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Ost und West · 1908-12-01 · Heft 12 (Dezember 1908) · p. Seite 763 - 764

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 12 (Dezember 1908)
Article
Gustav Karpeles
Date
1908-12-01
Page
Seite 763 - 764 (sequence 1)
Language
German
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763 76d GUSTAV KARPELES. Zu seinem 60. Geburtstage am 11. November 190S. (Mit Porträt.) Von Josef Lin. Nachdruck verboten. Mit der jüdischen Kulturgeschichte wie mit der allgemeinen Literaturforschung ist der Name Gustav Karpeles eng verknüpft. Hierin zeigt sich die Grundrichtung seiner schaffenden Persönlichkeit: die Synthese des Judentums mit der Menschheitskultur. Karpeles ist der erste Jude, der eine allgemeine Geschichte der Literatur geschrieben hat, und er hat auch die erste Geschichte der jüdischen Literatur verfasst. Sieben Jahre hat er an diesem grundlegenden Werke gearbeitet. Und das ist bei der Grösse und der Schwierigkeit der Aufgabe eine sehr erfolgreiche Leistung. Nur sichere Beherrschung des so verschiedenartig gestalteten, mit mannigfachen sozialen, politischen und religiösen Einwirkungen verschlungenen Stoffes, klarer und scharfer Blick für die komplizierten und wandlungsreiehen Zusammenhänge der verschiedenen Epochen, und liebevolle Hingebung an die zu bearbeitende Materie konnten eine derartige Aufgabe bewältigen. Die jüdische Literaturentwickelung ist wechselvoller und mannigfaltiger als die irgend eines anderen Volkes. Sie erstreckt sich auf fast alle Kulturländer des Orients und des Okzidents, umfasst einen Zeitraum von über drei Jahrtausenden und ist von vielen anderen Kulturen beeiüfliisst. Diese Berührungen undEinflüsse, das historische Verhältnis des Judentums zu den Geistesproduktionen anderer Nationen hat Karpeles mit klarer Anschaulichkeit und O bjektivität beleuchtet und dargestellt. Durch seine „Geschichte der jüdischen Literatur" und durch seine „Zionsharfe", die Perlen der jüdischen Dichtung enthält, hat er der gebildeten Welt die geistigen Schätze unseres Volkes nähergebracht. Mit besonderer Liebe und seltenem Eifer hat er sich auch der Aufgabe gewidmet, die so viel verkannte und angefeindete dichterische und persönliche Gestalt Heines in klares Licht zu setzen. Seine Werke „Heinrich Heine" (1870), „Heinrich Heine's Werke" (Volksausgabe und kritische Ausgabe), Dr. Gustav Karpeles. „Heinrich Heine und seine Zeitgenossen" (1885), „Heinrich Heine's Autobiographie" (1887), „Heinrich Heine und der Rabbi von Bacbrach" (1895), „Neues aus dem Leben H. Heine's" und seine zahlreichen Heine-Studien in verschiedenen grossen Journalen sind grundlegend für die Erfassung der tragischsten Dichterpersönlichkeit der Neuzeit geworden. Karpeles ist es nicht nur gelungen, in die seelischen Konflikte des Poeten mit scharfem analytischen Kritikerblick einzudringen, sondern auch eine Fülle unbekannten wichtigen Materials aus dem Leben und Schaffen des Dichters ans Tageslicht zu fördern. Karpeles vereinigt in sich die Fähigkeit für gewissenhafte und gründliche Spezialstudien mit dem klaren Gesamtüberblick über das Ganze. Die Detailforschung begrenzt nicht seine umfassenden literarischen Wertungen. Durch kritische Beleuchtung der Zusammenhänge und Wirkungen erhebt er das Tatsachenmaterial zu Dokumenten für die Erkenntnis der Schaffenden und ihrer Schöpfungen. Zu dieser Erkenntnis trägt Karpeles nicht blos durch seine fruchtbare schriftstellerische Tätigkeit bei. Er ist Theoretiker und Praktiker, Forscher und Organisator. Von den Archiventritt er in das grosse Leben ein. Er wurde ein Vermittler zwischen den Schätzen des Judentums und der Geistesdirektive der deutschen Judenheit. Die Schaffung des „Verbandes der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur", dem über zweihundert Zweig vereine im ganzen Reich angehören, ist ein grosses Verdienst Gustav Karpeles', der mit unermüdlichem Eifer und durch die Macht seiner Beredsamkeit in allen Teilen der deutschen Judenheit Interesse und Begeisterung für die grosse jüdische Geschichte und Literatur entfacht. Möge uns sein erfolg- und segensreiches Wirken noch viele, viele Jahre in ungeminderter bleiben! — Frische und Bedeutsamkeit erhalten

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