Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 4 (April 1909)
- Article
- [Rezension] / M. Sch.
- Date
- 1909-04-01
- Page
- Seite 251 - 252 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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251 Literarische Rundschau. 252 wortete: „. . .Ja, wenn alle Christen wären, wie ich! . . Der Literaturhistoriker muss ja nicht medizinische Diagnosen stellen können. Gerade deshalb aber finde ich's befremdlich, dass Bettelheim gegen die herrschende Anschauung protestiert, als hätten die Judenhetzen Auerbachs physischen Lebensnerv getroffen. Und warum sollte es nicht so sein? ... Ist es doch psychologisch fasslich, dass er in diesem Augenblicke das Werk seines Lebens zertrümmert, untergehend sah. Und i s t er nicht daran gestorben, so hätte erfcs gerade daran können. Hier setzt sich Bettelheim in einen Gegensatz mit dem Empfinden jedes Nach- und Mitfühlenden. Was er uns aber aus diesen Tagen selbst zu erzählen weiss, ist fesselnd und belehrend, wenngleich man den Wunsch nicht unterdrücken kann, von Auerbachs Freundschaft mit Lasker, Riesser, Bamberger, Andrew D. White gerade aus diesen Tagen, mehr zu hören. Anton Bettelheim hat die Aufgabe, die er einem letzten Wunsche Auerbachs folgend übernommen, im Geiste des Dichters vollbracht. Schlicht in der Sprache und anspruchslos in seinen Behauptungen, ist dieses Buch den wertvollsten Biogra|mien unserer Zeit zuzuzählen. Frei von jeder subjektiven Färbung, ist es zu einem Denkmale geworden, an dem jeder Gebildete gern verweilen wird. * * * Die Familie Low ositz. Roman von Auguste Hauschner. (Egon Fleischel & Co., Berlin.) Auch dieses Buch ist wie viele andere der letzten Jahre unter dem Eindruck der modernen Judenfrage entstanden. Ein Umstand, der allein schon bewirkt, dass man diesen Roman mit einer gewissen Skepsis zur Hand nimmt. Denn die Judenfrage ist eines jener Probleme unserer Zeit, über das zu sprechen sich jedermann getraut. Auguste Hauschner, eine begabte Erzählerin, wollte mit der „Familie Lowositz" den Roman einer Prager Judenfamilie, in dem Irren und Streben des jugendlichen Rudolf Lowositz aberdie Tragik des modernen Juden schreiben. Es sind keine leidenschaftdurchwühlte Dramen, die Auguste Hauschner hier gestaltet; das stille Leid des Alltags, die Sehnsucht junger Menschen, die Eigenheiten des Milieus sind hier zu einem Roman gestaltet. Die Familie Lowositz ist der Typus der Prager Judenfamilie. Die ganze Familie steht zu den Deutschen, nur ein Schwiegersohn liess seinen Namen aus Geschäftsgründen tschechisieren. Hier eröffnet uns die Verfasserin Ausblicke auf das politische Leben der Juden in Böhmen, die, zwischen Tschechen und Deutschen stehend, von beiden gehasst, von beiden aber auch als politische Helfershelfer verlangt werden. Wie die meisten Prager Judenfamilien sind die Lowositz4 aus Tradition deutsch gesinnt. Herr Lowositz ist Bankier; unglückliche Spekulationen haben ihn frühzeitig verbittert. Er arbeitet im Schweisse seines Angesichtes, um seine Familie „standesgemäss" zu erhalten; aber die Liebe zu seinen Angehörigen verschliesst er in sich. Scheu und verschüchtert leben die Kinder in diesem alten, grauen Hause, ausserhalb dieser Mauern aber finden sie Trost in Schiller und Goethe, berauschen sich an der Kunst des Theaterspielens. Da sind die jungen Mädchen mit den lüsternen Gefühlen und mit der bangen Furcht davor; kaum erwachsen, dreht sich ihr ganzes Sein und Wesen um den Begriff „Liebe", die sich in bescheidener Genügsamkeit mit Gymnasiastenflirts begnügt. Später heiraten sie; richtiger, sie werden verheiratet. Und staunen dann, wie ganz anders sie sich die Liebe gedacht . . . Aus dem erträumten Marquis Posa wird ein Berliner Wäschefabrikant, statt eines Mortimer erscheint ein Bankbeamter. Aber die Mädchen verzichten gern auf ihre Träume — sie werden verheiratet . . . Diesem Leben mit seinen festgelegten Begriffen will Rudolf Lowositz entfliehen. Er ist ein Suchender, Irrender, einer, der dieser Welt, in der er zu leben bestimmt ist, grollt, sie hasst, aber planlos umherirrend keinen Ruhepunkt findet. Seinem Judentum entfremdet, den Kopf voll unmöglicher und möglicher Ideale, will Rudolf in die weite Welt ziehen, aus den engen Prager Mauern entf Hehen, und geht nach Berlin ... — Ein nächster Band wird uns dann zeigen, wie Rudolf Lowositz dem Leben beigekommen. Vorläufig lässt sich nur sagen, dass Auguste Hauschner auch liier wieder jene Feinheit der Behandlung verrät, die in ihrem grossangelegten Romane „Zwischen den Zeiten" für sie einnahm. Die Geschichte der Familie Lowositz zu schreiben, mag an sich leicht erscheinen; die Verfasserin verrät aber die Tendenz, mit dem Erzählen dieser Lebensschicksale Aus- und Einblicke auf die Kultur unserer Tage zu eröffnen. Hierzu zeigen sich vielversprechende Ansätze, die uns hoffentlich ein nächster Band im richtigen Lichte zeigt. An diesem Buche seien die treffsichere Charakte - ristik, das feine Verständnis für die Wirkung des Milieus und die schlichte, überzeugende Sprache besonders gelobt. & Das Städtchen. Von Schalom Asch. (Verlag S. Fischer, Berlin.) Hier ist endlich ein Büchlein von Schalom Asch, das, wenn es auch ernster Kritik nicht standhalten kann, doch als ein Fortschritt im Schaffen des viel zu schnell bekannt gewordenen Dichters angesehen werden darf. Asch ist jenen Naturen zuzuzählen, die vom Lärm der westeuro päischen Reklame betäubt, die künstlerische Selbstzucht verlieren. Der zweifelhafte Erfolg seines Dramas „Der Gott der Rache" konnte kühl erwägende Beurteiler nicht einnehmen. Auch seine bisher erschienenen Skizzen und Novellen können nicht hoch gewertet werden; wo Asch reale Vorwürfe nimmt, fehlt es seinem Schaffen an Kraft und Gesundheit, wo er sieb abstrakter Themen bedient, erscheint er krankhaf t-symboHsch, dekadent. Das neue Buch wird dem Jargondichter gewis Freunde gewinnen. Hier gibt er reine Poesie, fein abge stufte Stimmungen, gut gesehene Bilder. Er zeigt uns iis für sich abgeschlossenen Skizzen ein Städtchen, richtiger, das Städtchen, seinen gewöhnlichen Typus. Mit dem Müiet.' und den Menschen innig vertraut, weiss uns Asch in liebe vollen Schilderungen diese Dinge nahezubringen. Wie et in dem russischen Judenstädtchen morgens, wie es abend? aussieht, wie das Leben des Tages in gewohntem Gleichmasn vorüberzieht, nur zeitweilig abgelöst durch die Freuden oder Trauertage. Diese kleine Welt, das traditionelle Leber ihrer Menschen hat Schalom Asch hier in kleinen Bilden eingefangen. Seiner Poesie mangelt es zwar an natürlichere Empfinden, selten ist sie von dieser Erde, und mutet manch mal abstrakt an. Immerhin aber hat Asch mit diesem Büchlein den Beweis erbracht, dass seine Stärke in der kleinen Novelle liegt und dass er diese Kunstform zu meistern versteht M. Sch.