Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 4 (April 1909)
- Article
- Beim Roosevelt-Professor
- Date
- 1909-04-01
- Page
- Seite 235 - 236 (sequence 2)
- Language
- German
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235 Max Schacherl: Beim Koosevelt-Professor. 236 die Stellung der Juden, die in jedem Staate eine andere ist, doch schwer übergehen? — „Gewiss nicht! Doch meine ich, dass diese Frage erst dort erhöhte Bedeutung gewinnt, wo sie zur Klassenfrage, zum Arbeiterproblem wird/' — erklärt der Gelehrte, — Aber die Stellung der Juden ist eine so exzeptionelle, dass sie zum wissenschaftlichen Problem werden muss? — Professor Adler meint: „Genaueres weiss ich nur über die Stellung der Juden in Amerika. Diese war immer hervorragend, weist aber in den letzten Jahren entschiedene Fortschritte auf. Ich nenne als Beispiel Mr. Oscar Straus, den Staatssekretär des Handels; ich könnte noch viele andere nennen. Es kann kein Zweifel bestehen, dass die Stellung der Juden in Amerika schon heute einen Fortschritt darstellt und noch weiter fortschreiten wird. . . — Unser Fortschritt, der Daseinskampf unserer Massen, ward, so glaube ich, durch die überall vorkommenden Anfeindungen unserer Rasse wesentlich gehemmt, bisweilen auch unmöglich gemacht. Ist es so, Herr Professor? — „Positive Leistungen sind nicht durch Abwehr der Angriffe zu erzielen, die sich gegen die jüdische Glaubensgenossenschaft wenden. Jedes Verdienst wird schliesslich, muss schliesslich anerkannt werden. Und die Verdienste eines einzelnen Juden werfen einen Reflex auf alle seine Glaubensgenossen." — Es wird Ihnen bekannt sein, Herr Professor, dass sich Mr. Guggenheim in Newyork jüngst sehr abfällig über die Zunahme der Mischehen im Judentum ausgesprochen hat? — „Die Zahl der Mischehen hat sich meines Erachtens eher verringert. Die Mehrzahl der jüdischen Glaubensgenossen hängt am Judentum. Und die historische Bedeutung des Judentums muss jedermann in tiefster Verehrung anerkennen." — Dennoch haben die Konvertiten in vielen Ländern an Zahl zugenommen.— „Mag sein. Aber auch jene, die nicht mehr auf dem Boden des positiven Judentums stehen, müssen die hohe Bedeutung des jüdischen Glaubens anerkennen, wurzeln mehr oder weniger noch in ihm. In Amerika sind diese Kreise aber an Zahl nicht gross . Dieses Gespräch führt uns nun von selbst auf die Strömungen in der modernen Judenheit. Wir kommen auf den jüdischen Nationalismus zu sprechen, der im Zionismus seinen Ausdruck findet. Auf mein Ersuchen äussert sich der Gelehrte hierüber : Wer auch nur einen Funken Ehrgefühl im Leibe hat, der wird doch nicht anders als mit Verehrung auf seine Stammesgenossen blicken. Aber der Mensch ist nicht durch Geburt allein bestimmt, zu denken. Die geistige Entwicklung zu fördern, muss unser Bestreben sein. Ueber den Zionismus habe ich keine Studien gemacht. Ich sc h Hesse die Erwerbung neuer Territorien nicht aus; dem Zionismus, als staatlic h e s I d e a 1 , kann ich mich nicht zuneigen. Diesem Projekt stehe ich skeptisch gegenüber. , — Dass der Zionismus in moralischer Beziehung, besonders was die Stärkung des Selbstgefühls betrifft, Gutes und Bleibendes geschaffen hat, anerkennen auch seine zahllosen Gegner? — „Das kann nicht geleugnet werden. Aber innerhalb der Länder, in denen sie leben, müssen die Juden mitarbeiten an dem hohen Werke der Kultur, muss jeder von ihnen ein Teilchen beitragen. Das ist ihre erste Pflicht! . . — Ich glaube, Ihren Worten entnehmen zu dürfen, dass Sie sich den territorialen Projekten gegenüber, wie sie z. B. von der Jewish Territorial Organisation erstrebt werden, nicht ablehnend verhalten, ihnen auch Aussicht auf positiven Erfolg zutrauen? — „Der momentanen Judennot helfen die grossen jüdischen Organisationen ab, die ja ungeheuere Summen an Geld und Arbeitskraft im Dienste der notleidenden Glaubensgenossen aufwenden . . — Es wäre zu bedenken, Herr Professor, dass viele Juden in ihren Ländern bleiben wollen . aber nicht können. Ihnen wird es nicht gegönnt, ein Teilchen zu dem Kulturwerke ihres Landes beizutragen. Was soll mit ihnen geschehen? -— „Wie bereits gesagt, halte ich die Erwerbung neuer Territorien nicht für ausgeschlossen. Aber zwischen diesem und der staatlichen Territorialidee besteht ein grosser Unterschied. Die Vergangenheit lehrt, dass die Juden mit staatlichen Experimenten niemals Glück hatten. Die Gründe? . . — Der Gelehrte überlegt eine Weile und sagt dann: „Sehen Sie sich doch einen Gemeindevorstand an! . . /' Dann erzählt Prof. Adler in ungezwungener Weise von dem Leben der Juden in Amerika, ihrer Tüchtigkeit und Intelligenz, was sie zu vollwertigen Bürgern mache. Ich frage, ob die Wahl Tafts keine Veränderung in der Stellung der Juden herbeiführen könne. „Nein," antwortet der Gelehrte. „Taft ist ein Schüler Roosevelts. Wie dieser, kennt auch er keine vergleichsweise Wertung der Rassen und Konfessionen. Die amerikanischen Juden haben vom neuen Präsidenten viel zu erhoffen, aber nichts zu befürchten . . Zum Schluss bringe ich das Gespräch auf die Aufnahme, die er hier gefunden. Prof. Adler ist voll Lobes. Seine Erwartungen wären weit übertroffen. Von hohen und höchster Stelle seien ihm in der Zeit seines Aufenthaltes Beweise grössten Wohlwollens geboten worden. Er scheide mit den besten Eindrücken aus diesem Lande. Er sei von neuem in seiner Bewunderung für Deutschland bestärkt worden. Jetztwird der Gelehrte begeistert, beleuchtet in treffenden Worten das W7esen der amerikanischen, das der deutschen Nation, wie sie sich einig sind in Energie und Lebenstüchtigkeit. Und der stille Gelehrte wird zum Seher, wenn er den Wunsch ausspricht, von dessen Erfüllung er sich die höchste Entwicklung aller Völker der Erde verspricht: „Wenn das Ideal des Wissens mit dem Ideal des Lebens sich yerschwistern wird . . V