Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 3 (März 1909)
- Date
- 1909-03-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
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OsF«e sr ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^/FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert von LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 3. März 1909. IX. Jahrg. DAS MOSES MENDELSSOHN-DENKMAL IN BERLIN. Nachdruck verboten Am 15. Februar ist das Denkmal für Moses Mendelssohn enthüllt worden, das ein privates Comite anter Führung des edlen Philanthropen Moritz Manheimer der Erinnerung an den grossen jüdischen Philosophen gewidmet und im Vorgarten der Berliner Gemeinde-Knaben- und Lehrer-Vorbildungsschule errichtet hat. In der Aula der Anstalt hielt die Weiherede Herr Geheimer Regierungsrat Professor Ludwig Geiger, dessen Ausführungen wie folgt lauteten: Heute vor 128 Jahren ist Gotthold Ephraim Lessing Gestorben. Wir nehmen dieses zufällige Zusammentreffen nit der Enthüllung des Mendelssohn-Denkmals für ein glückliches Omen. Wie vor etwa einem Viertel jahrhundert Dei der Eröffnung des Goethe-Archivs der unvergessliche iVilhelm Scherer, ein geistiger Nachfahr des tapferen Lessing, lusrief: „Im Geiste Schillers gehen wir an unsere Arbeit", io dürfen wir heute sprechen: „In Lessings Geiste weihen vir das Denkmal für Mendelssohn". Wir freuen uns, dass >s endlich dasteht, dank den Bemühungen des tüchtigen Bildhauers, dank vor allem der unermüdlichen Tätigkeit eines vackeren Alten unserer Gemeinde, der von frischester Jugend- :raft erfüllt, dieses Unternehmen begonnen und vollendet hat. Als Mendelssohn das erschütternde Ereignis von dem Tode seines Freundes erhielt, schrieb er folgende Worte: „Mich beschäftigt jetzt der einzige Gedanke, Lessings Cod. Er macht mich nicht traurig, nicht tiefsinnig; aber >r ist mir immer gegenwärtig, wie das Bild einer Geliebten, '.cli schlafe mit ihm ein, träume von ihm, wache mit ihm buf und danke der Vorsehung für die Wohltat, die sie mir srzeigt hat, dass ich diesen Mann so frühzeitig habe kennen gelernt, und dass ich seinen freundschaftlichen Umgang olange genossen habe. Die Welt kennt seinen schriftstelleischen Wert, wenige aber kennen seinen freundschaftlichen; a ich finde, dass sein moralischer Wert von vielen sogar üisskannt war. . . . Wenn irgendein Mensch besser war, ,1s er sich in seinen Schriften zu erkennen gab, so war es ^essing. Die am meisten wider ihn eingenommen waren, russte er in einer Stunde persönlichen Umgangs zu gewinnen, und gleichwohl ist ihm meines Wissens nie eine;eflissentliche Schmeichelei aus dem Munde gegangen, a er hatte sogar die Bizarrerie, ein abgesagter Feind von Her Höflichkeit zu sein. Seine gesellschaftlichen Tugenden »estanden vielmehr in echter Teilnehmung, aufrichtiger )ienstbeflissenheit, in der äussersten Entfernung von Eigenmtz und Eigendünkel und in der milden Bereitwilligkeit, einem jeden mit seinem Reichtum an Begriffen zuvorzukommen, dass man sich in einer Unterredung mit ihm allezeit scharfsinniger glaubte, als man wirklich war, ob man gleich nicht unterlassen konnte, dessen Ueberlegenheit innerlich recht sehr zu fühlen. Sarkastisch und bitter gegen jeden Geck, der für sich die Wahrheit allein gefunden zu haben glaubte, war er liebreich und bescheiden gegen jeden, der die Wahrheit suchte, und zu allen Zeiten bereit, ihm mit seinem Vorrat zu dienen." „Wie das Bild einer Geliebten!" In diesem Sehnsuchtslaut ist die innige Trauer Mendelssohns um den verstorbenen Freund am schönsten ausgedrückt. Und doch würde man sich ein falsches Bild dieses vertraulichen Umganges machen, wenn man etwas Rührseliges, Empfindsames sich darunter vorstellte. Es ist die Freundschaft zweier Männer; zweier Männer von ganz verschiedenem Herkommen, entgegengesetzten Anlagen und anders gearteten Zielen. Lessing, der Sohn eines gelehrten, zwar in kleinen Verhältnissen lebenden, aber von der Not entfernten Pfarrers, Mendelssohn, das Kind eines in ärmlichsten Umständen lebenden, geistig beschränkten Thorarollenschreibers; Lessing ein aufgeweckter, frischer Knabe, der am Leben und an dessen Genüssen Freude fand, Mendelssohn, körperlich verkümmert, ohne Ahnung dessen, was das Leben an Reiz bot und ohne Verlangen das wenige, was er etwa kannte, zu geniessen. Lessing konnte die Universität beziehen, sein Studium frei gestalten, nach einer wohlgeordneten Schulbildung dem regelmässigen Geistesgang sich anschliessen, Mendelssohn, der in seiner Kindheit nur jüdisches Wissen sich angeeignet, musste zu einer Zeit, in der der deutsche Jüngling zur Universität reif war, sich die elementarsten Kenntnisse aneignen. Jener, aller Dienstbarkeit fremd, griff zur Feder, um sich durch Uebersetzungen, Zeitungsartikel, Lustspiele sein Brot zu verdienen, und erwarb sich in eifriger Arbeit einen ungeheuren Schatz von Kenntnissen; dieser, vor der Oeffentlichkeit bange, mit dem Deutschen noch nicht vollständig vertraut, musste die kaufmännische Laufbahn ergreifen, und einem anstrengenden Berufe die Stunden zum Studium abstehlen. Wie im Studium, so waren beide entgegengesetzt im Leben. Der christliche Schriftsteller lebte in der Welt, der jüdische war ein weltfremder. Jener hätte eine Freude an irdischen Genüssen, auch an Spiel und Trank, er war gewiss sich wiederzufinden, wenn er sich verirrt und verloren hatte, dieser mied jedes Konvivium mit Fremden und weilte am liebsten mit wenigen Befreundeten im eigenen Hause. Wenn jener, wie jeder Neuerer, jeder auf verschiedenen