Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1909)
- Article
- Salomon Neumann
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 53 - 54 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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'53 Mitteiiiingen der Alliänce Israelite Universelle: Salomön Neümänn. 54 über die sachlichen Motive uns klar zu werden, welche in diesem starken Charakter, welche in. diesem affektvollen Gemüte, dem es doch niemals an dem Steuer der Besonnenheit und des tTaktes gebrach, die Führung behaupteten. Gerade die heutige Feier in diesem Kreise bietet zu einer solchen Würdigung den natürlichen Anlaß. Denn die Aufgabe unserer Lehranstalt dürfte sich alä der Schwerpunkt in der gesamten Wirksamkeit unseres Freundes zumal in der zweiten Hälfte seines Lebens nachweisen lassen. Alle anderen Richtungen, in denen er für die Allgemeinheit, wie für das Judentum gewirkt hat, haben hier ihren Mittelpunkt. Wenn wir daher verstehen, was sein Ideal für die Lehranstalt war, und mit welchen Mitteln und Anforderungen er dieses Ideal der Verwirklichung näherzubringen strebte, so lernen wir damit am besten seine gesamte Arbeit für das Judentum, nicht minder vielleicht aber auch für die allgemeine Kultur verstehen. Und wenn es ferner uns gelingen könnte, die ganze Entfaltung dieser eigentümlichen modernen Religiosität in einen einheitlichen Zusammenhang zu bringen, so würde der Schein eines inneren Widerspruchs, der an der Religiosität des modernen Juden haftet, sich ebenso zerstreuen, wie das allgemein anerkannte Bild dieser starken, festen, unbeugsam starren Persönlichkeit dadurch vielmehr in die Harmonie eines einheitlichen, klaren, schlichten, gleichförmigen Geistes und Willens sich auflösen würde. Lebendige Kraft ist es überall, was in diesem Leben waltet; die Starrheit ist ebenso falscher Schein, wie die Rückständigkeit blödes Vorurteil ist, und wie anderseits die sachliche Sprödigkeit nur der Selbstschutz des überquellenden Gemütes war. Zwei Gedanken leiteten den langjährigen Leiter dieser Anstalt. Zuerst sollte sie eine Pflanzstätte sein für die Wissenschaft des Judentums, mithin zunächst und zuvörderst für die Wissenschaft. Man hat uns den Titel einer Hochschule nicht gegönnt. Eine solche darf es für die Musik geben, als einen Zweig der Künste, nicht aber für das Judentum, die Wurzel der Religion. Dennoch haben wir den sonst üblichen Namen eines Rabbinerseminars oder eines jüdisch-theologischen Seminars für die Hochschule nicht übernommen. Bei jeder Gelegenheit hat unser Neumann mit aller seiner Klarheit und Festigkeit sich dagegen ge-. wehrt, daß die Aufgaben der Lehranstalt in die eines Rabbinerseminars aufgehen sollten. Die Wissenschaft in aller ihrer Freiheit, mit allen ihren Gefahren, ihren Voraussetzungen und Bedingtheiten, die Wissenschaft immerhin, sie sollte allerwege das führende Prinzip bleiben. Nicht das Judentum darf der Wissenschaft Vorschriften machen, sondern die Wissenschaft soll dem Judentum das geschichtliche Verständnis ergründen, und die fernere Wirksamkeit bahnen. Da gibt es keine Einschränkung und keine Reserve aus irgendwelcher angeblichen Räson der Vorsehung; und für keinen Vorwand und für keine Bedenklichkeit in dieser Hinsicht hatte Neumann Schonung und Nachsicht. Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei, das war auch der erste Grundsatz in der Lehrverfassung seines Judentums, und so strebte er, es zum Fundament der Lehranstalt festzulegen und auszubauen. Diese Grundbedingung des modernen Geistes war der Grundzug seiner gesamten Lebensführung und Lebenstätigkeit. Da war es nun ein wichtiges Instrument der modernen Methodik, das seinen Sinn für wissenschaftliche Strenge anzog. Die Statistik ist die angewandte Mathematik. Und wie die Mathematik das methodische Fundament der Naturwissenschaft bildet, so wohnt der Statistik eine methodische Bedeutung bei für die Kulturgeschichte. Jn früher-Jugend schon erkannte Neumann die Bedeutung der Statistik für sein Berufsfach; er suchte alsbald sie für die Medizin fruchtbar zu machen. Es war im letzten Grunde sein Sinn, sein Gewissen für wissenschaftliche Strenge, Genauigkeit, Klarheit, Sicherheit, das ihn zur Medizinalstatistik hinlenkte. Denn Gründlichkeit und Klarheit sind die Leitsterne seines Denkens überall; daher sind sie auch die Prüfsteine, vor denen er seinen Stil entwickelte. Da fehlt alles Blendwerk, beinahe auch alles Beiwerk. So viel er selbst in der lebendigen freien Rede Abschweifungen wagte, so mußte doch eine jede solche Digression auf das Ziel hinführen, das er sicher im Auge behielt. Und in dem schriftlichen Wort bekundet sich beinahe mehr noch, als es in seiner persönlichen Erscheinung schon offenbar wurde, die höhere Anläge seines geistigen Wesens, sein Beruf für eine geistige Hohe und Bedeutsamkeit. Mit diesem methodischen Instinkte, der ihn zur Medizinalstatistik hintrieb, verband sich aber der Grundaffekt seiner Natur: sein Mitgefühl für das Leiden, und für die soziale Quelle des Leidens, für die Armut. So war er einer der ersten, die den sozialen Charakter der Medizin erkannten. Tief und klar formulierte er 1847 die Aufgabe der Medizin, eine soziale Wissenschaft zu werden. Und wie er in der Statistik die theoretische Methode der Wissenschaft zu handhaben erlernte, sodaß er es zu anerkannter Meisterschaft darin brachte, so wandte er diese methodische Einsicht alsbald auf die soziale Praxis an, Und wie er einerseits sonach der allgemeinen strengen Wissenschaft sich befleißigte, so richtete er seine ganze jugendliche Kraft auf die allgemeinen sozialen Aufgaben des Staates, und der Kommune. Ein intimer Zug in seiner Lebensführung darf hier nicht im Dunkel bleiben. Wenn der moderne Mensch buchstäblicher und mächtiger als Aristoteles es denken konnte, ein „politisches Lebewesen4 * ist, so trifft dieser Ausdruck in eminenter Weise auf unsern Neumann zu. Niemals aber hat er meines Wissens danach gestrebt, oder auch nur daran gedacht, etwa Abgeordneter zu werden: Stadtverordneter ist er in jener Zeit geworden, als der Plan der sozialen Medizin in ihm mächtig wurde, und Stadtverordneter ist er geblieben, und wollte er bleiben, solange seine letzten Kräfte es möglich machten. Hätte er in seiner pommerschen Vaterstadt Pyritz seine Lebensarbeit vollführt, wahrlich, er hätte auch dort vor allem unter den Mitbürgern seiner Vaterstadt wirken und schaffen mögen. War das etwa Partikularismus in ihm? War es etwa ein einseitiger tTrotz* der der modernen Sucht nach Einfluß und Machterweiterung und Verbreiterung des Arbeitsgebietes gegenüber die geschlossenere Enge sucht, in der sich die Aufgaben vereinfachen, und vor allem präziser disponieren lassen? Es mag wohl in dieser vornehmen Natur eine solche Zuneigung auf das klar Übersehbare, auf die unmittelbare Pflicht und die Möglichkeit ihrer redlichen Erfüllung mitgewirkt haben; ausschlagebend aber war doch die ethische Grundkraft seines Wesens. Den Armen muß geholfen werden. Auch hier ist die Meisterschaft seines Wesens unverkennbar. Der Theorie des Sozialismus gegenüber hielt er sich immer auf der Höhe der Selbstbeschränkung; und obwohl nächste Freunde ihn in dieser Frage mit ihrer Weisheit überschütteten, so blieb er unerschütterlich fest bei seiner Fassung der politischen Aufgabe, als einer sozialen, wie der sozialen, als einer politischen. Freisinn bedeutete ihm den Stolz bürgerlicher Unabhängigkeit und Selbständigkeit, den Stolz der Bürgerpflicht, der selbstverantwortlichen Bürgertugend. Ein jeder walte an seiner Stelle im Staate seines Amtes und seiner Pflicht. Das Amt des Bürgers im Staate ist es, für seine geistige und sittliche Unabhängigkeit, Selbständigkeit und Vollbürtigkeit unablässig Sorge zu tragen. Nicht von oben her sind die Normen zu erwarten für die politische Arbeit des Bürgers, sondern aus dem Jdeal der allgemeinen Freiheit sind sie herzuleiten, der Freiheit aller, der Freiheit eines jeden Bürgers. Der Staat muß ein Staat von Jndividuen werden. Das ist die bürgerliche Ansicht vom Staate in der idealen Auffassung unseres Freundes. Aber in diese bürgerliche Auffassung von dem Werte des Individuums für den Begriff des Staates verflocht er unabtrennlich die soziale Einsicht von der Bedingtheit des Individuums durch das geschichtliche Milieu. So führte unsern Neumann sein Grundgedanke von der sozialen Medizin auf seine Weise zur sozialen Politik. Und seine Leistungen und Schöpfungen für die hiesigen sanitären Maßnahmen bilden, wie von berufenen Seiten mehrfach bezeugt wurde, ein wichtiges Kapitel in den Annalen der Stadtverwaltung von Berlin. An diesem Mittelpunkt seiner allgemeinen Kulturarbeit stehen wir nun aber wieder vor dem anderen Strahle seines Wesens. Wir waren von seinem ersten Grundsätze für die Lehranstalt ausgegangen, hatten diesen in dem strengen Sinn für die Freiheit der Wissenschaft erkannt, Und hatten sodann diese Begeisterung für die freie Wissenschaft in seinen wissenschaftlichen Arbeiten als Statistiker betätigt gefunden;