Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 11 (November 1908)
- Article
- Tolstoj und die Juden
- Date
- 1908-11-01
- Page
- Seite 677 - 678 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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677 678 „TOLSTOJ UND DIE JUDEN". Von P. Barchan. Nachdruck verboten. Was denkt Tolstoj über uns? Er muß doch über uns etwas denken! Es muß doch einmal ausgesprochen werden, also sei es bei dieser Gelegenheit; es muß doch von jemand ausgesprochen werden, also sei es von mir. Es gehört zu den Eigenheiten der Juden, nach allen Seiten zu schielen, zu horchen, was man über sie denkt, was man über sie sagt. Tolstoj ist unzählige Male bestürmt worden, er möge sich über die Judenfrage äußern, obwohl er sich doch mit nationalen und Rassenfragen garnicht beschäftigt. Irgendwo wird schon sicherlich an dem grundlegenden Werk gearbeitet „Tolstoj und die Juden". Daten, Zitate, Briefe, Kommentare, Interviews, Äußerungen, Schlüsse, Vermutungen. . . . Man erwartet es von einer jeden Persönlichkeit, daß sie zu den Juden Stellung nimmt; man befragt sie über die Juden, wie man sie eine Zeitlang über die Frauenemanzipation befragt hat; und für eine gute Meinung quittiert man dankend. Ich wundere mich, daß bisher das Thema noch nicht erörtert ist: ,,Graf Zeppelin und die Juden", „Der Hauptmann von Köpenick und die Juden" oder wer gerade am Ruder ist. . . . Zum Kuckuck, haben wir es denn wirklich so nötig, daß nach einem Kischinew und Bjalystok Tolstoj und Gorki ihren Senf dazu geben, daß es eine Gemeinheit ist, wenn unschuldige Kinder, Knaben, Männer, Greise abgeschlachtet werden! Der echte, wahre Schmerzensschrei bei einem Pogrom kommt doch nur aus eines Juden Brust. Alles andere sind Kondolenzbesuche. Kennen wir. Wir danken. Zum Kuckuck noch einmal, sage ich, wir sind doch unter uns, gestehen wir es: Die Philosemiten sind ebenso unangenehm wie die Antisemiten. Ich weiss nicht, ob wir mit unseren Feinden fertig werden; aber wir möchten schon vor unseren „Freunden" auch verschont bleiben. Denn eine Rasse hat es garnicht nötig, daß man sie liebt; ihre Existenz spricht für sie. Man braucht uns nicht zu lieben — respektiert wollen wir sein! Wenn eine Rasse geliebt wird, dann heißt das so viel wie: man rechnet nicht mit ihr. Wir aber wollen unsere Menschenrechte. Wir sind nicht schlimmer als Tataren und Serben. Nun, Tolstoj fühlt und denkt über die Juden so, wie jeder anständige und zivilisierte Mensch über die Juden fühlen und denken soll. Er fühlt: „ich bin russischer Aristokrat und russischer Bauer. Und ich mag die Juden nicht." Er denkt und spricht — und das sind bei Tolstoj Taten — „die Juden sind meine Brüder, und ich finde es empörend, wenn man ihre unantastbaren Menschenrechte schmälert, und eine Niedertracht, wenn man sie mordet." Genau so fühlte und dachte ein anderer wahrer Aristokrat, der feine Anton Tschechow, Sohn eines Leibeigenen. Ganz anders faßte die Juden einer an, der diese beiden an Genie hoch überragte, der aber kein Aristokrat war — Dostojewski. „Wahrheit und Gerechtigkeit, das sind die wahren Stützen der Gesellschaft", sagt der Lebenslehrer Ibsen. Tolstoj drückt dasselbe aus, durch die Formel: „du sollst deinen Nächsten lieben." „Lieben sollen" heißt dasselbe wie gut und gerecht sein. Nur ein bischen von dieser Güte, von dieser Abgeklärtheit, die man Weisheit nennt — und das Leben wird um so vieles einfacher, durchsichtiger, schöner, und man käme erträglich mit einander aus. Die Juden haben viel dazu beigetragen, die W7eisheit in die Welt zu setzen. „Wie die Juden zu Tolstoj stehen", ist eine noch weniger welterschütternde Frage und kann daher kurz beantwortet werden. Die Juden verehren und lieben Tolstoj, sie verstehen ihn auch und sind auf ihn nicht weniger stolz als das übrige arische Russland auf Antokolski, Lewitan, Rubinstein . . . Den Künstler, den Slawen und den Christen Tolstoj hat der Jude Akim Wolynski, der Dostojewskiforscher, verstanden, wie sehr, sehr, sehr wenige der arisch-russischen Kritiker. Lew Pasternak hat eins der besten Bilder Tolstojs gemalt (das hübsche, interessante, in Gelb getauchte, verschwommene Familienbild aus Jasnaja Poljana,, das im Museum Alexanders III. hängt). Aronson aus der Schule Rodins hat die beste,, nicht ganz ähnliche, stilisierte Tolstojbüste gemacht. Daß sonst noch eine Armee jüdischer Publizisten und Literatlirmakler die Makulatur der immensen Tolstoj-Literatur um ein beträchtliches vermehrt, braucht nicht mit besonderem Stolz hervorgehoben zu werden. Der eine und der andere Jude, der ungefähr weiss, wie ein wahrer Jude aussieht, wird sagen: „Der Ethiker Tolstoj hätte ebensogut Jude sein können." Und er wird recht haben. —