Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 4 (April 1909)
- Date
- 1909-04-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
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A OsFWe st ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT v FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert von LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 4. April 1909. IX. Jahrg. EIN MODERNER RELIGIONS-PHILOSOPH. Von Rabbiner Dr. M. Eschelbacher, Bruchsal. Nachdruck verboten. Moses oder Darwin? So oder ähnlich nennt sich eine bekannte bibelfeindliche Schrift. Ihr Titel ist bezeichnend. Der uralten Thora Moses wird die moderne Lehre Darwins gegenübergestellt, und das Bewusstsein des Menschen von heute soll das Forum sein, vor dem sie ihren Richterspruch empfängt. Und so ist es immer noch gewesen. Zu allen Zeiten hat die Religion von neuem die Welt sich erobern müssen und mit den Theorien und Anschauungen, die jeweils Gegenwart waren, zu kämpfen gehabt. Moses oder Plato? so lautete die drängende Frage in den Zeiten des Hellenismus; Moses oder Aristoteles? hiess es im Mittelalter; Moses oder Schopenhauer? oder Nietzsche? so oder ähnlich drängt sich die Frage dem Menschen unserer Tage auf. Kronos verschlingt nach dem tiefsinnigen griechischen Mythos seine eigenen Kinder, aber er erzeugt sie auch immer wieder von neuem, und mit ihnen hat noch in jedem Geschlecht der Glaube zu ringen gehabt. Die Theorien kommen und gehen, aber gegen alle ihre Verwandlungen hat die Religion sich zu behaupten, und es macht eben den Reichtum ihrer Geschichte aus, dass von ihr gilt, was der Engel zu Jakob spricht: „Du hast gekämpft mit göttlichen Wesen und mit Menschen und bist Sieger geblieben.'1 Es gibt eine eigene Wissenschaft, deren Aufgabe es ist, das Verhältnis der Religion zur Kultur in seinem Wechsel zu prüfen und zu klären, die Religionsphilosophie. Sie nimmt auch in der Geschichte des Judentums einen breiten Raum ein, und glänzende Namen haben dieses Feld bebaut, Philo und Saadia, Maimonides und Kreskas, Mendelssohn und Steinheim. In den jüngsten Jahrzehnten haben historische Studien vor allem die Kräfte. unserer Gelehrten beschäftigt, doch wirken auch heute Religionsphilosophen in unserer Mitte, die viel uns zu sagen haben. Unter ihnen verdient eingehende Würdigung ganz besonders Moritz Steckelmacher, der Mannheimer Rabbiner. Steckelmacher ist von Kant ausgegangen. Seine erste literarische Leistung war die gekrönte Preisschrift „Die formale Logik Kantsu (Breslau, Köbner 1879). In seiner Auffassung vom Judentum aber ist er stark beeinnusst von Steinheim. Steinheim, der Arzt und Religionsphilosoph (1790—1866), nimmt in den Reihen seiner Genossen eine eigene Stellung ein. Es hat niemals an Apologeten gefehlt, die das Lebensrecht der Religion darauf gründeten, dass sie mit der Wissenschaft nicht in Konflikt gerate. Wenn irgendwo ein Darwin auftrat, war es dann das erste Geschäft dieser Männer, nachzuweisen, dass seiner Lehre die Moses nicht widerstreite, dass also Judentum und Forschung sich wohl vertrügen. Berühmt ist der Ausspruch des Maimonides, wenn zweifellos feststehe, dass Aristoteles die Ewigkeit der Welt behaupte, dann wolle er nachweisen, dass das erste Kapitel der Genesis dem nicht widerstreite, obwohl doch sein erster Vers lautet: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde". So kommt aber die Religion bald ins Hintertreffen; ihre Vorkämpfer beschränken sich leicht auf die Verteidigung und plädieren nur für Duldung, nicht für Anerkennung ihres Rechts. Im rechten Gegensatz dazu lehrte Steinheim, „dass die Lehren der Offenbarung nichts mit den Erzeugnissen des natürlichen Denkens gemein hätten, sie trügen vielmehr den Charakter wirklicher, von aussen her dem Menschengeist entgegentretender DingeEr stellte geradezu den Satz auf, „die biblischen Lehren von Gott, Schöpfung, Freiheit, Menschenwürde, Zukunft und Ziel des Menschengeschlechts liefen der natürlichen Denkungsart zuwider,