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Ost und West · 1909-01-01 · Heft 1 (Januar 1909) · p. Seite 57 - 58

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 1 (Januar 1909)
Article
Salomon Neumann
Date
1909-01-01
Page
Seite 57 - 58 (sequence 4)
Language
German
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57 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Saiomon Neumann. 58 Über allem aber stand ihm das gründliche, quellenmäßige Studium der hebräischen Sprache und der gesamten rabbinischen Literatur. Nur in der innigen Vereinigung der beiden Aufgaben wollte er den Segen dieser Lehranstalt erkennen, begründen, befestigen: Wissenschaft, als Wissenschaft des Judentums. Aus diesem seinem Verhältnis zur Wissenschaft des Judentums wird sein gesamtes Verhalten zuden jüdischen Dingen verständlich. Dem oberflächlichen Blick mochte es auffällig werden, daß Neumann der liberalen Reform gegenüber sich zurückhaltend und ablehnend verhielt. War er doch von dem eigentlichen Ritualismus frei; wie konnte er mit den konservativen Tendenzen Nachsicht haben? Indessen sah er freilich in den Riten an sich ebensowenig ausschließlich, noch vorzugsweise das Judentum, wie er anderseits auch die Abwehr derselben und die Polemik gegen dieselben im Gemeindeleben und in der religiösen Literatur nicht als das Wahrzeichen des jüdischen Freisinns anerkennen konnte. Auch hier war er nicht Parteipolitiker. Die religiöse Partei muß notgedrungen kämpfen, um sich als Partei Raum zu verschaffen. Daher wird sie bei uns, wo es sich nicht um den Kampf der Dogmen handelt, unabweislich auf die liturgische und auf die rituelle Kultur hingedrängt. Daher auch wird ihr die Polemik unvermeidlich. Diese betreiben zwar auch die Orthodoxen reichlich; indessen kann man es ihnen nachfühlen, daß sie ganz anders für ihren Standpunkt, gleichsam für die Ehrenrettung dessplben vor der Kultur sich wehren dürfen als diejenigen, welche ohne dogmatische Gläubigkeit aus freiem religiösen, geschichtlichen und politischen Rationalismus am Judentum festhalten. In dem Kampf der Parteien dürfen daher die Orthodoxen empfindlicher werden als die Liberalen. Und aus der Empfindlichkeit keimen Spaltungen. Und wir brauchen Einigkeit. Und wir sind trotz allem Gesangbuchstreit in der Hauptsache einig; der ganzen offiziellen Kulturwelt gegenüber einig! Das macht jeder Jörn Kippur jedem Juden klar, dem gelehrtesten, wie dem mehr oder weniger gebildeten. Wer das nicht merkt, der will nicht merken, was er dennoch fühlen muß. Das waren die tiefen Gründe, welche Neumann von allem Parteiwesen fernhielten. Sein religiöser Freisinn war auf die Wissenschaft, auf die Lehre, auf die Ideen des Judentums gerichtet. In diesen duldete er keine Orthodoxie, keinen Dogmatismus, keine sogenannte Pietät des hergebrachten Aberglaubens. Den Gehalt dieser Ideen zu sichern und auszubauen, galt ihm als die positive Aufgabe des liberalen Judentums. Und es darf in diesem Zusammenhange nicht verschwiegen werden, daß nicht so sehr freilich in dem Programm, als aber in der Notlage des liberalen Judentums eine schwere Gefahr für die Pflege der Wissenschaft des Judentums anerkannt weiden muß. Es liegt hier ein Widerstreit der religiösen Aufgaben vor, vor dem man sich den Blick nicht verschleiern darf. Dem modernen Judentum sind die allergrößten Verdienste um unsere Wissenschaft zuzusprechen; sowohl um die Errichtung von Pflegestätten der Wissenschaft, wie um die wissenschaftliche Produktivität. Anderseits aber muß auf die Zeitlage Rücksicht genommen, daher im Kultus der hebräische Urtext der Gebete verringert werden. W;enn jedoch die Kenntnis der Sprache in ihren ergreifenden Gebettexten, die Liebe zu ihrem Klanee, wie zu ihrer musikalischen Ausgestaltung in der Synagoge nicht mehr mit der ergiebigen Macht des Gefühls dem Herz und Ohr des Kindes eingepflanzt wird, woher sollen alsdann in den Ländern gesteigerter Kultur die Kräfte kommen, und in ausreichender Weise sich nacherzeugen, welche das Erbe unserer Quellen mit der Urkraft angestammter Liebe und mit urwüchsigem Verständnis hüten und mehren können? Neumann Hebte auch in dem Text unserer erhabenen, unserer schönen, unserer lieblichen Gebete einen mächtigen Teil der Quellen unserer Religion. In dieser Liebe regelt sich sein Verhalten zum jüdischen Gemeindeleben. Wir haben hier nicht zu richten, sondern zu verstehen. Die Gründe seiner Frömmigkeit liegen jedoch noch weit tiefer. Sein Judentum haben wir als soziale Religiosität erkannt. Diese aber gipfelt im Messianismus. Der Gott der Propheten ist nicht nur der Gott der Armen, der Waise und der Witwe, sondern ebenso auch der Gott des Fremdlings und aller Völker. Der Gott der Propheten ist der Gott der Einen Menschheit. Neumann war ein guter deutscher Bürger, und er hatte in seinem ganzen geistigen Habitus den Erdgeruch seiner pommerschen Heimat. Dennoch würde es sich nicht ziemen, in der Atmosphäre des heutigen nationalistischen Patriotismus ihn als Patrioten feiern zu wollen. Er war schlicht und recht ein deutscher Mann, und sein Stil hat die knappe Gedrungenheit, den strengen Ernst und die gründliche Sachlichkeit, welche, zumal in früherer Zeit, als das Kennzeichen deutscher Geistesart gelten durfte. Aber zu dieser alten Art des Deutschtums gehörte ebenso, wie der natürliche Patriotismus, ein gesunder Kosmopolitismus. Und diesen Weltbürgersinn hatte der deutsche Klassizismus mit dem prophetischen Judentum gemeinsam; er hatte seine geschichtliche Wurzel in dem messianischen Gottesbegriff. So wird eine andere Hauptrichtung in der Lebensarbeit unseres Freundes verständlich. Neben der Lehranstalt war eine tiefe Sorge für ihn die Ailiance Isra lite Universelle. Sicherlich war es berechtigt, daß, nachdem die Alliance lange Zeit bestanden hatte, in England und in Österreich und so endlich auch bei uns in Deutschland eigene Hilfsvereine ins Leben traten, je mehr die Not unserer Glaubensgenossen zum allgemeinen Schrecken neuerdings anwuchs. Indessen könnte man diese Hilfsvereine innerhalb der einzelnen Kulturländer, abgesehen von dem großen Nutzen, den sie in der Hilfeleistung stiften, zugleich als Vereine zur Propaganda der politischen Kultur und Gesittung betrachten, so daß diesen Hilfsvereinen auch Christen beitreten sollten. Anders aber steht es um den ursprünglichen Sinn der Alliance Isra lite Universelle. Sie ist aus dem Urgedanken des messianischen Judentums entsprungen. Daher müssen wir die Verdächtigungen, mit der sie von Anfang an verfolgt wurde, in das allgemeine Miss Verständnis des messianischen Judentums einbeziehen. Ist diese universelle Alliance etwa ein jüdischer Partikularismus? Wäre dies der Fall, so dürfte es nicht nur kein Judentum als Weltreligion mehr geben, sondern ebenso auch kein Völkerrecht, sondern nur ein besonderes Staatsrecht für jeden isolierten Staat. Das Problem des Völkerrechts ist das Programm der Alliance Israelite Universelle. Es ist also nicht etwa nur die schwere Notlage des Judentums und der Judenheit auch unter christlichen Völkern, welche das Problem aller menschlichen Gesittung überhaupt in Frage stellt, der Rechtsgrund dieses Programms; sondern es ist der tiefste Inhalt und der eigentliche Sinn des jüdischen Gottesbegriffs, und demgemäß des jüdischen Begriffs vom Menschen und von der Menschheit, welcher in der Alliance zum Ausdruck kommt. Wir wollen nicht ein politisches Volk sein, noch wieder werden; sondern wir beten für die Zukunft der Menschheit in der Hoffnung auf den Tag, an dem Gott als der Einzige erkannt werden wird. Dieser messianische Gott ist zugleich, ist ursprünglich der soziale Gott. Die Propheten haben an diesen beiden Motiven ihre Gottesidee zur Offenbarung gebracht. In dem Glauben an die einheitliche Vereinigung dieser beiden Motive des Gottesgedankens besteht die echte jüdische Frömmigkeit. In ihr ist auch die historische Einsicht und die politische Weisheit verbürgt, welche für die Erhaltung des Judentums, seiner Religion und seiner Literatur erforderlich sind. Wir haben in unserem verewigten Freunde die modernen Kulturmotive erkannt, welche seine Wirksamkeit als Medizinalstatistiker und als sozialer Hygieniker der Stadt Berlin zur Entfaltung brachten. Sie sind es zugleich und an sich, welche seinen Namen auch in der Geschichte der Juden dauernd erhalten werden unter den Lehrern und Führern unseres Glaubens, unter den Großen in Israel. Wir haben die Art seiner Frömmigkeit kennen gelernt. Wir dürfen in seinem Sinne mit dem Wort im Urtext schließen: „Das Andenken des Frommen zum Segen." nm^ pns nat

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