weil unhaltbar ist. Wir kennen nicht den ganzen Denker in Achad ha-Am. Er hat nie geschrieben, um zu schreiben, und niemals Gedanken geäussert, bloss um sie der Welt mitzuteilen. Er schrieb immer mit einer bestimmten Tendenz: sein Volk von falschen Schritten zurückzuhalten. Selbst die von ihm ausgedrückten philosophischen Gedanken und Anschauungen dienten nur zur Beleuchtung von Lebenserscheinungen in Anwendung von abstrakten Gesichtspunkten auf gegebene konkrete Verhältnisse und Bestrebungen. Zwischen seinen nationalethischen Postulaten und seiner Forderung in den Palästinakolonien Getreidebau statt Baum- Pflanzungen zu pflegen, besteht ein innerer Zusammenhang: die Negierung von Momenterfolgen und täu sehenden materiellen Vorteilen. Diese Negierimf forderte er von der palästinophilen Bewegung, di( sich zum Hauptziel machte, möglichst viel Land in Palästina zu erwerben und möglichst viel Juden dor anzusiedeln. Die Leiter der Bewegung, selbst von ihrem Ideale hingerissen, suchten auch das Volk zu begeistern und erzählten ihm von schönsten unmittelbaren sozialen Aussichten in Palästina. Die Arbeit war überstürzt, planlos, ohne genaue Kenntnis der ökonomischen und rechtlichen Bedingungen im Betätigungslande. Dann trat Achad ha-Am mit seiner „Wahrheit aus Erez-Isroel" auf, in der er von der ganzen Verworrenheit und Unhaltbarkeit der gesamten Palästina-Arbeit in ihrem damaligen Stadium schonungslos den Schleier herunterriss. Das wirkte wi» ein Gewitter am heiteren Himmel. Man erholte siel: aber bald — und „arbeitete" weiter. Seit damals isi er noch öfters mit seinem „unpraktischen Pessimismus' hervorgetreten, warnend und belehrend, konsequent und unerbitterlich, ein ruhender Punkt in den Wogen allgemeiner Hochstimmung, — und jedesmal Hess man sich in der Arbeit durch ihn wenig stören. Dabei ha: er eigentlich etwas Selbstverständliches gefordert: di< Vorbereitung des Volkes müsse der des Landes voran gehen. Denn nur ein wirklich lebendiger innerer Volkswille könne sich eine Zukunft schaffen. Daher müss» vor allem die Volksseele von der Liebe zu Zion voll und ganz durchdrungen werden. Nicht umsonst abe; waren die Juden jahrhundertelang im Ghetto. Was bei jedem freien Volke selbstverständlich ist, müssen wir erst durch bitterste Erfahrungen erkennen. Und dies blieben denn auch nicht aus. Eine solche brachten um die Ereignisse in Bussland. Achad ha-Am kämpft' vergeblich gegen die jüdischen Radikalen und mahnt - sie erfolglos an ihre Eigenpflichten. Seine Stimm, tauchte gänzlich unter in dem allgemeinen Taumel. Dann wurde er wirklich Pessimist. Intensive Volks kräfte können sich durch äussere Vorgänge nicht garn vergessen. Auf seine alte Frage: „Wenn ein Volk zerstört wird, wer wird es aufrichten?" fand er keim Antwort — und zog sich in die Einsamkeit zurück. Jetzt, da er schweigt, sucht man ihn. Denn das Geschlecht ist, wenn auch nicht grösser, so doch klüger geworden, klüger durch die Erfahrung. — Achad ha-Ams Zeit kommt ihm nach. EIN DICHTERSCHICKSAL Von Max Schacherl. Von einem Wiener Dichter will ich erzählen. Von Erfolg: das einem Menschen, dessen Streben und Wirken einstmals nur spärliche Anerkennung gefunden hat und dessen Werke in dem Wust von Aktualitäten zu verschwinden drohen. J. J. David heisst der Dichter, dessen Muse Not und Elend hiess; alle Bitternis dieses Daseins und ein frühes Sterben, heisses Mühen und Ringen, wenig Nachdruck verboten war sein Los. Das Los eines wahrer, Dichters in der Stadt des Feuilletons. Die sieben stattlichen Bände*), die den Lebensinhalt J. J. Davids bergen, waren mir an diesen so *) J. J. David, Gesammelte Werke, herausgegeben von Emst Heilborn und Erich Schmidt (R. Piper & Co., München).