Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1908-10-01 · Heft 10 (Oktober 1908) · p. Seite 641 - 642

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 10 (Oktober 1908)
Article
Neue Alliance-Schule in Udschda
Date
1908-10-01
Page
Seite 641 - 642 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2583875-2583967-2583977-2598712--08747-2598788
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

641 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Neue Alliance-Schule in Udschda. 642 der alten patriarchalischen Beziehungen, machten ihre Lage unsicher und beschleunigten ihre Umsiedelung. Sie ließen sich nicht in einem geschlossenen Mellah nieder, sondern nahmen gruppenweise unter den Muselmanen Wohnung. Das war sehr wohlgetan. Mehr als einmal waren es die guten nachbarlichen Beziehungen zu den mohammedanischen Familien, die von ihnen bei Aufständen und kriegerischen Ereignissen Plünderung und Totschlag fernhielt. Ihr städtischer Aufenthalt änderte wenig an ihren Lebensgewohnheiten. Ein Stück Land, von niedriger Mauer umgeben, mit drei oder vier kleinen Gemächern von primitivster Einrichtung, mit gestampftem Fußboden und ohne Fenster; ein freigelassener Raum, mit einer Senkgrube versehen, als Stall, als Küche und als Bequemlichkeitsort dienend — das war die Hauseinrichtung in den Dörfern, das blieb die Hauseinrichtung in Udschda. Die Zimmer sind ohne Möbel. Selten findet man darin eine Matte oder ein Strohgeflecht; dagegen Säcke mit Getreide, Gerste, Kohle, das unentbehrlichste Hausgerät, nichts, was man nicht auch in dem Zelt eines Beduinen oder eines Bergbewohners fände. Eine Ausnahme bildet einzig die Nähmaschine, die viele Jüdinnen für ihre Leinenarbeiten sich angeschafft haben. Der Reisende, der in Oran den so ausdrucksvollen und anziehenden Typ des nordmarokkanischen Juden bewundern will, erfährt hier eine Enttäuschung. Die Rasse ht durch die vielfachen Kreuzungen und durch ungünstige Existenzbedingungen verhäßlicht worden. Das lange und magere Gesicht, die krankhafte Gesichtsfarbe, der ungepflegte Bart, der grobgeschlungene Turban, der jeder Eleganz entbehrende Burnus geben den Männern das Aussehen armer Bauern. Die Frauen sind in Gewänder von weißem Stoff gehüllt, die von einem Gürtel eingeschnürt und an den Schultern durch Schleifen festgehalten wrerden. Die sehr weiten Ärmel enthüllen bei der geringsten Bewegung die Arme und einen Teil der Büste. Der Kopf ist mit Seidentüchern geschmückt. Die Füße sind immer nackt. Das ist die einfache, aber durchaus nicht reizlose Tracht der berberischen Frauen, die imverschleiert, frei umhergehen, im glücklichen Gegensatz zu den muselmanischen Frauen der Stadt, die in ihre Gemächer streng eingeschlossen sind. Cölibatäre gibt es in Udschda nicht. Man heiratet jung; mit fünfzehn Jahren müssen Knaben und Mädchen ihren Hausstand haben. Das Mädchen, das jenseits dieser Altersgrenze noch unverehelicht wäre, würde als tief unglücklich angesehen werden. Wie bei den Muselmanen „kauft" der Mann die Frau. Er ist es, der sie ausstattet. Zwischen 150 und 300 Francs, Ohrgehänge. Schulter- Agraffen, Armbänder, Fußringe, gestickte Gürtel — das ist die Mitgift, die in Familien mittleren Vermögens der Mann der Frau bringt. Zwischen Verlobung und Hochzeit liegen oft Monate. Nach der ersten Zusammenkunft vereinbaren die Eltern den Wert der der Braut zu machenden Geschenke und die Zeit der Übergabe. —Die „Ketuba", der Ehekontrakt, ist nicht nach der Formel abgefaßt, die bei den Abkömmlingen der spanischen Flüchtlinge gebräuchlich ist und Gütergemeinschaft unter den Eheleuten feststellt, sondern schließt nach der Sitte der arabischen oder arabisierten Juden die Gütergemeinschaft aus. Die wirtschaftliche Lage der schlecht genährten und wenig fleischverzehrenden Bevölkerung ist sehr bescheiden. Gerstenbrot und Früchte bilden die hauptsächlichen Nahrungsmittel. Der Brotteig wird im Haus angerichtet; Frauen tragen ihn auf Brettern zu dem Gemeinde-Backofen. Den meisten Familien gehören die Häuser, in denen sie wohnen. Sorge um Mietszins kennt man nicht. Die verbreitetste Beschäftigung ist die Hausiertätigkeit. Selten ein kleiner Hof, in dem man nicht Esel oder Maultiere sieht, die die Waren aufs Land zu tragen bestimmt sind. Vermögen über 5000 oder 6000 Francs gibt es nicht. Die Reichsten halten Weberwaren- und Drogerie-Läden. Schuhflicker sind sehr zahlreich. Die bestsituierten unter ihnen haben Krambuden, die anderen betreiben ihr Gewerbe im Sonnenbrand. Die Frauen sind sehr rührig. Sie beschäftigen sich hauptsächlich mit Leinenfabrikation und verdienen damit 2 bis 3 Francs täglich. Nach der wirtschaftlichen Seite hat die Niederlassung in Udschda den Israeliten keinen merklichen Fortschritt gebracht; in politischer Hinsicht haben sie nur Heimsuchungen davongetragen. Die räuberischen Häuptlinge warfen sie ins Gefängnis und legten ihnen willkürliche Steuern auf. Alle Augenblicke drangen freche Muselmanen in die israelitischen Häuser, verlangten Gerste und was ihnen sonst ins Auge* fiel. Als im Jahre 1844, nach der Schlacht von Isly, die besiegte marokkanische Armee sich nach Westen zurückgezogen hatte und die französischen Truppen wieder nach Algier zurückgekehrt waren, blieb Udschda in Anarchie. Plündernde Beduinenbanden eilten herbei. Die Juden, einzig von dem eingebornen Notablen Abdullah ben Jakub und etwa 20 Muselmanen unterstützt, befestigten sich in der Kasbah und verteidigten sich tapfer. Sie legten die WTaffen erst nieder, als die ordnungsmäßigen Behörden sich an den Toren zeigten Später legte eine französische Expedition allen Einwohnern von Udschda eine Kriegskontribution auf. Die Juden mußten alles hergeben, selbst das Transportvieh, das ihren Lebensunterhalt ausmachte. Im Jahre 1903 wurde Udschda von Bu Amara geschätzt. Die Juden mußten an einem Tag 4000 Brote und große Mengen Zucker, Tee usw. liefern. Demütigende Bestimmungen wurden gegen sie erlassen, deren Beseitigung sie mit schwerem Geld zu erkaufen hatten. Mit der französischen Okkupation von 1906 hörte das auf. Seit diesem Zeitpunkt leben sie in voller Sicherheit und haben sie die Hoffnung, sich aus ihrem Elend emporzuarbeiten. Die Städte von Oran, friedlich und gedeihend unter der französischen Herrschaft, mußten auf diese arme und gedrückte Bevölkerung eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausüben. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts machte sich eine bedeutende Auswanderungsbewegung bemerklich. Sehr zahlreiche Familien zogen nach Marnia, Temuschent, Tiengen und selbst nach Oran. Der Bestand der Gemeinde von Udschda ging auf weniger als die Hälfte zurück, es blieben nur 1000—1200 Seelen. Die nach Algier Abgewanderten haben dort festen Aufenthalt genommen, haben Bildung und Vermögen gewonnen, haben sich zu französieren begonnen, dank dem Gesetz von 1889. Der Muttergemeinde ist hiervon nichts zugute gekommen. Diese hat im Gegenteil mehr und mehr ihre kräftigsten, unternehmendsten Mitglieder verloren und ist in jedem Betracht schwächer und ärmer geworden. Da der Tauschverkehr nach dem französischen Gebiet nur unbedeutend ist, blieb Udschda gleichsam in der Luft, hatte es weder an der Entwicklung teil, die sich nach der Seite des atlantischen Meeres bemerkbar machte, noch an der eifrigen Tätigkeit, die sich in Algier entfaltete. Das Ergebnis war eine Apathie, eine intellektuelle Gleichgültigkeit, von der man sich kaum einen Begriff machen kann. Gegenüber dieser armen Stadt scheint Fez ein Mittelpunkt hoher Kultur. Die Organisation einer solchen Gemeinde kann nur sehr oberflächlich sein: Ein Rabbi zur Schlichtung von Rechtsstreitigkeiten, ein vom Kaid eingesetzter und mit der Ausübung der Polizei betrauter Scheich bildeten vordem das ganze leitende Personal. Nach der französischen Okkupation hat Herr Destailleurs, der Gouvernements-Kommissar, die Einrichtung einer Art Konsistorialkomitees verlangt, dessen Verwaltung er selbst beaufsichtigte. Seit langer Zeit besaß die Gemeinde das Monopol des Anisette-Verschleißes. Dieser Likör wurde in einer einzigen Verkaufsstelle auf Gemeinderechnung feilgehalten. Die französische Regierung hat das Monopol bestätigt, um der Gemeinde daraus Mittel zuzuführen, die ihr die Schaffung von zivilisierenden Einrichtungen gestatten. Dank der Voraussicht des Herrn Destailleurs sind bereits 1000 Francs für eine Schule zurückgelegt. Die jährliche Einnahme aus dem Monopol kann über 2000 Francs betragen. Die Beibehaltung des Monopols wird aber schwer sein. Es kommen immer mehr Algerier nach Udschda und verlangen im Namen der Handelsfreiheit die Erlaubnis zur Eröffnung von Verkaufsstellen. Der Regierungskommissar leistet Widerstand, zugunsten der alten Ortsbestimmungen und wird vielleicht den bestehenden Zustand noch eine Weile erhalten. Eine Steuer von 2 Francs für das Rind und 1 Francs für den Hammel ist theoretisch auf das Koscher-Fleisch gelegt. Würde sie gezahlt, so brächte sie über 2000 Francs jährlich. Bedauerlicherweise hindern aber allerhand läppische Streitigkeiten die ordnungsmäßige Entrichtung der Abgabe. Mit der Sicherheit, die ein Ergebnis der französischen Okku-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.