Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1909)
- Article
- Die Israeliten in Marrakesch
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 63 - 64 (sequence 2)
- Language
- German
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63 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle. 64 Schule betrifft/4 fügte er hinzu, ,.so können Sie auf Schutz rechnen; planere ich an der Macht sein werde, soll Niemaud Sie in Ihrem zivilisatorischem Werk stören." Mein zweiter Besuch palt dem anderen Vesir Si Ais^a Ben Omar. Si Madam hatte mir einen seiner Leute mitgegeben, um mich vorzustellen. Si Ai'ssa empfing mich sehr her/lich. ,,lhre Glaubensgenossen.*4 sasrte er mir, „wissen, dass ich an ihnen ihre Redlichkeit und ihre Intelligenz schätze. Sie sehen selbst, dass mein Vertrauensmann, mein Intendant, ein Israelit ist. Alle Handwer ksarbeiten in diesem Zimmer sind von israelitischen Schneidern, Stickern, Näherinnen, Metallarbeitern hergestellt. Damit ist gesagt, dass die Israeliten immer auf meine Sympathie rechnen können." — Kr fragte mich darnach, was eine „E-cuela" (E<-ole) sei, und welchen Zweck wir dort verfdiren. Er schien von unserem Werk entzückt und bat mich, oft zu einem Plauderstündchen zu ihm zu kommen. Auch den Paschas der Mdina und der Casbah habe ich Besuche abgestattet. Beide versprachen mir, über den Mellah und die Schule zu wachen. N. Falcon." „Marrakesch, den 4. Dezember 1908. In Anknüpfung an mein Schreiben von 27. November beehre ich mich. Ihnen über die gegenwärtige Lage der Juden zu berichten. Es wäre unuüt/., an die schmerzlichen Zeiten zu erinnern, die die Israeliten hierseit dem August 1906 bis zur Ankunft d s Hrosswesirs Kaid El Glaui durchgemacht haben. Meine früheen Briefe haben Ihnen gesagt, was die Unglücklichen gelitten haben, die erst der Anarchie und dann der Habgier eines jetzt in Fez befindlichen Kaid überliefert waren. Wer irgend einiges Veimöi/en und einiges Ansehen besessen hatte, war geflohen, nur die Aermsten waren zurückgeblieben, die Handwerker, die Kleinhändler, die dem unerträglichen Joch des beutegieihren Kaid sich unterwei fen mussten. Wie mit einem Zauberschlage änderte steh alles, als Si Madani ankam. Dieser grosse und lebhafte Geist verstand sofort, dass das neue Regime durch eine Politik der Duldsamkeit und der Energie sich allgemeine Sympathie gewinnen könne. Er berief alle Behörden der Stadt und Umgegend zu sich und empfahl ihnen eindringlich, über die Ruhe der Juden zu wachen; er verbot die Bastonade, die Geldbussen und machte die Einkerkerung eines Juden von der vorgängigen Genehmigung des Herrn Corcos abhängig, der auf diese Weise im Mellah eine paschagleiche Autorität erhielt. Bei Empfansr Ihres Briefes vereinigte der Wesir neuerdings alle Behörden bei sich, erzählte ihnen von der gl'ick liehen Lage der Israeliten in den zivilisierten Ländern und las Ihren Brief vor. „Ihr seht", sagte er, „dass die Israeliten für das Gedeihen des Landes mehr als je nötig sind. Die Schulen, die die Alliance in allen Städten Marokkos unterhält, haben den Zweck, den Israeliten grössere Bildung und grösseres Behagen zu verschaffen. Ich empfehle Ihnen ganz besonders die Lehrer, die bald zur Erfüllung ihrer Aufgaben eintreffen werden, und die Kinder, die diese Schule besuchen." Si Madani hat seit seiner Anwesenheit hier viele Ungerechtigkeiten beseitigt, die Streitigkeiten zwischen Juden und Moslim mit grosser Billigkeit geschlichtet. Unsere Glaubensgenossen rühmen seine Milde, sein Wohlwollen. Ihre materielle Lage hat sich ausserordentlich gebessert. Die Händler können unge.^tört durch die Mdina ziehen. Fast alle Handwerker arbeiten für die Wesire, die Kaids und deren Gefolge. Die Schneiderinnen, die Metallarbeiter, die Ledersticker und die Sattler feiein nicht. Der Mellah ist überschwemmt mit Kaids, Chiks und anderen Arabern vom Lande, die durch die Anwesenheit der Mildster angelockt worden sind. Auch die Umgegend ist duichaus ruhte, nur muss man die Begegnung mit Soldaten vermeiden, die Wegelagerer geworden sind, seitdem sie keinen Lohn mehr erhalten. Bedauerlicherweise muss gesaert werden, dass auf eine Fortdauer dieser Lage nicht mit Sicherheit zu rechnen ist. Sind die Minister erst nach der nördlichen Hauptstadt abgrerei^t, so steht zu fürchten, dass schlimme Tage wiederkehren werden. N. Falcon." * * * Jüdische Einwanderung in New-York im Oktober. Im Monat Oktober 1908 sind 1947 jü«ü*che Einwanderer gegen 5901 im Oktober 1907 in New-York gelandet, darunter: 1503 aus Russland, 224 aus Oesterreich, 101 aus Ungarn, 64 aus Rumänien usw. Von den Neuangekommenen sind J537 in New-York selbst verblieben, während die übrigen 574 sich nach verschiedenen anderen Städten der Vereinigten Staaten begaben. Bukarest. Der Kassationshof in Bukarest hat am 24. November den Kid „more judaico" für unzulässig erklärt. — Der Ober-Rabbiner von Jassy, Herr Dr. Niemirower, war von dem Gericht in Jassy zu einer Busse von 50 Frs. verurteilt worden, weil er sich geweigert hatte, bei der Abnahme des Eides „more judaico" mitzuwirken. Geiren diese Verurteilung hatte Dr. Niemirower Berufung eingelegt. Die Angelegenheit kam vor die erste Abteilung des Kassationshofes in Bukarest. Der Kassationshof entschied dahin, dass der Eid „more judaico" den Israeliten nicht auferlegt werden darf, da die von dem Bürgerlichen Gesetzbuch vorgesehene gewöhnliche Formel vollkommen ausreichend sei. — Für die Sache des Dr. Niemirower hat der frühere Minister Rechtsanwalt Dissescu plädiert. * * Lirdwlgsliafen a. Rlu Ende November hat die Jahressitzungr des hiesigen Lokal-Comites unter Vorsitz des bewährten Vertrauensmannes der Alliance Herrn Moritz Wolff stattgefunden* An der Sitzung nahmen auch die Vorstandsdamen Fi au Ferdinand Mann, Frau Moritz Wolflf, Frau Leopold Gimpel und Frau Gustav Jacob teil. Die Damen konnten konstatieren, dass i-ie an der Gewinnung neuer Mitglieder sich mit dem gleichen Erfolg wie ihre männlichen Kollegen beteiligt hatten. Der bisherige Vorstand wuide wiedergewählt. Apolda. Aus Apolda erhalten wir von Herrn Lehrer B. Wahrenbersr folgenden Bericht: „Am 29. November hat Herr Prediger Meyer aus Eisenach in der hiesigen israelitischen Gemeinde einen Vortrag über die edlen Bestrebungen und das segensvolle Wirken