Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1909)
- Article
- Chief-Rabbi Dr. Hermann Adler
- Date
- 1909-05-01
- Page
- Seite 309 - 310 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583980-2583986-2599533--09331-2599595- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
309 310 CHIEF-RABBI DR. HERMANN ADLER. (Mit Porträt). Nachdruck verboten. Am 30. Mai wird der Chief-Rabbi Dr. Hermann Adler in London das Jubiläum seiner fünfzigjährigen Amtstätigkeit feiern, das mit dem.siebzigsten Geburtstag des verehrten Geistlichen zusammenfällt. Durch einen Zufall hat Dr. Adler schon als Zwanzigjähriger seine erste Predigt gehalten. Im Jahre 1859 hatte sein Vater, der damalige Chief-Rabbi, versprochen gehabt, der Einweihung einer Synagoge in Swansea beizuwohnen. An dem dafür festgesetzten Tage aber war er krank und schickte zu seiner Vertretung den Sohn, dessen Studien für den rabbinischen Beruf noch nicht abgeschlossen waren. Der junee Mann vertrat seinen Vater in so würdiger Weise, dass er schon damals als der berufene spätere Nachfolger dieses tüchtigen Gelehrten angesehen werden durfte. Im Jahre 1879 wurde er zum vertretenden Chief-Rabbi ernannt und nach dem 1890 erfolgten Ableben seines Vaters in das Amt des Chief-Rabbi eingesetzt. Dies ist ein sehr bedeutsames Amt. Wie schon der Titel „Chief-Rabbi der Vereinigten Hebräischen Gemeinden des Britischen Reiches" besagt, umfasst die Amtstätigkeit des Chief- Rabbi sämtliche jüdische Gemeinden, nicht nur des britischen Mutterlandes, sondern auch der Kolonien, das umfangreichste Arbeitsgebiet, das je einem jü-! dischen Geistlichen unterstellt war. Dr. Adler hat nie zu bedauern aufgehört, dass ihm bisher die Ausführung des bei seiner Amtsübernahme gefassten Planes nicht möglich gewesen ist, die verschiedenen jüdischen Gemeinden in den britischen Kolonien zu besuchen. Doch hat er die" Hoffnung auf die Verwirklichung dieses Wunsches noch nicht aufgegeben, denn er fühlt sich jung und kräftig und Niemand würde ihm ansehen, dass er schon nahe an siebzig ist. Die frischen Farben in dem kaum von feinen Linien durchzogenen Gesicht, die glänzenden, sich für alles interessierenden Augen, die kräftige und biegsame Stimme lassen ihn bedeutend jünger erscheinen. Sein Bart ist allerdings in den letzten Jahren vollständig weiss geworden; aber der freundliche, liebenswürdige und gütige Blick, der uns durch die goldgeränderten Brillengläser trifft, strahlt noch die ganze Begeisterung der Jugend Chief-Rabbi Dr. Hermann Adler. aus. Grosser Eifer und freudiges Wohlwollen für jeden edlen Zweck sind kennzeichnend für den Chief-Rabbi und haben dazu beigetragen, ihm eine so aussergewöhniiehe Stellung zu sichern. Er ist nicht nur unter seinen Glaubensgenossen berühmt, sondern gilt in philanthropischen Bestrebungen für eine der hervorragendsten Persönlichkeiten des Landes. Seit der Begründung des Hospitalsonntags-Fonds, d. i. seit 1873, ist er im Vorstand dieses Vereins, und seit längerer Zeit beteiligt er sich auch an der Verwaltung des König Eduard-Hospital- Fonds. Er betätigt sich bei den Kinder - Ferien kolonien, dem Volkspalast, den Feierabenden für Kinder und ähnlichen guten Werken. Die Einladung zum Beitritt in den Athenäum-Klub verdankt Dr. Adler nicht nur seiner jüdischen Gelehrsamkeit, sondern auch seinen sozialen Leistungen für das gesamte Volk. Die Tätigkeit Dr. Adlers hat die natürliche Folge gehabt, dass sein Amt in der öffentlichen Achtung gestiegen, und dass — wie die „Jewisch World" vor eioigen Jahren ausgeführt hat — die ganze jüdische Gemeinschaft in das beste Licht gestellt worden ist. Es ist ebenfalls selbstverständlich, dass er alle Versuche energisch zurückgewiesen hatj die darauf gingen, die Juden zu isolieren, sie als eine besondere Rasse hinzustellen und von ihnen zu behaupten, sie stünden abseits der Strömungen nationalen Empfindens und Denkens. Mehrere Jahre hindurch befand er sich in scharfer Controverse mit Professor Goldwin Smith, der die närrische Frage aufgestellt hatte: „Können Juden Patrioten sein?'4 Es hat grosse Verwunderung erregt und selbst vielfach überrascht, dass es dem Chief-Rabbi gelungen ist, in seiner eigenen Gemeinde die Bildung von Spaltungen zu verhindern. Trotz mancher unter der Oberfläche erkennbaren Gegenströmungsn hat er die Gemeinde mit fester Hand zusammengehalten. Chief-Rabbi Dr. Adler hat durch seine persönlichen Eigenschaften bischöfliches Ansehen gewonnen, bischöflichen Rang hat ihm sein König zuerkannt.