Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1908)
- Article
- Das Erwachen
- Date
- 1908-12-01
- Page
- Seite 749 - 750 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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749 750 Von David Piriskv. DAS ERWACHEN. (Dem Jüdisch-deutschen nachgebildet von Theodor Zlocisti.) Nachdruck verboten. Leibke war ein guter Talmudschüler, der das Leben noch nicht kannte. Siebzehn Jahre war er schon alt und doch noch ein Fremder in der Welt. Denn die festen Deckel des Folianten bargen sein Leben und seine Welt. Seine Seele schwebte in der altersgrauen Vergangenheit und verklungener Rede lauschte sein Ohr. Sein Herz schlug mit dem Herzschlag der alten Weisen. Sein Studium allein war der Inhalt seiner Ge.-präche. Aufregen konnte ihn nur die Debatte über eine schwere Talmudstelle. Scharfsinn und Phantasie hatte er auch. Aber sein Scharfsinn galt allein harten und herben Fragen, und seine Phantasie spann und wob nur den Faden der alten Hagadah. Wurde er müde des ewigen Grübelns und Deutens und lechzte seine Seele nach dem Frieden eines Wiegenliedes, dann pflegte er hineinzublicken in die alten JOSEF RONA. Kossuth-Denkmal in Szegedin. Mären des Midrasch, und er las sie in einem neuen Singsang und mit andrer Stimme. Seine Seele bangte nach der alten Vergangenheit und der grossen Zukunft. Er bangte nach Wundern und nach Schönheit. Dann kam es wohl, dass er sich niederlegte oder sich an ein Kissen lehnte, sich durchs Haar fuhr und, die Klappe seines Rockes festhaltend, hineinstarrte in die weite, weite Welt. Bilder traten ihm vor die Seele, Träume seiner reichen, bangenden Seele, Bilder der Vergangenheit, Bilder der Zukunft. Er erträumte sich die Zeit, da er noch nicht geboren war. Im Himmel droben, im Dufte des Paradieses sitzt seine Seele. Sie lernt die Thora mit Gott. Um einen grossen runden Tisch sitzen die höchsten und göttlichsten Seelen, die Lehrer des Talmud, die grössten Tanaim, Amoraim und Gaonim, und Gott obenan, Möschen zu seiner rechten Seite und der Engel Sandalfon hinter Gott, und sie lernen Thora. Auch seine Seele ist unter ihnen und zeichnet sich aus; denn sie findet Feinheiten, die alle entzücken. Gott ist mit ihr zufrieden und alle haben sie lieb. Sie sitzt an irgend einer Ecke des Tisches. Aber alle verlangen, dass sie obenan sitzen muss und wahrlich auf Gottes Schoss . . . Sein Herz schlägt so laut und möchte zerfliessen in seiner Wonne und all dem grossen Bangec Und nun fängt seine Seele wieder an zu lernen mit einem wilden, verzehrenden Feuer: die höchste Stufe will sie erreichen, ehe sie geboren wird. Ein anderes Traumgesicht: Sein Geist schwebt in die altersgraue Zeit des jüdischen Volkes z irück. Er lebte in ihr. In jedem Geschlecht der alten Zeit lebte er. Er war jedes grossen Mannes in Israel Freund und Vertrauter. Kein frohes Ereignis gab es in Israel, aber auch kein Unheil, das Leibke nicht miterlebt hätte. Aber der grösste Held war immer in Träumen und Dichten Möschen, der uns die Lehre gab. Leibke war Möschens Diener, ein zweiter Josua. Und noch m<'hr! Er ist. wie ein Kind Möschens, ein Teil von ihm, ein Funke seiner flammenden Seele. — Der Arbeit ist viel. Möschen BUDAPEST.