Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1908)
- Article
- Sanitätsrat Dr. Neumann
- Date
- 1908-10-01
- Page
- Seite 627 - 628 (sequence 1)
- Language
- German
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627 628 SANITAETSRAT DR. NEUMANN. In der Nacht zum 21. September ist Sanitätsrat Dr. Neumann, Mitglied des Central-Comites und Ehrenpräsident des Lokal-Comites Berlin der Alliance Israelite Universelle, gestorben. Am 22. Oktober 1819 geboren, hat er ein Alter von fast 89 Jahren erreicht. Ein hervorragender Arzt, hat er mit Virchow und anderen dazu beigetragen, der Reichshauptstadt Berlin vorbildliche sanitäre und hygienische Einrichtungen zu schaffen. Ein hervorragender Statistiker, hat er jederzeit die Weisheit der Zahlen in den Dienst der Wahrheit gestellt. Ein hervorragender Jude, hat er der Juden Leid und der Juden Stolz gefühlt, jenes mildern, diesen stärken helfen. Sein Rat wurde gesucht und er gab ihn wahrhaft, treu, furchtlos. So kam er zur Alliance und die Alliance kam zu ihm. Er ist ihr ergebener Diener gewesen bis zuletzt. Denn bis in die Tage hinein, da schon die Schatten des Todes ihn zu berühren begannen, hat er mit teilnehmender Seele die Taten der Alliance begleitet und an dem Aufschwung der Alliance in Deutschland herzliche Freude gehabt. Bis Ende 1905 war Sanitätsrat Dr. Neumann aktiv an der Leitung der Alliance und ihres Berliner Lokal-Comites beteiligt. Er erklärte, daß die Last der Jahre es ihm wünschenswert mache, sich durch jüngere Kräfte ablösen zu lassen. Das Lokal-Comite übertrug ihm die Ehrenpräsidentschaft. Bei Überreichung der Adresse führte Herr Geheimrat Goldberger u. a. aus: Was wir beschlossen haben, ist der dürftige, vielleicht der bescheidene Ausdruck herzinniger Dankbarkeit, die wir für Sie empfinden, der Sie in langen Dezennien der Bannerträger gewesen sind der hehren und segenbringenden Aufgaben und Ziele der Alliance in Standhaftigkeit, Entschlossenheit und Unerschrockenheit. Was wir Ihnen bringen, ist nur ein kleines Zeichen der unauslöschlichen Erkenntlichkeit, die wir für den Mann hegen, der auf weiten und wesentlichen Gebieten geistigen Schaffens und werktätiger Menschenliebe sich allzeit bewährt hatte in einer vom Himmel begnadeten und von den Menschen gewürdigten Wirksamkeit, als einer der Unsrigen, als einer der zuverlässigsten und Treuesten unserer Glaubensgemeinschaft. So wagen wir es, zu hoffen, Sie werden den Ehrenvorsitz, den wir Ihnen antragen, annehmen und werden hierdurch noch mehr den innigsten Zusammenhangfestigen, der mit uns besteht, wie wir Sie lieben und verehren, die wir auf Ihren klugen Rat allezeit hören werden, weil wir auf ihn hören wollen als auf den Rat eines Weltweisen." Die erwähnte Adresse enthielt den folgenden Passus: „Wir finden die Beweggründe, die für Sie, hochverehrter Herr Sanitätsrat, bei der Leitung unserer Institutionen bestimmend waren, angedeutet in dem Aufrufe der Alliance vom März 1870, der die jüdischen Gemeinden in Europa und Amerika mit schönem, von Ihnen mit herbeigeführtem Erfolge zur Adoption hilfloser russischer Waisenkinder ermahnte. Die Worte lauten: „Unsere Alliance, Brüder, ist ein Einigungsband für alle Israeliten der Erde im Namen der Liebe, der Gerechtigkeit und der Freiheit". Liebe, Gerechtigkeit und Freiheit leuchteten über Ihrer resamten öffentlichen Tätigkeit, verklärten Ihre Arbeit im Dienste dieser teuren Stadt und so auch Ihre Tätigkeit im Dienste Ihrer Glaubensbrüder/' Herr Sanitätsrat Neumann erwiderte in bewegten und zu Herzen gehenden Ausführungen, die von staunenswerter Geistesfrische Zeugnis ablegten. Er Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. verbreitete sich liebevoll über die Entwickelung und die gegenwärtige Stellung der Alliance, namentlich in Deutschland, indem er u. a. ausführte: „Die Arbeit für die Alliance betrachte ich als ein Stück meiner Lebenstätigkeit. Und wenn ich nunmehr mit Rücksicht auf Alter und Krankheit aus Ihrem Comite ausgeschieden bin, so bleibe ich doch mit unserer Alliance als Mitglied des Central-Comites verbunden. Jn dieser Eigenschaft erhielt ich erst gestern noch ein Schreiben aus Paris, in welchem mir der Plan einer Reorganisation der deutschen Comites der Alliance zur Beurteilung vorgelegt wird. Seit den letzten fünf Jahren, meine Herren, sind wir innerhalb des eigenen Lagers in eine Art Kampfstellung gedrängt worden. Die Motive, die unsere Gegner beseelen, kann ich nicht als berechtigt anerkennen. Daß unsere Abwehr nicht überall zu einem günstigen Ergebnis geführt hat, rührt daher, daß bei uns deutschen Juden, die wir die vaterländischen Pflichten mit Heiligkeit auffassen und mit Gewissenhaftigkeit erfüllen, doch auf der anderen Seite das Solidaritätsgefühl der eigenen Glaubensgemeinschaft nicht stark genug ausgeprägt ist. Möchten wir uns doch zuweilen daran erinnern, daß unsere politische Gleichberechtigung in Frankreich ihr Vorbild hatte, und daß gleichwohl jene hochgesinnten französischen Juden, welche die Alliance Israelite Universelle ins Leben riefen, kein Bedenken trugen, ihr den klaren und unverrückbaren Charakter der länderverbindenden Universalität zu geben. Auch das sollten wir niemals aus den Augen verlieren, welche herrlichen, praktischen Werke aus diesem hohen Ideal erwachsen sind, einem Ideal, das der Alliance im Fluge die Herzen der Juden in den verschiedensten Ländern gewann. Noch heute verbindet die Personalunion im Präsidium die Alliance mit jener großartigsten Gründung des Baron Hirsch, der Jewish Colonization Association, und dieser Umstand weist aufs deutlichste darauf hin, daß die reichste und wirksamste jüdische Hilfstätigkeit doch am Ende nur auf dem Boden eines universell-brüderlich verstandenen Judentums sich aufbauen kann. Die Behauptung, daß die Alliance Israelite Universelle dazu bestimmt sei, um im wesentlichen französische Interessen zu fördern, konnte nur ein auf falsche Wege geleiteter Nationalismus aufstellen. Unsere Freunde in Paris haben selbst gegen eine planvolle Zusammenfassung der deutschen Kräfte innerhalb der Alliance, als wir es 1872 versuchten, nichts einzuwenden. Der Einspruch hiergegen kam vielmehr von deutscher Seite, auf der man hier und dort bereits damals eine Loslösung anstrebte. Wie weit die von Ihnen, m. H., beabsichtigte Wiederholung des Versuches, die deutschen Kräfte innerhalb der Alliance zu zentralisieren, auf Widerspruch stoßen wird, vermag ich in meiner Zurückgezogenheit nicht zu beurteilen. Ich wünsche Ihnen vollen Erfolg. Bei unserer Mitarbeit von hier aus waren wir stets darauf bedacht, uns ein freies, unabhängiges Urteil zu wahren. Von all Ihrem Lob, m. H., darf ich wohl das eine annehmen, daß ich es der Pariser Centrale gegenüber nicht an unerschrockener Kritik fehlen ließ; und niemals wurde diese als Unfreundlichkeit empfunden." Indem darauf Herr Dr .Neumann seinem Nachfolger im Vorsitz mit herzlichem Willkommen begrüßte, schloß er wie folgt: ,,Sie haben die Parole ausgegeben: Harchivi m' kom oholech: Wir wollen das Zelt unserer Wirksamkeit erweitern. So rufe ich Ihnen denn zu: In Gottes Namen! Und möge es Ihnen gelingen!" Wir haben an diesen Vorgang erinnert, da er Art und Wesen des jetzt Heimgegangenen in vollem, hellem Lichte zeigt. Wir haben in ihm einen der Treuesten verloren. Doch seines Wirkens Spuren werden nimmer verlöschen. HDV3h