Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1909)
- Date
- 1909-02-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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A OsT#5£esr: ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^/FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert von LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 2. Februar 1909. IX. Jahrg. RELIGIOESE POSTULATE. Rede, gehalten am Frankfurter Verbandstage der deutschen Juden, und durch einen Zusatz vermehrt, von Prof. Dr. Hermann Cohen, Geh. Reg.-Rat. Nachdruck verboten. Es bedeutet nicht nur eine persönliche Entlastung, wenn ich beim ersten Worte freudige Genugtuung darüber ausspreche, dass es mir vergönnt ist, heute hier am zweiten Verbandstage der deutschen Juden sprechen zu dürfen, in einer der ältesten Mutterstädte der deutschen Judenheit, in derjenigen Provinz unseres Staates, in welcher die erste Universität dem geschichtlichen Prinzip der Gewissensfreiheit und der Geistesfreiheit gestiftet wurde, an welcher Philosophie zu lehren seit einem Menschenalter meine Lebensaufgabe geworden ist. Freilich kann ich nur nach meiner wissenschaftlichen Art sprechen; und für das Einzelne meiner Ausführungen kann ich nur allein die Verantwortung tragen. Aber unser Ausschuss hat mit sachlicher Einsicht verfahren, indem er aus seiner Mitte einen Philosophen zum religiösen Redner hier bestellt hat. Denn wie in allen religiösen Bewegungen, beruht nicht minder auch bei uns die eigentliche Schwierigkeit unserer religiösen Lage aut der Differenz der Weltanschauung. Und es sollte für keinen gebildeten Menschen ausser Zweifel sein, dass nur die Philosophie Weltanschauung zu geben, weil zu begründen vermag. Wenn in jüngster Zeit von Seiten der Religionen der Anspruch erhoben worden ist, ihrerseits Weltanschauung darzubieten, so erklärt sich diese Irrung gerade aus demjenigen Punkte, den ich hier zu meinem Hauptpunkte mache. Die Religion fühlt sich in ihrem Kerne als die Lehre von Gott. Sie fühlt ferner richtig, dass es ohne Gott keine positive Weltanschauung geben dürfte. Nur das ist ihr Irrtum, dass sie allein zureichend wäre, die Idee Gottes zu begründen und sicher zu stellen. Gegen diesen populären Irrtum spricht schon die Geschichte aller Religionen. In ihnen allen erwächst die Dogmatik, also die Verfassung ihrer Glaubenslehren, aus der Philosophie und als Philosophie. Mithin bedarf die Religion des natürlichen Zusammenhangs mit der Philosophie, und erst kraft dieses Zusammenhangs vermag sie den Gott der Weltanschauung zu gewinnen. In der jüngsten Zeit hat sich nun aber die Abneigung gegen die Religion in den Kreisen der Bildung verschärft durch ein Misstrauen und einen Mangel an Bescheidenheit gegenüber der Philosophie. Und besonders der Frage Gottes gegenüber stellt sich die moderne Bildung mit gleicher Kühle zur Philosophie, wie zur Religion. Es geht dies so weit, dass ein Philosoph schon wissenschaftlich verdächtig wird, wenn er sich der göttlichen Frage gegenüber nicht Amtsverschwiegenheit auferlegt. In diesem auch bei uns beinahe vorherrschenden Verhalten liegt die grösste Schwierigkeit und Gefahr unserer Existenz. Denn diese beruht auf dem Grundstein unserer Religion, welchen allein die Idee des einzigen Gottes bildet. Ich muss hier zunächst daran erinnern, dass man Jahrzehnte lang in unserer religiösen Diskussion diese unsere Grundidee hat zurücktreten lassen, um nur von unserer Sittenlehre zu sprechen, und uns durch diese als anständige Leute zu legitimieren. Eine anständige Moral reicht aber noch lange nicht aus für das Lebensrecht einer Religion. Eine Religion muss den Grund ihres Daseins immerdar in ihrem Gottesbegriffe bewahren und fortentwickeln. Dies gilt in besonderer Schärfe vom Judentum. In ihm gibt es prinzipiell keinen Gegensatz