Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1909)
- Article
- Der Verkauf Josefs [Illustration]
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 17 - 18 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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17 18 RAF AEL SCHULE. VATIKAN. Der Verkauf Josefs. RAFAELSCHULE. Josef erzählt seine Träume. VATIKAN. DIE JOSEFSGESCHICHTE IN DER BILDENDEN KUNST. Von G. Kutna*) Nachdruck verboten. L Die Geschichte Josefs nimmt stilistisch und inhaltlich eine Sonderstellung unter den Erzählungen der Genesis ein. Sie hat nicht die Plastik und genuine Kraft der Geschichte der drei ersten Patriarchen, und es fehlt ihr die zentrale Gebundenheit, die jene so festumrissen gegenständlich erscheinen lässt. Sie ist mehr durchsichtig in der Betonung des Seelischen, von Bewusstheit durchzogen, mehr literarisch gefühlt als volksdichterisch geschaut. Abraham ist wie aus dem Leben herausgemeisselt, wurzelhaft in der Realität; Josefs Leben*geschiente ist eine Novelle, geklärt in der Form, stilgemäss versponnen und bedacht in den Kunstniitteln. Sie ist spannend und rührend, auf Stimmungs werte gestaltet und von geheimer Steigerung in den Pausen, die kunstvoll die Ereignisse verknüpfen, indes der Erzähler Atem holt und der Hörer zu neuem Lauschen innehält. Die Materie ist so behandelt, dass die Seele ergriffen und der Geschmack entzückt werde. Die sachliche Struktur der Ereignisse ist in ein Zwielicht von Gemütsreflexen ge>etzt, der Fortgang der Handlung ist rhythmisch abgetönt, Dramatik und Tragik fügen sich dem Wohllaut. Daher bekommen die Gestalten ein mehr episch geformtes, kulturideelles Gepräge, und Josef selbst gewinnt den Charakter eines Ideals, im Gegensatz zu den früheren Patriarchen, bei denen trotz der stam nesgeschiehtlichen Verherrlichung die sinnfällig greifbare Existenz vorwiegend bleibt. Sie sind in allen Formen ihres Daseins Menschen schlechthin, Josef ist der Auserwählte, der Leidende, der Edelmütige, die ideale Persönlichkeit. An literarischer Reife steht die Erzählung über den anderen, an poetischer Kraft steht sie ihnen nach. Die poetische Kraft aber ist es, was der künstlerischen Nachbildung Gehalt gibt; die Josefsgeschichte übermittelt ihr nicht Intensität genug, um dem nachbildenden Schäften die Wirkung einer Neuschöpfung zu geben. Der rein künstlerische We. t wird dadurch nicht beeinträchtigt, die malerische oder bildnerische *) Siehe „Ost und West" Heft 8/9, Jahrg. VIIL Behandlung kann von hoher Vollendung sein; aber es kommt nicht zu jener Einheit von stofflichem und künstlerischem Inhalt, die den Eindruck allseitiger Fülle hervorbringt und Geist und Sinne gleichmässig befriedigt. Auch in der Literatur ist dies bei Behandlung des Themas zu beobachten. Bei der novellistischen Ausführlichkeit der Bibel bleibt den Nachdichtungen nichts zur Ausgestaltung, sie spinnen daher Einzelnes zu neuen Anekdoten aus und variieren die Gliederung der Handlung durch frei erfundene Zutaten. So dichten die Kirchenfestspiele eine Szene hinzu, in der Josef das zärtliche Beisammensein von Rüben und Bilha belauscht, dies dem Vater verrät und sich dadurch den Hass des ältesten Bruders zuzieht. Ais treibende Kraft erweist sich aber bei den folgenden Ereignissen — als Prototyp d»-s Judasverrats — Juda (in der Oper Mehuls „Jo^ef in Aegypten" ist willkürlich Simeon als der Hauptschuldige angenommen), Josef, der vom Vater geliebt wird, in die Grube fährt, verraten wird, seinen sündigen Brüdern Rettung bringt, wird nach dem von Isidor von Sevilla ausgearbeiteten Schema als das christologi>che Vorbild hingestellt, und das ganze Drama ist danach ausgestaltet: Gott verspricht den Engeln in Josef ein Vorbild der Passion, nachdem es seit Isak kein°s gegeben habe; das Mitleid bittet für ihn, die Gerechtigkeit fordert die in der Schrift ausgesprochene Präfiguration. Josef wird also mit grosser Leidenschaft gefangen, verspottet („ave rabi, ave seigneur"), geschlagen, an die Säule gebunden und verkauft; wie es im Altaraufsatz von Klosterneuburg, im Heilsspiegel, in der Armenbibel u. a. auch verbildlicht vorliegt. Der literarische Charakter der Josefsgeschichte bedingt es, dass sie in der bildenden Kunst, auch in der Renaissance und später, häufig in zyklischer Form dargestellt wird. Der früheste dieser Zyklen, die Wiener Genesis hat einzelne Züge, in denen die nachwirkende Antike und die fabulierende Naivität, die sie auszeichnen, besonders deutlich hervortreten. Dem schlafenden Knaben erscheint Helios, gemmen-